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Zentrum für Politische Schönheit: Die Mauer steht, die Kunst geht weiter

Endlich! Ein Mann und die Mauer im November 1989.

Endlich! Ein Mann und die Mauer im November 1989.

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christian schulz

Wenn der Vorhang gefallen ist, beginnen die Aufräumarbeiten. Nach einem Stück, dass 131 Stunden dauerte und dabei in insgesamt acht Staaten gastierte, kann das eine Weile dauern. Vielleicht befinden wir uns aber auch noch mitten in der Zugabe. Wer weiß.

Im Prelude zum „Ersten Europäischen Mauerfall“ jedenfalls lieh sich die Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit die vierzehn weißen Kreuze, die am Tiergarten an die Mauertoten erinnerten, um sie in Melilla mit Flüchtlingen zu fotografieren.

Nachdem diese Aktion landläufig als gemeiner Diebstahl bezeichnet wurde, sorgte unterdessen der Abgeordnete Niema Movassat, Linke, mit einer schriftlichen Frage an die Bundesregierung für Klarheit, indem deren Antwort nun vor allem die Unklarheit in diesem Sachverhalt ans Tageslicht brachte:

Frage: Wer ist nach Kenntnis der Bundesregierung Besitzer bzw. welche Behörde fühlt sich für die vom Zentrum für politische Schönheit entliehenen Gedenkkreuze zuständig, und welche Landes- und Bundesbehörden sind derzeit (...) mit Ermittlungen bezüglich des Abhandenkommens dieser Kreuze aktiv?

Antwort: Die Ermittlungen werden vom Landeskriminalamt Berlin geführt. Bundesbehörden sind nicht involviert. Die Eigentums- und Besitzverhältnisse der in Rede stehenden Gedenkkreuze sind der Bundesregierung nicht bekannt.

Also: Wo kein Besitzer, da kein Dieb. Aber jede Menge Ankläger.

Das eigentliche Stück, die Eröffnungsperformance des „Voicing Resistance“-Festivals im Maxim-Gorki-Theater, führte die Künstler des Zentrums für politische Schönheit per Flugzeug und hundert Statisten per Bus an die bulgarisch-türkische Grenze, endete dort 300 Meter vor dem mit Nato-Draht bewehrten Grenzzaun, der eigentlich in einem großen Finale mit Bolzenschneidern durchtrennt werden sollte, was von zwei Dutzend Polizisten in Kampfmontur verhindert wurde. Warum der Bus zuvor bereits an der ungarisch-serbischen Grenze von gut informierten Beamten empfangen, durchsucht und von da an im Schichtbetrieb eskortiert wurde, ließ der Abgeordnete, Andrej Hunko, Linke, untersuchen:

Frage: Mit welchem Inhalt haben Bundesbehörden im Vorfeld der Performance „Europäischer Mauerfall“ des Zentrums für politische Schönheit Sicherheitsbehörden im In- und Ausland kontaktiert und welchen entsprechenden Kontakt hatten Bundesbehörden mit Sicherheitsbehörden im In- und Ausland während der Aktion bis zur Rückkehr der Beteiligten (bitte für jeden Vorgang die jeweils beteiligten Dienststellen bzw., sofern ebenfalls bedient, die benutzten Kanäle, etwa das Netzwerk von Verbindungsbeamt/innen oder die Police Working Group of Terrorism, angeben)?

Antwort: Nachdem durch das Internet bekannt wurde, dass eine Gruppe namens „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ für den 9. November 2014 aufrief, Grenzanlagen in Griechenland und Bulgarien mittels Bolzenschneider „abzureißen“, wurden die Grenzpolizeilichen Verbindungsbeamten der Bundespolizei (Bulgarien, Rumänien, Serbien, Ungarn, Griechenland und Kosovo) durch das Bundespolizeipräsidium hierüber informiert und um Weiterleitung dieser Informationen an die dortigen Grenz-/Polizeibehörden gebeten. Die Grenzpolizeilichen Verbindungsbeamten der Bundespolizei haben ihrerseits durch die dortigen Grenz-/Polizeibehörden Informationen über getroffene Maßnahmen erhalten. Das Bundeskriminalamt informierte wegen des begründeten Verdachts auf mögliche Straftaten über seine Verbindungsbeamten ebenfalls die bulgarischen bzw. griechischen Sicherheitsbehörden über den Sachverhalt. Auf gleichem Wege erfolgte auch die Mitteilung, dass bei der durch die Berliner Polizei durchgeführten Abfahrtkontrolle keine strafrechtlich relevanten Gegenstände festgestellt worden sind.

Fazit: Was Kunst ist und was nicht, wo ihre Freiheit anfängt und endet, das ist Sache der Sicherheitsbehörden. Berlins Innensenator Frank Henkel, der in diesem Zusammenhang versprach, die Rolle des Gorkis in diesem Stück aufzuklären, ist dort bisher aber nicht wieder aufgetreten. Applaus.



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