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Zum Tod von Ettore Scola: Die ganze Welt im Mikrokosmos

Mit wissendem Blick: Ettore Scola ( 10. Mai 1931–19. Januar 2016).

Mit wissendem Blick: Ettore Scola ( 10. Mai 1931–19. Januar 2016).

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AP/Antonio Calanni

Man muss schon aus einem sehr kleinen Dorf stammen, um ein solches Vertrauen in die Erzählkraft von Mikrokosmen zu haben. Ettore Scola wurde 1931 in dem Flecken Trevico geboren, der damals weniger Einwohner hatte als das Mietshaus in seinem preisgekrönten Film „Ein besonderer Tag“ von 1977. Die Familie Scola zog nach Rom, als er noch ein Kind war. Diese Größenverhältnisse sind hilfreich, um sein filmisches Universum zu vermessen.

Meist steckte sich Ettore Scola einen engen erzählerischen Radius, den er dann zu einem Panorama der italienischen Gesellschaft erweiterte. Dieser Meister des intimen Freskos ging in jedem Film eine Wette mit selbst auferlegten Beschränkungen ein. Wechselweise hielt er die klassischen Einheiten von Raum oder Zeit ein (mitunter sogar im selben Film), um überaus komplexe und verzweigte Handlungskonstellationen zu entfalten. In „Le Bal“ (für den er 1983 einen Silbernen Bären der Berlinale erhielt) ließ er fünf Jahrzehnte, in „Die Familie“ (1987) gar 80 Jahre italienischer Zeitgeschichte an einem einzigen Ort Revue passieren.

In „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“, für den er 1976 beim Festival von Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde, wird eine Wellblechhütte zu einem Welttheater der Niedertracht. In Kammerspielen wie „Ein besonderer Tag“ und „Wie spät ist es?“ (1989) hingegen genügte ihm ein einziger Tag, um die Biografien seiner Hauptfiguren schlaglichtartig zu verdichten. Er drehte Reisefilme („Die Reise des Capitan Fracassa“, 1990), die vollständig in den Studios von Cinecittà entstanden, und besichtigte im geschlossenen Raum einer Kutsche eine ganze Epoche („Flucht nach Varennes“, 1982). Stars wie Marcello Mastroianni und Sophie Loren besetzte Ettore Scola systematisch gegen ihr Image.

Seine raffinierten Konstruktionen von filmischem Raum und filmischer Zeit waren nicht bloße Laborversuche des Erzählens. Sie stellten bittere Fragen an die Gesellschaft. Sein Blick für die Zeitläufte und die sozialen Widersprüche wurde bei der satirischen Wochenzeitschrift „Marc’ Aurelio“ geschärft, die er schon als Jugendlicher mit Karikaturen belieferte. Dort freundete er sich mit Federico Fellini an, dem er 2013 seinen letzten Film widmete. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er als Gag-Schreiber und Drehbuchautor zum Film. Als Regisseur blieb er dieser zweifachen Herkunft treu: Die Kameraarbeit begriff er als ein paralleles Schreiben, das behutsam und mit agiler Geduld eine weitere Wahrheit über die Figuren offenbart.

Der italienische Premierminister Matteo Renzi beklagte, Ettore Scolas Tod hinterlasse eine riesige Lücke in der italienischen Kultur. Die gesellschaftlichen Probleme seiner Heimat verlor Scola nie aus den Augen: die Arbeitslosigkeit, das Nord-Süd-Gefälle, der Verlust der kulturellen Identität, später auch die Lethargie der Linken. Beinahe wäre der leidenschaftliche Kommunist einmal Kulturminister geworden. Das Unbehagen an den Lebensentwürfen, die der wirtschaftliche Boom diktierte, wurde in den 1960er-Jahren zur Triebfeder seiner Komödien. Deren volkstümliche Subversion wurzelte in der genauen Wirklichkeitsbetrachtung des Neorealismus.

Noch ein besserer Filmemacher werden

In „Eifersucht auf Italienisch“ vermählte er 1970 das Politische und das Private mit bis dahin ungekannter Selbstverständlichkeit – der Morgen nach dem Fest der linken Tageszeitung L’Unità ist eine der romantischsten Szenen seines gesamten Œuvres! In seinem Meisterwerk „Wir hatten uns alle so geliebt“ erschloss sich dieser zärtlich-sarkastische Ethnologe 1974 die italienische Nachkriegsgeschichte, indem er einen Freundeskreis porträtiert, der die Ideale der Widerstandsbewegung zusehends verraten sieht.

1982 erlitt Ettore Scola während der Dreharbeiten zu „Le Bal“ einen Herzinfarkt. Er nahm eine Auszeit und schwor sich, nun ein besserer Filmemacher zu werden. Der Tonfall seiner Filme änderte sich, wurde nostalgischer, melancholischer; die Farben waren gedämpfter. Scola entdeckte, dass die Erinnerung und das Verstreichen der Zeit insgeheim schon immer seine großen Themen gewesen waren. Die törichten Umbrüche der italienischen Gesellschaft empörten ihn weiterhin; resignieren ließen sie ihn nicht. Nun ist der letzte Überlebende des populären, politisch wachsamen Kinos am 19. Januar in Rom einem neuerlichen Infarkt erlegen. Seine Filme werden noch besser werden.