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Berliner Zeitung | Zentrum für Politische Schönheit: Polizei stoppt Aktion „Europäischer Mauerfall“
10. November 2014
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Zentrum für Politische Schönheit: Polizei stoppt Aktion „Europäischer Mauerfall“

Protest gegen die neuen Mauern

Protest gegen die neuen Mauern

Foto:

Paul Wagner

Dreihundert Meter vor dem Zaun war Schluss. Grenzpolizisten in Kampfmontur versperrten den Aktionskünstlern vom Zentrum für Politische Schönheit und ihren rund hundert Begleitern den Weg. Man konnte sich an dieser Stelle fragen, ob man ernsthaft geglaubt hatte, dass sie ihr Ziel hätten erreichen können: Zu dem drei Meter hohen Zaun vorzudringen, der auf einer Länge von 30 Kilometern Bulgarien von der Türkei trennt, um Flüchtlinge davon abzuhalten, auf dem Landweg die Europäische Union zu betreten. Mit Bolzenschneidern wollte die Gruppe den Zaun durchtrennen. Die Aktion sollte ihr Beitrag zum Gedenken an den Mauerfall vor 25 Jahren sein.

Von Mitarbeitern des bulgarischen Innenministeriums empfangen

Die Künstlergruppe um den „Regisseur“ Philipp Ruch hatte wohl derart überzeugend gewirkt, dass der bulgarische Innenminister im Vorfeld garantiert hatte, alles dafür zu tun, damit die Grenze unversehrt bliebe. Einer seiner Referenten empfing die zwei Reisebusse mit den Teilnehmern der Aktion an der serbisch-bulgarischen Grenze und warnte freundlich vor den strafrechtlichen Konsequenzen.

Die Reisebusse waren am Freitagnachmittag unter Beaufsichtigung des Staatsschutzes vor dem Maxim-Gorki-Theater in Berlin aufgebrochen. Dort hatte die Intendantin Shermin Langhoff die Gruppe verabschiedet und die Aktion verteidigt, die Kritiker wegen des direkten Vergleichs der Opfer an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze mit den Flüchtlingen, die heute auf ihrem Weg nach Europa sterben, zynisch und geschmacklos genannt hatten. „Es wäre eine Katastrophe“, sagte Langhoff, „wenn die Geschichte nichts mit der Gegenwart zu tun hätte.“ Zynisch sei es folglich, im Gedenken an die Mauertoten die derzeit in Europa errichtete Mauer nicht zu erwähnen.

Der Fahrt war eine andere Aktion des Zentrums für Politische Schönheit vorausgegangen: Anfang vergangener Woche hatte man die Kreuze, mit denen am Tiergarten den Mauertoten gedacht wird, entwendet und in die Enklave Melilla an der EU-Außengrenze gebracht. Unter dem Titel „Erster Europäischer Mauerfall“ war die Aktion nun als Auftakt zu dem Festival „Voicing Resistance“ gedacht, das bis Dezember im Gorki läuft.

Die Fahrt war von vornherein als Kunstaktion erkennbar. Trotzdem wurden die Busse bereits an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien stundenlang durchsucht und, nachdem die Bolzenschneider inventarisiert worden waren, von der Polizei bis nach Bulgarien begleitet. Im Internet hatten dort inzwischen rechtsextremistische Gruppen mobilisiert. Vorsorglich hatte die Polizei sämtliche Hotels in der Gegend um die Stadt Jambol, Ziel der Reisegruppe, belegt.

Zur Grenze begleitete die Gruppe dann aber doch nur die Polizei und ein Tross bulgarischer und deutscher Medienvertreter. Trotz beharrlicher Verhandlungen mit den Grenzbeamten wurde die Gruppe nicht zum Zaun vorgelassen. Sie beließ es bei Protestgesängen und verließ das Land nach der Aktion Richtung Griechenland, wo eine Hundertschaft mit einem Wasserwerfer ihre Ausreise sicherte. Am Montag waren dann auch die Gedenkkreuze laut Polizei wieder zurück in Berlin.