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Lagebild zu Rockerclubs in Deutschland: Rocker und Rechtsextreme - gemeinsam, aber nicht eins

Mitglieder des Rockerclubs Hells Angels

Mitglieder des Rockerclubs Hells Angels

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imago stock&people

Der bayerische NPD-Funktionär Sascha Roßmüller stand vor einem Karrieresprung. Anfang November vergangenen Jahres sollte der 41-Jährige in den Bundesvorstand gewählt werden und zum Vizechef der rechtsextremen Partei aufsteigen. Zwei Wochen vorher aber nahm ihn die Polizei fest. Als einer der führenden Köpfe des Rockerclubs Bandidos MC in Regensburg soll Roßmüller im Dezember 2010 an einer Schlägerei mit einer rivalisierenden Rockerbande in Straubing beteiligt gewesen sein.

Roßmüller ist nicht der einzige Rechtsextremist, der sich einer Rockergruppierung angeschlossen hat. Das stellt ein im vergangenen September von Bundesverfassungsschutz (BfV) und Bundeskriminalamt (BKA) gemeinsam verfasstes „Lagebild zu Verbindungen zwischen der rechtsextremistischen Szene und Rockergruppierungen“ fest.

Demnach gehörten im Jahr 2014 insgesamt 522 einschlägig bekannte Neonazis den im polizeilichen Sprachgebrauch als „Outlaw Motorcycle Gangs“ (OMCG) bezeichneten Rockergruppen an. Die meisten von ihnen finden sich der Analyse zufolge bei den Hells Angels und im Gremium MC, die zu den vier großen Rockergangs in Deutschland gehören. Etwas weniger Mitglieder haben Bandidos und Outlaws MC im rechten Spektrum rekrutiert. Daneben gibt es kleinere regionale Rockergruppen mit einem Neonazi-Stamm wie „Underdogs“ in Sachsen-Anhalt und „Stahlpakt“ in Thüringen.

Auf Nazi-Konzerten vertreten

Zu den Gründen der Annäherung beider Szenen gehört das seit Juni 2001 wirksame Verbot der rechtsextremistischen Organisation Blood & Honour (B&H). Weil diese der wichtigste Veranstalter von Nazirockkonzerten war, mussten die meist im Untergrund weiter arbeitenden B&H-Strukturen sich neue, besonders geschützte Auftrittsorte suchen. Ab 2001 nutzte man zunehmend Clubhäuser der Rockergruppen. Diese meist mit Wachen und Technik extrem gesicherten Liegenschaften erwiesen sich für die konspirativ organisierten Konzerte als geeignet.

Einem Verfassungsschutzbericht aus dem Jahr 2012 zufolge wurden zwischen 2001 und 2008 von 50 Nazi-Konzerten allein 33 in Clubhäusern des Bandidos MC durchgeführt, die meisten in Baden-Württemberg. Von der Annäherung profitierten auch die auf regionale und (kriminell-)wirtschaftliche Expansion ausgerichteten Rockerclubs.

Eine rechte Unterwanderung der Rockerszene wollen BfV und BKA in ihrem Lagebild gleichwohl nicht erkennen. Das liege zum einen daran, dass sich die Clubs in ihren Satzungen ausdrücklich als unpolitisch definieren. Zum anderen würden weite Teile der rechtsextremen Szene ohnehin eine zu große Nähe zu den Rockerclubs ablehnen, weil der „vergleichsweise hohe Anteil von Migranten … die Szene für viele Rechtsextremisten unattraktiv macht“, sagt die Analyse.

Kein Rockerclub in Gänze rechtsextremistisch

Hinzu komme schließlich auch, dass abgesehen von Einzelfällen wie Sascha Roßmüller, der im Bandidos-Chapter Regensburg „Secretary“ sein soll, „Rechtsextremisten überwiegend keine einflussreichen Positionen in Rockergruppierungen einnehmen“. Daher lasse sich auch „kein Rockerclub bzw. OMCG in Gänze als rechtsextremistisch einschätzen“. Ebensowenig sei festgestellt worden, dass die in den Clubs aktiven Neonazis zu deren Politisierung beigetragen hätten, heißt es in dem Lagebild.

Am stärksten ausgeprägt sind die „Durchmischungen“ von Rockerclubs mit Neonazis in den ostdeutschen Bundesländern. In Brandenburg etwa ist der Gremium MC laut Analyse vergleichsweise gut mit Rechtsextremisten vernetzt. Besonders das Gremium-Chapter Spremberg sei überdurchschnittlich mit Neonazis besetzt. In Thüringen würden demnach insbesondere die Angehörigen des Stahlpakt-Chapters Gera „häufig selbst rechtsextremistische Einstellungen vertreten und Kontakte zu regionalen Rechtsextremisten pflegen“.

Ein weiteres Phänomen in diesem Bereich sind Neonazi-Vereinigungen, die sich in Habitus und Organisation an Rockern orientieren. Das gemeinsame Lagebild von BfV und BKA nennt insbesondere die in Berlin aktive, extrem gewaltbereite Nazi-Gruppierung „Vandalen – Ariogermanische Kampfgemeinschaft“. Überschneidungen mit der Rockerszene stellt der Bericht auch bei der rechtsextremen „Bruderschaft Pankow“ aus Berlin fest. Mitglieder der Gruppe hätten an einer Hells-Angels-Feier teilgenommen und würden freundschaftliche Beziehungen zu verschiedenen Rockerclubs unterhalten.