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Leitartikel zu Sibylle Lewitscharoff: Wir brauchen die Bosheit der Dichter

Kritischer Geist: Sybille Lewitscharoff.

Kritischer Geist: Sybille Lewitscharoff.

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imago stock&people

Wozu ist ein Schriftsteller nütze? Was wollen wir von ihm? Wovon soll er erzählen? Zunächst einmal von sich selbst. Von einem Journalisten dagegen erwarten wir, dass er das Wort „ich“, so gut es geht, vermeidet. Er soll sachhaltig schreiben, um Objektivierung bemüht. Schriftsteller aber sind auch für das Unausgegorene gut. Darauf beruft sich die Berliner Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die in einer Rede in Dresden über Geburt und Tod gesagt hat, Kinder, die nicht auf traditionellem Wege gezeugt seien, empfinde sie als „Halbwesen“. Nicht ganz echt seien sie in ihren Augen, „sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas“. In einem Gespräch mit der FAZ betrachtete sie diese Empfindung als eine Art höhere Gewalt: „Ja, der Gedanke durchfährt mich, fast wie ein Blitz.“

Es stimmt, Dichtung lebt von organisierter Verantwortungslosigkeit. Wir brauchen keine Schriftsteller, die mit der Schere im Kopf herumlaufen, die Angst haben, irgendwo anzuecken, die die Augen verschließen vor anstößigen, ekelhaften Empfindungen. Gute Schriftstellerei lebt von Wahrhaftigkeit und Forscherdrang nach innen und außen. Die Frage nach den Konsequenzen heben sie sich besser für später auf. Von solch rückhaltloser Neugier auf die eigene Empfindungswelt leben gute Romane. Aber auch Reden? Schriftstellerreden sind eine riskante Sache, vor allem für die Schriftsteller selbst.

Die Lizenz zum Ressentiment

Bei einer Rede stößt die Verantwortungslosigkeit des literarischen Ichs an ihre Grenzen. „Nichts macht so frei wie die Sprache der Literatur“, meinte Martin Walser in seiner Friedenspreisrede von 1998, in der er sich die Freiheit nahm, über seine Empfindungen der deutschen Gedenkroutine zu reden und damit einen Skandal allererster Güte anzettelte. Bewusst und wohlwissend. Er „zittere vor Kühnheit“, wenn er sage, „Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden (...) oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung“.

Walsers Rede war weit abgewogener, durchdachter und skrupulöser als Lewitscharoffs Dresdener Beitrag. Aber in einem sind die Redner vergleichbar: Sie sind der eigenen Wahrnehmung verhaftet, durchforschen sich, schmecken ihre Sensorien ab, hätscheln ihr Wahrnehmungsvermögen und ihre Imagination. Es ist ja ihr Werkzeug. Sie bringen sich mit der gleichen Zärtlichkeit in Anschlag, mit der ein Holzfäller über die Kante seines Beils streicht. Und dann schlagen sie zu.

Lewitscharoffs verletzende Tiraden gegen die Kinder, die mit Hilfe moderner Reproduktionsmedizin geboren werden, sind mit großer Entschiedenheit zurückgewiesen worden. Mit Recht.

Ihre Abscheu vor den „zweifelhaften Geschöpfen“ sei eben größer als die Vernunft, räumte Lewitscharoff schon in ihrer Rede ein. Das ist schlicht zu billig. Die Lizenz zum Ressentiment, die sich Lewitscharoff damit selbst ausgestellt hat, wurde ihr von den Kritikern umgehend wieder entzogen. Damit muss es nun aber auch gut sein.

Studenten fordern Berufsverbot

Schon fordert der AStA der Universität Kassel eine Art Berufsverbot für Lewitscharoff, die für die dortige Grimm-Professur berufen wurde. Die Uni-Leitung möge sie neu besetzen. Das ist grundfalsch. Das Maß, das zu halten man von der Schriftstellerin fordert, muss auch ihr gegenüber gelten. Abgesehen von ihren Diffamierungen formuliert Lewitscharoff ein Unbehagen an der Machbarkeitsideologie der Reproduktionstechnik, die weit verbreitet und aller Diskussionen wert ist.

Wir brauchen in unserer Gesellschaft Einspruch und Dissidenz. Wie langweilig wäre es ohne Kritiker des Fortschritts wie Peter Sloterdijk, Botho Strauß oder Peter Handke. Sie alle formulieren eine Unbehaustheit in unserer munter vorwärtsstürmenden Wachstumswelt, die in unseren Selbstdeutungen gerne verdrängt wird. Was hatte Italiens aufgeklärte Linke einst an seinem großartigen marxistischen Intellektuellen Pasolini zu knacken, der, obgleich offen schwul, der Gesellschaft wachsenden Konsumismus und sexuelle Freizügigkeit vorwarf und sich in der Frage der Abtreibung und der Ehescheidung an die Seite der katholischen Kirche stellte!

Und was haben wir mit Peter Handke gehadert, der sich im Jugoslawien-Krieg an die Seite Serbiens stellte – mit Argumenten, die von bizarrer Anschaulichkeit und ausuferndster Logik waren – und von einer Beschreibungsintensität, wie sie nur echte Dichter aufbringen. Wer einen Krieg führt, muss auch dessen Kritiker dulden – diese Lehre zumindest sollten wir aus unserer Vergangenheit gezogen haben.

Wäre es anders, könnten wir uns die morgen beginnende Buchmesse in Leipzig sparen. Schützen wir die Dichter, auch vor sich selbst, und brechen nicht gleich den Stab über sie.