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Zum Tod von Gottfried John: So einer verblasst nicht

Gottfried John ist im Alter von 72 Jahren in der Nähe von München gestorben.

Gottfried John ist im Alter von 72 Jahren in der Nähe von München gestorben.

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dpa

Es dauerte, bis sich Gottfried John leiden mochte. Der Jugendliche litt unter seiner Nase – riesig und dazu noch etwas krumm. Seine Augen schienen ihm zu schmal, das Gesicht zu klobig und der Körper so lang, dass er überall anzuecken drohte. Er stand nicht gern im Mittelpunkt, und doch bewarb er sich in Berlin am Reinhardt-Seminar, um Schauspieler zu werden – wie übrigens viele unsichere Menschen. In einer gespielten Rolle verlieren sie alles Linkische und Gehemmte, das sie in ihrem eigentlichen Ich mit sich herumschleppen. Wenn es gut läuft, dann überspielen sie später in ihren Rollen die Unsicherheit aber nicht völlig, sondern lassen sie noch in den scheinbar selbstsichersten Typen hindurchlugen. So einer war Gottfried John.

Ein erfahrener Mensch, schon als Junge. Er war in verschiedenen Heimen aufgewachsen, der Vater blieb unbekannt, seine Mutter, der das Sorgerecht entzogen worden war, hatte ihn aus der amtlichen Fürsorge befreit und nach Paris entführt. Auf eigene Faust kehrte er als junger Erwachsener nach Berlin zurück, machte mehrere Anläufe in die Schauspielerei und versuchte es am Ende bei besagter Schauspielschule. Mit Erfolg.

Oft gab er den harten Kerl, den ausgemachten Bösewicht und fiesen Mörder, aber nie ging er ganz in der Bosheit auf. Etwas Verletzliches war um ihn, und das nicht nur wegen seiner weichen, aber markanten Stimme, die ihn zu einem großartigen Rezitator von Rilke-Gedichten machte. Gottfried Johns Bosheit – die Bosheit seiner Paraderollen – war eine, die sich aus der kleinsten Kränkung speiste. Er verkörperte das Monströse einer überaus zarten Seele.

Kein festes Rollenklischee

Der Regisseur, der darauf anspringen musste wie kein zweiter, war Rainer Werner Fassbinder. Von der Fernsehserie „Acht Stunden sind kein Tag“ aus dem Jahr 1972 bis zu „Lili Marleen“ von 1980 legten die Fassbinder-Filme den Grundstein für die bemerkenswerte Karriere Gottfried Johns, dessen Filmographie am Ende mehr als 300 Rollen umfasste.

Auf ein festes Rollenklischee festlegen ließ sich Gottfried John nie, auch bei Fassbinder spielte er nicht nur den Bösen. Und doch wird er uns so im Gedächtnis bleiben. Das liegt – neben der Rolle des General Ouromov im James-Bond-Film „Goldeneye“ – vor allem an der des Reinhold in Fassbinders Filmversion des Romans „Berlin Alexanderplatz“.

Reinhold ist das personifizierte Böse, das sich vom Glück der anderen nährt. Ein knochiger langer Lulatsch, der nicht weiß, wohin mit sich; ein neurotischer Dauerkaffeetrinker, magenkrank und vergrübelt, der sich vom Glück des genießerischen Franz Biberkopf, dem arglosen Dicken mit der schönen Freundin, unwiderstehlich herausgefordert fühlt. Reinhold muss die Schöne ermorden; der Charme, den er aufbringt, um ans Ziel zu kommen, ist mit Arglist und Heimtücke vergiftet. Und umgekehrt: Er erwürgt Biberkopfs „Mieze“ sozusagen mit einem Lächeln.

Gottfried John wird der Döblin-Leser nicht mehr los; er wird für immer den bösen Reinhold mit der riesigen Nase des knochigen Schauspielers verbinden, seinen traurigen Augen und seiner verführerisch-traurigen Abstinenzlerstimme. Es ist der seltene Fall einer schier endlos anhaftenden Literaturvisualisierung – der literarische Biberkopf dagegen hat sich von der Verkörperung durch Günter Lamprecht in eben jener Fassbinder-Serie viel schneller wieder befreit. Anders gesagt: Ein Gottfried John verblasst nicht. Gestorben ist er aber nun doch. Mit 72 Jahren erlag der gebürtige Berliner am Montag einem Krebsleiden.