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Leitartikel zu Inflation: Das Gespenst der Deflation

Sieben Jahre, nachdem die Schleusen in der Geldwirtschaft immer weiter geöffnet worden sind, beträgt die Inflation in Deutschland ein Prozent.

Sieben Jahre, nachdem die Schleusen in der Geldwirtschaft immer weiter geöffnet worden sind, beträgt die Inflation in Deutschland ein Prozent.

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dpa

Genau sieben Jahre ist es schon her, dass erste, kleinere Beben an den Finanzmärkten von der heraufziehenden Finanzkrise kündeten. Fünfeinhalb Jahre ist es her, dass die Weltwirtschaft mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers die heftigste Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte. Fast vier Jahre sind vergangen, seit die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals Staatsanleihen kaufte, um die Eurokrise einzudämmen. Und in all den Krisen, in all den Jahren kannten die Notenbanken der westlichen Welt nur eine rasch wirkende Medizin: Mehr billiges Geld! Sie druckten es, sie pumpten es in den Kreislauf, damit die Realwirtschaft, damit Jobs und Wohlstand nicht zu stark litten. Und jedes Mal ertönten – zumindest in Deutschland – die gleichen Warnungen: Das führt zur großen Inflation.

Was hilft gegen Deflation?

Heute muss man fragen: Was ist schief gelaufen? Warum haben sie sich so grandios geirrt, die Herren Bundesbankpräsidenten Axel Weber und Jens Weidmann vorne weg, aber auch das Gros der Professoren und Wirtschaftsjournalisten?

Zunächst zu den Fakten: Sieben Jahre, nachdem die Schleusen in der Geldwirtschaft immer weiter geöffnet worden sind, beträgt die Inflation in Deutschland ein Prozent – und verfehlt damit klar das angestrebte Ziel der EZB, das bei knapp zwei Prozent liegt. In Euroland, dem es wirtschaftlich schlechter geht, misst die Preissteigerungsrate derzeit gar nur 0,5 Prozent. Die Erzeugerpreise sind schon bei minus 0,2 Prozent. Die größte volkswirtschaftliche Gefahr lautet für Europa derzeit Deflation, was genau das Gegenteil von Inflation ist, nämlich das Phänomen fallender Preise über einen längeren Zeitraum. Was hilft gegen Deflation? Diese Frage wird sich auch der Rat der Europäischen Zentralbank am Donnerstag stellen.

Das heiß im Klartext: Sieben Jahre nachdem die Notenbanker soviel Geld wie noch nie zur Stabilisierung der Wirtschaft und ihrer Banken druckten, sehnen sie sich nach mehr Inflation. Denn Notenbanker können Inflation, die aus dem Ruder läuft, bekämpfen, gegen Deflation sind sie machtlos.

Wie bekämpft die Notenbank Inflation? Na, in dem sie solange die Leitzinsen erhöht, bis die Konjunktur nachlässt, und die Arbeitslosigkeit steigt. Dann sinken die Löhne und damit sinkt auch die Inflation.

Warum es andersherum nicht geht, erklärt ein unter Volkswirten beliebtes Bild: Die Notenbanken können am Strick ziehen und die Inflation einfangen, sie können aber nicht am Strick schieben. Das kann nur die Wirtschaft selber, das Biest, in dem die Menschen optimistischer werden, Wachstum sich Bahn bricht, die Verbraucher lieber heute als morgen ihre Geld ausgeben, die Unternehmer sich lieber heute als morgen verschulden, um zu investieren. Nur so steigen die Löhne und dann die Preise. Erwarten die Menschen dagegen weiter fallende Preise, zögern sie den Kauf, die Investition hinaus, was die Krise verstärkt. Gleichzeitig wird die Last der Schulden immer schwerer. Denn genau wie Inflation einen Teil der nominalen Schuld entwertet, erhöht Deflation Jahr für Jahr die Schuldenlast. Das geht nicht lange gut, da die Dynamik im Wirtschaftssystem, die von den Risikobereiten kommt, die sich verschulden, erlischt.

Mickrige 0,25 Prozent

Klar könnte die EZB noch einmal die Zinsen senken, um die Kreditaufnahme zu verbilligen. Doch der Leitzins liegt schon bei mickrigen 0,25 Prozent. Klar könnte die Notenbank negative Zinsen für die Einlagen der Banken auf den EZB-Konten einführen. Aber solange die Firmen nicht investieren wollen, so lange können die Banken auch kein Mehr an Krediten vergeben. Deshalb bleibt allen deutschen Bedenken und dem Verfassungsgericht zum Trotz, nur noch mehr Geld zu drucken, um Anleihen über Anleihen zu kaufen, in der Hoffnung, die Deflation doch noch zu verhindern. Diesen Weg haben zumindest Amerikaner und Briten frühzeitig eingeschlagen und sich damit erfolgreicher als die EZB gegen fallende Preise versichert. Ist die Deflation einmal da, ist es zu spät. Das ist das Heikle.

Was in Euroland schief gelaufen ist? Die deutschen Ökonomen, die in der Krise in Euroland den Ton angaben, haben mit den falschen Theorien hantiert – und ihren Keynes nicht gelesen. Hätten sie sich nur etwas mit den Werken von John Maynard Keynes beschäftigt, dem größten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, wäre es ihnen nicht passiert. So aber haben sie zum einen die Nachfrageseite ausgeblendet und deshalb zu stark und zu früh auf Sparanstrengungen gepocht. Sie haben zum anderen verkannt, was es bedeutet, wenn die Bilanzen der Banken schrumpfen. So haben sie vor dem kleineren Übel Inflation gewarnt und das schlimmere Übel Deflation provoziert.