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Wüstenstadt Palmyra: Kulturerbe schützen bevor es zerstört wird

Palmyra Ruinen

Die Schäden an den Ruinen der Wüstenstadt Palmyra sind offenbar nicht so verheerend wie zuvor von Experten befürchtet.

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AFP

Köln/Palmyra -

Noch tobt der Krieg in Syrien und im Irak, noch immer wüten IS-Truppen und ihre Raubgräber in den antiken Stätten von Mossul, Ninive, Nimrud, Hatra – und nicht nur Weltkulturerbe wird zerstört, auch historisch gewachsene Stadtviertel versinken für immer in Schutt und Asche. Vielleicht ist es in Palmyra tatsächlich nicht so schlimm gekommen wie viele Denkmalschützer befürchtet hatten, vielleicht lassen sich mit ausländischer Hilfe gesprengte Triumphbögen, Tempelmauern und Säulenreihen in Palmyra tatsächlich binnen weniger Jahren rekonstruieren – wenn es denn endlich einen stabilen Frieden gibt.

Gegen den Terror des Islamischen Staates wünscht sich der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp die „kämpferische Reproduktion“ von zerstörten Kulturstätten. Unterstützt wird er von Hermann Parzinger, Präsident der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Natürlich könne man nicht alles rekonstruieren und das Ausgelöschte könne niemals die Authentizität des Originals ersetzen, so Parzinger: „Das Zerstörte ist für immer verloren.“ Aber es gebe Monumente, die so wichtig für die kulturelle Identität und Geschichte der Menschen sind, dass sie rekonstruiert werden sollten.

Die Rekonstruktion wird digital vorbereitet

Das bereiten unter anderem in Berlin Archäologen und Denkmalpfleger bereits vor. So erstellt etwa das Vorderasiatische Museum digitale Dokumentationen von historischen Stätten vor ihrer Zerstörung. Die können beim Wiederaufbau helfen und sichern zugleich das digitale Gedächtnis der Menschheit.

Die internationale Weltkulturerbe-Konvention der Unesco verpflichtet ihre Zeichnerstaaten zu einer Schutzverantwortung für Orte und Stätten von außergewöhnlichem universellen Wert. Nicht ein Volk und ein Staat allein stehen für sie ein, sondern die gesamte Menschheit. „Kultur war immer schon das Opfer von Kriegen“, erklärt Unesco-Generaldirektorin Irina Bokova. „Doch was wir jetzt sehen ist neu, die Größenordnung und das Ziel der Angriffe: Es geht um Menschen, es geht um ihre Identität, um die Humanität, die wir alle teilen.“

Politisch geht es längst nicht mehr nur um Wiederaufbau. Denkmalpfleger mahnen eine präventive Schutzverantwortung an: Muss die Weltgemeinschaft ihr Kulturerbe nicht auch militärisch schützen? Braucht es internationale Kulturgutschutz-Truppen etwa gegen den IS?

Eine Kulturarmee - „Blue Shield“

Für eine eigens für den Kulturgutschutz aufgestellte kämpfende Truppe mag sich tatsächlich niemand stark machen. Zuerst müsse es um den Schutz von Menschen gehen. Sollen Soldaten für Denkmäler fallen? Doch die internationale Gemeinschaft könnte bei der „Cultural Property Protection“ (CPP) rechtlich und praktisch längst weiter sein. Seit 1954 erklärt die Haager Konvention die Zerstörung, Beschädigung und Plünderung von Kulturgut zum Kriegsverbrechen. Dagegen könnte der Internationale Strafgerichtshof noch schärfer vorgehen.

Seit 1996 gibt es das „Blue Shield“ (deutsch: „Blaues Schild“) als völkerrechtlich verankerte Organisation für den Kulturgutschutz im Kriegs- und Krisenfall. Doch nur in wenigen Ländern wie Österreich oder in den USA gibt es Kultur-„Blauhelme“, ehrenamtlich arbeitenden Denkmalpfleger. Mit ihren geringen Mitteln beraten sie das Militär. So hätte die US-Army bei ihrem Einmarsch im Irak Plünderungen von Museen, Zerstörungen von Ausgrabungsstätten verhindern können, hätten sie auf das „Blue Shield“ gehört.

„No-Strike“-Listen des Blue Shield warnen die Nato vor Luftangriffen in Libyen, Mali oder Jemen auf Kulturstätten, die nicht getroffen werden sollen. Immerhin rekrutiert die US-Armee Reservisten aus dem Kulturbereich als neue „Monumentsmen“, also Schützer von Kulturgut. Ihre Arbeit soll Bestandteil der eigenen militärischen Strategie werden. In Deutschland spielt das „Blue Shield“ politisch bislang noch keine Rolle.