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Yasar Kemal: Ein rebellischer Homer

Wenn nicht das Alter wäre, stünde er große türkische Schriftsteller Yasar Kemal an vorderster Reihe bei den Massenprotesten dieses Jahres.

Wenn nicht das Alter wäre, stünde er große türkische Schriftsteller Yasar Kemal an vorderster Reihe bei den Massenprotesten dieses Jahres.

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dpa

Unermüdlich ist dieser Mann. Vor wenigen Tagen erschien der Roman von Yasar Kemal „Der Vogel mit einem Flügel“. Ein Roman über die Angst. Der Postbeamte Remzi wird in eine Kleinstadt, die jeder meidet und deren Bevölkerung die Stadt längst verlassen hat, versetzt. Ein fantastisches Märchen angesiedelt in der anatolischen Provinz in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Doch die Erzählung ist voller Bezüge zur gesellschaftlichen Realität der türkischen Gesellschaft.

„Ich habe immer Angst vor der Angst“ gestand Yasar Kemal eimal. Bei jedem Roman habe er darum gekämpft die Angst zu überwinden. Der, der dies sagt, ist ein furchtloser Mann. Ein Mann der stets den Herrschenden in der Türkei opponierte und ein Romancier, der mit seinem literarischen Schaffen ein eindrucksvolles Panorama der türkischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert entworfen hat.

Yasar Kemal ist so alt wie die moderne, türkische Republik, die im Jahr 1923 gegründet wurde und die Nachfolge des hinfälligen Osmanischen Reiches antrat. Seine Biografie und sein Werk spiegeln die gesellschaftlichen und politischen Widersprüche der türkischen Gesellschaft wider. Es beginnt schon mit seinem Geburtsdatum. Irgendein Beamter hat irgendein Geburtsdatum eingetragen, als die Eltern Jahre nach der Geburt den Jungen offiziell registrieren ließen. Der Kemalismus, benannt nach dem Staatsgründer Kemal Atatürk, verkündete die Bürgerrepublik und den Nationalismus. Von oben herab, mit militärischer Disziplin sollten aus Untertanen Bürger werden. Geburtsurkunde und ein Geburtsdatum gehörten eben dazu.

"Memed, mein Falke": Symbol der Rebellion

Das Ende des Osmanischen Reiches und der Erste Weltkrieg ist eine Ära von Massenvertreibungen und Pogromen. Auch Kemals Eltern sind Flüchtlinge, die vor Russischen Truppen fliehen. Kemal wächst in einer kurdischen Familie in einem turkmenischen Dorf auf. Bei einem Unfall verliert er ein Auge. Als Fünfjähriger wird er Zeuge wie sein Vater in der Moschee erstochen wird. Kemal verdingt sich als Landarbeiter, Hirte, Treckerfahrer. Als Jugendlicher kommt er mit den Ideen des Sozialismus in Berührung. Er ist erst 17 Jahre alt, als er von der Polizei festgenommen wird. Die ethnische und religiöse Vielfalt Anatoliens, Ausbeutung und Unterdrückung der Bauern und Landarbeiter und ein Staat, der die Bevölkerung knebelt: Nicht aus der Distanz kennt Kemal die Verhältnisse. Sie sind untrennbarer Teil seiner Lebensgeschichte aus der sich seine Werke speisen.

Yasar Kemal ist eine Legende. Sein erster Roman Memed, mein Falke (Ince Memed), erstmals 1955 erschienen und mittlerweile in über vierzig Sprachen übersetzt, wurde in der Türkei zum Symbol der Rebellion und des Aufbegehrens gegen die Herrschenden. Eine moderne Robin Hood Saga, angesiedelt in der Cukurova-Ebene im Südosten der Türkei, wo Memed gegen den ausbeuterischen Großgrundbesitzer Abdi Aga zu Felde zieht. Der Räuber und Rebell Memed wurde zur Leitfigur politischer Manifestation gegen Ausbeutung und Unterdrückung.

Anatolische Erzähler, die von Dorf zu Dorf zogen und Geschichten mündlich überlieferten, hinterließen großen Eindruck auf Kemal. Er habe gedichtet, bevor er lesen und schreiben gelernt habe, sagt Kemal. Nie hat er einen Hehl daraus gemacht, dass die mündliche Überlieferung zu den Quellen seiner Romane gehört. „Er ist ein Erzähler in der Tradition Homers“ sagt der Filmregisseur Elia Kazan. Zu seinen Lieblingsliteraten zählen Stendhal und Tschechov. Der Gedanke Ince Memed zu schreiben, kam ihm nachdem sein Cousin, ein Räuber, von der Gendarmerie erschossen worden war.

Kemal ist nicht käuflich

Kemal war stets ein militanter Linker. 1950 kommt er wegen „kommunistischer Propaganda“ ins Gefängnis. 1962 ist er führendes Mitglied der linkssozialistischen „Arbeiterpartei der Türkei.“ Er gehört 1967 zu den Gründern der linken Zeitschrift Ant, die nachhaltigen Einfluss auf die Linke in der Türkei hat. Als der dreckige Krieg des türkischen Staates gegen die kurdische Guerillabewegung auf ihrem Höhepunkt ist und Todesschwadronen missliebige kurdische Intellektuelle ermorden, schreibt Yasar Kemal einen Essay für den „Spiegel“. Niemand traute sich damals auszusprechen, was Kemal aussprach. Ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sei das, was der türkische Staat betreibe. Die Republik habe ein „System unerträglicher Zwänge und Grausamkeiten entwickelt. Das hat sie mit orientalischer Verstellungskunst und Doppelzüngigkeit vor den Augen der Menschheit zu verbergen gesucht. Die Türkische Republik hat eine Tyrannei über der anatolischen Bevölkerung errichtet, dass diese tausendfach die osmanische Autokratie wieder herbeisehnt.“ Kemal wurde erneut vor Gericht gezerrt. Wegen eines Aufsatzes für „Index on Censorship“ im gleichen Jahr wird er zu einer 20 monatigen Haftstrafe verurteilt, die auf Bewährung ausgesetzt wird.

Erst 2008 versucht der türkische Staat Kemal entgegenzukommen. Staatspräsident Abdullah Gül verleiht ihm den höchsten türkischen Kulturpreis. Doch Kemal ist nicht käuflich. Wäre nicht das Alter und die Krankheit – Kemal stünde er an vorderster Reihe auf den Massenprotesten im Sommer dieses Jahres. Er, der Rebell schließt keinen Frieden mit dem Staat.

Schönste Zeit als Treckerfahrer

„Dieses Land ist das Land großer Schmerzen und Massaker“ sagt Kemal: Die Aleviten, die Jesiden, die Aramäer, die Turkmenen, die Kurden, die Armenier. Krieg und Gemetzel sind im Interesse der Herrschenden. Doch es gibt die Mühe der Menschheit sich des Drecks zu erledigen. Die heiligste Mühe ist gegen Feindseligkeit anzutreten und Widerstand für den Frieden zu leisten.“ Eine Delegation des armenischen Kultusministeriums verlieh im April dieses Jahres Yasar Kemal in seiner Istanbuler Wohnung den Krikor Naregastsi Preis für seine Verdienste für den Erhalt der Ahtamar-Kirche, einer heiligen Stätte der Armenier. Es war das Jahr 1951 als Yasar Kemal dagegen rebellierte wie der türkische Staat armenische Heiligtümer der Zerstörung preisgab. Mehr als ein halbes Jahrhundert sind seitdem vergangen.

Mit der Insel-Tetralogie, deren Abschlussroman „Nacktes Meer, Nackte Insel“ im vergangenen Jahr erschien hat sich der große, alte Mann der türkischen Literatur der griechisch-türkischen Geschichte gewidmet. Nach dem ersten Weltkrieg und dem griechisch-türkischen Krieg hatten der griechische und türkische Staat gemeinsam für ganze Bevölkerungsgruppen Deportation und Neuansiedlung beschlossen. „Moslems“ wurden in die Türkei, Griechisch-Orthodoxe-Christen nach Griechenland abgeschoben. Und wie immer bei Kemal sind die leidgeprüften, kleinen Leute mit ihren Freuden und Ängsten, die Helden der Romane.

Es ist wohl eher dem Zufall und der politischen Konjunktur geschuldet, dass Orhan Pamuk und nicht Yasar Kemal den Literaturnobelpreis erhalten hat. Die erste Nominierung Kemals für den Literaturnobelpreis datiert vom Jahr 1973. Pamuk und Kemal verkörpern zwei verschiedene Welten. Pamuk, der liberale Demokrat aus einem Elternhaus der wohlhabenden, republikanischen Elite. Auf der anderen Seite Kemal, der mittellose Landarbeiter, dessen Onkel und Cousin Räuber waren, der Linksradikale: Ein anatolischer Plebejer. Die schönsten Tage seines Lebens, sagt Kemal, waren die Tage als Treckerfahrer.


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