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Leitartikel zu den Anschlägen in Paris: Was der Islam mit dem Islamismus zu tun hat

Ein Islamist vor Gericht (Symbolfoto)

Ein Islamist vor Gericht (Symbolfoto)

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Für einst loyale DDR-Bürger wie mich wurde im Rückblick auf den Staat ein Punkt besonders anstrengend und langwierig: das Abtrennen des vermeintlich Guten vom offensichtlich Bösen. Bis zu meinem 33. Lebensjahr lebte ich in grundsätzlich positiver Haltung zur Idee des Sozialismus.

Ich verband damit soziale Gleichheit ohne Ausbeutung, Aufstiegschancen kraft Bildung, freundliches menschliches Miteinander und Friedfertigkeit. Ich glaubte, der gute Kern sei entscheidend; alles andere gehöre nicht zum wahren Sozialismus. Stalinismus – Gulag, Massenmord, Aggression –, das habe nichts mit meinem Land zu tun, schon gar nicht mit meinem Glauben an die Ideale. Hat es aber doch.

Jahre der Qual hat es gedauert, Tausende Seiten mussten gelesen, Hunderte Gespräche geführt werden, bis das Offenkundige in Hirn und Herz angekommen war. Ebenso quälend muss es für Christen sein, die sich klarmachen, dass unter dem Ruf „Deus lo vult“ (Gott will es!) Kreuzzüge stattfanden und Völker massakriert wurden, seien es Sachsen durch Karl den Großen oder Indios durch spanisch-portugiesische Gotteskrieger. Dass im Namen des Christentums Menschen auf Scheiterhaufen brannten. Dass Juden von Christen besonders perfide verfolgt wurden.

Wie lange haben Deutsche gebraucht, bis sie zur furchterregenden Einsicht kamen, dass der Holocaust, der Millionenmord an den europäischen Juden, nicht mit dem Verweis auf einen satanischen Führer erklärt ist oder der Schuldabladung auf SS, NSDAP oder Monopolkapital, sondern dass die große Mehrheit unserer Eltern und Großeltern dem Nationalsozialismus mit Sympathie zugeschaut, daran mitgewirkt hat oder ihn zumindest – um eines erhofften Vorteils willen – stillschweigend duldete. Viele wehren sich bis heute für sich und ihre Familien gegen das Eingeständnis. Und wie schmerzte es jüngst die Grünen, als sie akzeptieren mussten, dass ihre einstige Toleranz gegenüber Pädophilen dem edlen Kampf für Minderheitenrechte entsprungen war.

Menschen aller Länder, Kulturen und Religionen stehen gern auf der Seite des Guten. Die Riesenmehrheit will mit Familie und Freunden ohne Gewalt glücklich werden, das Seelenheil im Glauben oder in welcher Gedankenwelt auch immer finden. Bei aller Konfliktfreude sind Menschen ihrem Wesen nach harmoniebedürftig. Selbstverständlich auch Muslime. Aber gerade deshalb stehen viele von ihnen unter wachsendem Druck. Sie sind bedrängt von Fragen.

Was hat der Islam zu tun mit den Anschlägen vom 11. September 2001, mit dem Terror der Taliban in Afghanistan, dem unfassbar brutalen Regime des Islamischen Staats in Irak und Syrien, den Grausamkeiten von Boko Haram in Nigeria, den islamistischen Milizen in Somalia wie auch in Kenia? Und so weiter und so fort. All das, so bekunden die Täter, Aktivisten und Sympathisanten, geschehe im Namen des Islams. Jeder Klarsichtige erkennt: Es geschieht nicht im Namen der Muslime.

Die verabscheuen solche Taten, wie sie jetzt bei unseren französischen Nachbarn verübt wurden, so wie jeder human Fühlende auch. Dennoch ist über die Jahre der Eindruck entstanden, dass die Bereitschaft zur Auseinandersetzung nicht Schritt hält mit dem Geschehen. Oft hört man: „Das ist unislamisch, das gehört nicht zum friedfertigen Glauben einer Religion der Barmherzigkeit.“ Wer erklärt den Widerspruch? Das von Nichtmuslimen zu erwarten, wäre anmaßend.

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Die Abspaltung des Hässlichen vom Schönen führt jedenfalls nicht zum Verschwinden des Bösen. Das wird erst effektiv bekämpft, wenn es offen erkannt und klar beschrieben ist. Dazu gehört die Suche nach den Wurzeln für radikale, extremistische, militante, gewaltbereite Strömungen, die sich auf den Islam berufen. Die Opfer sind im Irak, in Afghanistan oder in Pakistan in der weit überwiegenden Mehrzahl Muslime, denen die uneingeschränkte Solidarität gilt. Aber zu behaupten, Islamismus hätte nichts mit dem Islam zu tun, ist realitätsfern.

Es ist schmerzhaft, sich den Tatsachen zu stellen, sie als solche zu akzeptieren. Es erfordert, die eigene Biografie zumindest in Teilen infrage zu stellen. Der einzelne braucht dafür Hilfe – von Lehrern, Politikern, Geistlichen, aus der Literatur, den Medien. Zuletzt ist er aber doch auf den eigenen Kopf zurückgeworfen – das ist besonders schwer, wenn Nachbarn, Freunde und Familie in Denkstarre und Abwehr verharren. In diesen Zeiten droht ein hässliches Bild vom Islam die Hoheit zu gewinnen, infolge des Tuns von Islamisten und auch jener, die eine vermeintliche Gefahr durch Islamisierung delirieren. Aber den respektablen, guten Islam in seiner noblen Position zu halten, das können und müssen die Muslime selber tun. Nur Mut.



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