Volker Ratzmann, Exponent des Realo-Flügels in der Fraktion. Er und Linken-Fürsprecher Dirk Behrendt sagten sich endlich auch öffentlich, wie wenig sie voneinander halten. Foto: dapd
Volker Ratzmann, Exponent des Realo-Flügels in der Fraktion. Er und Linken-Fürsprecher Dirk Behrendt sagten sich endlich auch öffentlich, wie wenig sie voneinander halten. Foto: dapd
Berlin –
Im internen Streit der Berliner Grünen wird die Tonlage schärfer. Die Partei steht vor einem Richtungskampf.
Volker Ratzmann, Exponent des Realo-Flügels in der Fraktion und Linken-Fürsprecher Dirk Behrendt, der Ratzmann mit einem veritablen Putsch zum Rücktritt als Fraktionschef gedrängt hatte, sagten sich am späten Mittwochabend endlich auch öffentlich, wie wenig sie voneinander halten. Behrendt kanzelte Ratzmanns Realo-Kurs als erfolglos und anbiedernd ab und geißelte insbesondere die Öffnung zur CDU. Ratzmann gab in einer emotionalen Rede Kontra und nannte Behrendts Verhalten „bigott“.
Damit kochte (nach dem Konflikt in der Fraktion) auch in der Partei brodelnd über, was schon seit Jahren zwischen „Realos“ und „Linken“ ungeklärt ist. Nämlich die Frage, in welche Richtung sich die Berliner Grünen entwickeln sollen: Eher klassisch links mit Blick auf die Stammwähler? Oder offen für neue Wählerschichten in der Mitte und für neue Themen, vor allem Wirtschaft?
Behrendt kritisiert die Öffnung zur CDU
Letzteres setzte sich im Wahlkampf durch. Spitzenkandidatin Renate Künast propagierte „Eine Stadt für alle“ als Ziel. Wie gering die Tragfähigkeit dieser Verabredung war, zeigte sich am Mittwoch bei einem Kleinen Parteitag der Grünen. Über Stunden widmeten sich die Redner, wie berichtet, zunächst ausgeruhten nachträglichen Analysen von Wahlkampf-Defiziten. Tacheles wurde erst zum Schluss geredet.
Künast zeigte sich dann auch engagiert im Wahlkampf, wollte "mehr aus Berlin machen" und die Probleme der Stadt tatkräftig angehen.
Foto: dpa
Bei den Berlinern kam sie dennoch nicht so recht an. Zwar konnte die grüne Spitzenkandidatin mit Sachargumenten durchaus überzeugen. Viele Wähler empfanden Künast aber als zu launisch und reserviert.
Foto: dpa
Außerdem fürchteten viele Grünen-Wähler eine Koalition mit der CDU. Erst im TV-Duell mit Klaus Wowereit bot Künast an, auch als als Juniorpartner mit der SPD zu koalieren. Damit gab sie die Hoffnung auf, Regierende Bürgermeisterin zu werden. Zu spät, wie viele fanden. Zahlreiche Wähler waren da schon zu den Piraten übergelaufen.
Foto: dpa
Das Wahlergebnis war dann auch denkbar knapp: Nur eine Stimme Mehrheit für Rot-Grün. Dennoch gingen der Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann (l.) und Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit optimistisch in die Koalitionsgespräche.
Foto: dpa
Knackpunkt war der Streit um die Verlängerung der Stadtautobahn. Die SPD will die A100 um das Teilstück zwischen Neukölln und Treptow erweitern. Die Grünen waren strikt dagegen und wollten das Geld lieber in andere Infrastrukturmaßnahmen investieren.
Foto: dpa
Bereits vor der Wahl war klar, dass die Verlängerung der A100 mit den Grünen nicht durchsetzbar sein würde. Zu groß waren die Proteste innerhalb der Partei.
Foto: dpa
Immer wieder hatten sich spontane Proteste gegen die Verlängerung der Autobahn gebildet - wie hier ein Flashmob an der Oberbaumbrücke.
Foto: dpa
Auch ein ausgehandelter Kompromiss konnte den Streit nicht beilegen und so ließ die SPD die Koalition platzen. Grünen-Fraktionschef Ratzmann musste sich für das Scheitern der Gespräche verantworten.
Foto: dpa
Trotz der Schlappe trat Ratzmann zusammen mit Ramona Pop erneut zur Wahl der Fraktionsspitze an. Beide setzten sich dann auch in Kampfabstimmungen durch - Ratzmann allerdings erst im zweiten Wahlgang.
Foto: dpa
Als Gegenkandidaten waren Dirk Behrendt und Canan Bayram angetreten. Sie fühlten sich als "linke Minderheit" in der Partei durch die Wahl der Realos Ratzmann und Pop ausgegrenzt. Die Interessen des linken Fraktionsflügels seien nicht angemessen vertreten.
Foto: dpa
Die Landeschefin der Grünen, Bettina Jarasch, hält eine Diskussion nach der verlorenen Regierungsbeteiligung für notwendig. Die Berliner Grünen hätten es in der Vergangenheit versäumt Konflikte zuzuspitzen, um vor der Wahl zu einem innerparteilichen Konsens zu kommen.
Foto: Paulus Ponizak
Der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wieland soll nun zusammen mit seiner Ex-Kollegin Michaele Hustedt in dem Konflikt vermitteln. Mit der Mediation soll in der nächsten regulären Fraktionssitzung am kommenden Dienstag begonnen werden.
Foto: Bündnis 90/ Die Grünen
Der Machtkampf in der Fraktion gipfelte nun vorläufig mit dem Rücktritt von Volker Ratzmann. Die Zukunft von Co-Vize Ramona Pop bleibt dagegen weiter ungewiss.
Entschlossen traten die Grünen noch im Sommer 2011 zur Abgeordnetenhauswahl an. Umfragewerte um die 30 Prozent, die gewonnene Landtagswahl in Baden-Württemberg und mit Renate Künast (r.) eine prominente Spitzenkandidatin: So sollte das Rote Rathaus erobert werden.
Dirk Behrendt widersprach der Auffassung etlicher Realos wie Ramona Pop, das Wahlergebnis von 17,6 Prozent sei ein großer Erfolg. Es liege trotz Fukushima nur 0,2 Prozent über dem Bundestagswahlergebnis von 2009, „da kann man von Erfolg nicht sprechen“, sagte Behrendt und meinte damit vor allem Ratzmann. Selbst die schwachen Grünen in Mecklenburg-Vorpommern hätten bei der Landtagswahl 5,3 Prozent zugelegt, da sei der Zuwachs von 4,5 Prozent für die Berliner Grünen „verdammt noch mal zu wenig“. Besonders geißelte er die Öffnung zur CDU. Sie sei völlig erfolglos gewesen, das sollten deren Befürworter endlich bekennen. „Wir haben von der CDU keine Wähler bekommen“ rief Behrendt.
Ratzmann räumte zwar ein, dass man gemessen an den Zielen eine Niederlage erlitten habe. Er verteidigte aber vehement den Kurs, die Partei zu öffnen und mit der Wirtschaft zu reden. Ratzmann griff den linken Flügel direkt an: „Wenn ihr sagt, das sind die Bösen und mit denen rede ich nicht mal, dann führt das die Partei zurück in die ökosoziale Nische der 80er Jahre“. Und „Dirk, glaubst du denn, das sind alles Idioten, die keine Verantwortung für die Stadt übernehmen wollen? Glaubst du, alle mit mehr als 50.000 Euro Jahresgehalt sind von vornherein Ausbeuter?“.
Im übrigen habe auch Behrendt im März 2010 in der Runde gesessen, die die grün-schwarze Option befürwortet habe. „Damals wolltest du an die Fleischtöpfe und hast mitgemacht, jetzt übernimm auch Verantwortung!“ rief Ratzmann unter dem heftigen Jubel des Saales.
Der Streit soll schleunigst beendet werden
Ob der mehrheitliche Zustimmung bedeutet, ist fraglich. Nach dem akustischen Applaus-Eindruck ist die Partei unentschieden. Die Delegierten hatten zuvor auch bei dem Angriff Behrendts auf Ratzmann lautstark geklatscht.
Die linke Abgeordnete Clara Hermann wurde grundsätzlich. Natürlich müsse man mit der Wirtschaft reden, aber dann müsse auch die Frage nach der Wachstumsorientierung gestellt werden, denn „wir haben nur eine Erde“. Der Realo-Abgeordnete Jochen Esser griff in die Wörterkiste früherer K-Gruppen. Der Kampf gehe nicht Rechts gegen Links, sondern Reformer gegen „Revisionisten“, die gemeinsame Positionen in Frage stellen.
Rappelvoll war die Aula der Sprachenschule an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg.
Foto: Gerd Engelsman
Nach ihrem letzten Auftritt hier, kurz vor der Wahl am 18. September, gab es am Ende Standing Ovations für die grüne Spitzenkandidatin Renate Künast. Jetzt ging es um den Blick zurück.
Foto: Gerd Engelsman
Nach der enttäuschenden Wahl arbeiten sich die Grünen an einer langen Fehlerliste ab. Besonders die Uneinigkeit in der Fraktion und die scharfe Form der innerparteilichen Auseinandersetzung koste viele Wählerstimmen, so Künast.
Foto: Gerd Engelsmann
Auch wenn die Landesvorsitzende der Grünen, Bettina Jarasch, ein strahlendes Lächeln aufsetzt: Der nervenaufreibende Flügel-Konflikt spielte in vielen Redebeiträgen eine Rolle. Überwiegend wurde Kritik an der harten Gangart innerhalb der Partei geübt.
Eine Frage sei zum Beispiel, ob die Parteilinke sich noch zum staatlichen Gewaltmonopol bekenne oder ob sie lieber mit gewalttätigen Hausbesetzern wie im Falle der Liebigstraße paktiere. Das müsse jetzt ausdiskutiert werden, statt sich im Postengeschacher in der Fraktion zu verausgaben. Dazu war die ablehnende Haltung im Saal eindeutig: Der Streit in der Fraktion sei keinem Grünen-Wähler zuzumuten und müsse schleunigst beendet werden.
Wie die Debatte in der Partei ausgeht, zeichnete sich nicht ab. Viele Delegierte wirkten eher ratlos, wie man aus der jetzige Situation herauskommt. Eines war allen klar: Es wird eine grundlegende Auseinandersetzung geben müssen. „Es hat keinen Zweck, jetzt wieder Mehlsoße über unsere Konflikte zu kippen“, sagte die Kreuzberger Stadträtin Monika Herrmann. Für die Debatte werde man ein ganzes Jahr brauchen. Mindestens.