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Leitartikel zum Anschlag auf Charlie Hebdo: Die Barbarei trifft das Herz der Demokratie

Rettungskräfte vor der Redaktion des Satiremagazins.

Rettungskräfte vor der Redaktion des Satiremagazins.

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AFP

Zwölf Menschen sind am Mittwoch in Paris niedergemetzelt worden. Zwölf Menschen, die sich trotz vieler Drohungen nicht von Angst leiten ließen. Zwölf Menschen, die für die Meinungsfreiheit gearbeitet und dafür den höchsten Preis gezahlt haben. Mit ihrem Leben.

Meinungsfreiheit scheint uns so selbstverständlich in unserem Land. Wie wir so vieles an unserer demokratischen Gesellschaft so selbstverständlich nehmen. Einige wenige, die die mörderische Hitler-Diktatur noch kennen, und einige andere, die im ganz dunklen Teil der DDR gelebt haben, können am eigenen Leib oder Leben ermessen, was die Abwesenheit dieses Grundrechts bedeutet. Wie selbstverständlich nehmen wir an, dass uns diese Demokratie nicht genommen werden kann. Sie scheint in unserer Vorstellung nur besser werden zu können, vielleicht auch mal ein bisschen schlechter. Aber niemals stellen wir uns vor, dass sie verschwindet. Weggeschossen oder weggebombt wird.

Unsere Sicherheit ist immer nur momentan

Der Mittwoch hat uns dies auf brutale Art wieder einmal klar gemacht. Alles ist brüchig. Nichts ist gewiss, unsere Sicherheit immer nur momentan. Auf einem Video können wir sehen, wie zwei schwarz gekleidete, vermummte Männer ohne Eile vom Ort ihres Verbrechens weggehen, ins Auto einsteigen und losfahren. Mitten in Paris, mitten in der Zivilisation, mitten in einer pulsierenden, modernen, lebensfrohen und liberalen Metropole.

Es war nicht in Ruanda, nicht in Syrien, nicht in Afghanistan, Orte an denen solche Brutalität uns nicht mehr fremd ist. Orte, von denen wir glauben, dass sie weit weg sind, dass die dortigen Krisen uns nicht erreichen.

Noch ist es nicht bewiesen, aber vieles spricht dafür, dass dies die Tat islamistischer Terroristen war. Sie stünde damit in einer irrwitzigen Reihe von Anschlägen in den vergangenen Jahren. New York, der Flugzeugangriff auf die Zwillingstürme. Madrid, das Bombenattentat auf den Bahnhof Atocha. London, der Anschlag auf die U-Bahn. Terrortaten, bei denen Tausende ermordet wurden, wahllos. Hier ging es, so haben wir meist interpretiert, um einen Angriff des islamistischen Terrors auf die sogenannte westliche Welt. Daneben aber gab es immer den gezielten Angriff auf die Meinungsfreiheit im Namen der Religion.

Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie lebt seit 1989 im Untergrund. Nach dem Erscheinen seines Buchs „Die satanischen Verse“ sprach der iranische Religionsführer Ajatollah Khomeini gegen ihn und alle, die daran mitgearbeitet haben, ein Todesurteil aus. Ein japanischer Übersetzer wurde getötet, andere überlebten die Anschläge. Im Jahr 2005 war der dänische Zeichner Kurt Westergaard Ziel eines Attentats. Er hatte Karikaturen veröffentlicht, die unter anderem Mohammed mit einer Bombe als Turban zeigten. Und es gab weitere.

Anschläge zielen auf Meinungsfreiheit

Das verstörende an diesen Anschlägen – auch an dem grauenvollen Anschlag gestern in Paris – ist, dass sie so präzise auf unser Menschen- und Grundrecht, die Meinungsfreiheit zielen. So als wüssten die Täter sehr genau, vielleicht viel genauer als wir selbst, wie fundamental gerade dieses Recht für unsere Werte, für unser Leben in Freiheit und Selbstbestimmung ist.

Sie erteilen uns auf barbarische Weise eine Lehre, indem sie das Herz unserer Demokratie versuchen zu zerstören. Vielleicht wissen sie aber auch, wie wenig wir , oder jedenfalls einige unter uns, sich des Wertes genau dieses Grundrechts bewusst sind, wie wenig genau dieses Grundrecht die Gesellschaft durchdrungen hat. Jedenfalls dann, wenn es in Gestalt der Medien und Journalisten daherkommt. Wer derzeit in Dresden die Anhänger von Pegida „Lügenpresse“ skandieren hört, dem wird schon mulmig. Wo bleibt der kraftvolle Widerspruch? Es scheint, als sei so etwas wie klammheimliche Freude salonfähig geworden, wenn Medien und Journalisten angegriffen oder beschimpft werden.

Die Toten sind Helden

Die Toten von Paris sind Helden. Als solche müssen wir sie sehen. Wie jeder gewaltsame Tod ist auch ihr Tod vollkommen sinnlos. Wer immer jetzt versucht, sie für seine Zwecke zu vereinnahmen, begeht einen Frevel. Wir sollten hoffen, bitten und – in jeglicher Religion dieser Welt – beten, dass diese Tat nicht von den falschen Menschen für falsche Politik oder gar falsche neue Taten missbraucht wird. Wir sollten die Lehre, die diese Terroristen uns erteilt haben, verstehen und in unserem Sinn wenden. Wir, jeder Einzelne, aber auch wir Medien, sollten also die Demokratie und die Freiheit, zu der elementar die Meinungsfreiheit gehört, verteidigen und unser Recht auf eben diese Meinungsfreiheit wahrnehmen. Mit Respekt und der Wahrheit verpflichtet.