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Leitartikel zu Winterspielen in München: Schein und Sein der Olympischen Spiele

Andreas Wellinger springt am 01.01.2013 während der Vier-Schanzen-Tournee in Garmisch-Partenkirchen von der Schanze. Auch dort findet am Sonntag ein Bürgerentscheid statt.

Andreas Wellinger springt am 01.01.2013 während der Vier-Schanzen-Tournee in Garmisch-Partenkirchen von der Schanze. Auch dort findet am Sonntag ein Bürgerentscheid statt.

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dpa

Wer sich im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele im Jahr 2022 für einen Moment die Freiheit zum Träumen nimmt, der sieht sie vor sich − diese olympisch-bayerische Winterlandschaft. Und begeistert sich im Sinne der deutschen Bewerbergemeinschaft vorbehaltlos für den fantastischen Zirkus Olympia, der mit seinen tollkühnen Akrobaten und seinen unbändigen Athleten an den schönsten Flecken des Freistaates Station machen soll. Am märchenhaften Königssee, im heimeligen Ruhpolding, im ziemlich schicken Garmisch-Partenkirchen und natürlich in München, in der glänzenden und – das versteht sich von selbst – natürlich auch mal wieder so unglaublich lässigen Landeshauptstadt der Bayern.

Dort, wo man gar nicht genug bekommen kann von der Ehre, nach den Sommerspielen im Jahr 1972 als erste Stadt weltweit auch Winterspiele ausrichten zu dürfen. Aber nicht nur das: Im Traum geben diese XXIV. Winterspiele tatsächlich Beispiel, als die grünsten, die nachhaltigsten in der Geschichte des olympischen Sports, ja, als tadelloser Gegenentwurf zu so bösen Spielen wie die von Wladimir Putin protegierten Retortenspiele in Sotschi im Februar kommenden Jahres. Ja! München erfindet sich im Geiste des großartigen Sommersportfestes vor 41 Jahren noch einmal neu und macht dadurch all den Olympia-Frust der vergangenen Jahre vergessen.

Aufgewacht! Genug davon! Das ist nämlich nur der Schein, mit dem die Olympiabefürworter die Menschen aus zwei Landkreisen (Traunstein und Berchtesgadener Land) und zwei Städten (Garmisch-Partenkirchen und München) beim Bürgerentscheid am Sonntag zum Ja verführen wollen. Das Sein ist in diesem speziellen Fall hingegen von problematischen Wahrheiten gekennzeichnet, von Wahrheiten, welche a) die angedachte Unternehmung doch arg in Zweifel ziehen und b) sogar dazu führen, dass man dem an sich so harmlosen Franz Beckenbauer aufs Heftigste widersprechen muss.

Franz Beckenbauer, zuletzt da und dort noch einmal als Stimmenfänger zum Einsatz gekommen, hatte ja erklärt, dass die Weisheit des Konfuzius, wonach der Mensch drei Dinge im Leben brauche, also Brot zum Essen, Wasser zum Trinken und einen angewinkelten Arm zum Schlafen, schleunigst modifiziert werden müsse. Nämlich um den von ihm wie folgt formulierten Zusatz: „Der Mensch braucht auch die Olympischen Spiele.“

Chance zur persönlichen Eitelkeitspflege

Das ist nett gemeint, aber grober Unfug. Kein Mensch braucht Olympische Spiele wie diese, die seit geraumer Zeit vom Internationalen Olympischen Komitee zum Nachteil des Olympiagastgebers mit einer schon fast unheimlichen Kompromisslosigkeit als Cash Cow missbraucht werden. Die von gewieften Politikern, wie das eben in München der Fall ist, als Chance zur persönlichen Eitelkeitspflege sowie zur eigennützigen Umverteilung von Steuergeldern verstanden werden.

Die außerdem im Gegensatz zu Sommerspielen zumeist auch die Zerstörung von wichtigen Naturräumen zur Folge haben. Der Mensch, für den sich Beckenbauer wohl in Erinnerung an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 einen mehrwöchigen Rausch der Emotionen wünscht, ist bei Olympischen Spielen des 21. Jahrhunderts nur noch Konsument und Kulisse.

Was ihm, dem Menschen, von Winterspielen in Bayern bleiben könnte, ist jetzt schon abzusehen. Ein paar Luxuswohnungen mehr in der Nähe des aufgepeppten Olympiageländes in München, dazu zwei neue Eissporthallen, ein paar nette Umgehungsstraßen, zwei, drei schicke Tunnel und die eine oder andere modernisierte Wintersportanlage. Was übrigens so gar nicht zu der aktuellen Tourismusstrategie im Voralpenland passt, bei der aufgrund der klimatischen Veränderungen nicht mehr der Winter, sondern das Frühjahr, der Sommer und der Herbst im Fokus stehen. Und was noch? Na klar, früher oder später wird der Mensch als zur Abgabe verpflichteter Bürger auch die mit großer Wahrscheinlichkeit explodierten Kosten für das Großereignis zu tragen haben. Und schließlich jammern, dass es im Land nicht genügend Geld für das Menschliche gibt. Für Kindergärten, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Altenheime.

Für all diejenigen, die im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele im Jahr 2022 doch lieber denken statt träumen, gibt es aber Hoffnung. Sie beruht zum einen auf der Starrköpfigkeit der zur Stimmabgabe aufgerufenen Bayern, die in Ansätzen schon bei der gescheiterten Kampagne für die Winterspiele 2018 zu beobachten war. Zum anderen auf Oslo, dem Mitbewerber, der unter den Mächtigen des Wintersports für die im Juli 2015 zu vollziehende Vergabe ohnehin als haushoher Favorit gehandelt wird.


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