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Leitartikel zum IS: Kultur der Zerstörung

Dieser Screenshot soll aus einem Video stammen, das die Zerstörung von Statuen im Museum von Mossul zeigt. Die Echtheit der Aufnahmen ist allerdings nicht bestätigt.

Dieser Screenshot soll aus einem Video stammen, das die Zerstörung von Statuen im Museum von Mossul zeigt. Die Echtheit der Aufnahmen ist allerdings nicht bestätigt.

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dpa

Die Gruppe Islamischer Staat bringt Menschen – Muslime und Nicht-Muslime – um. Davon soll jetzt nicht die Rede sein. Es geht um die kulturzerstörerischen Praktiken der Terrortruppen. Sie bombardieren ja nicht nur christliche Kirchen, schiitische Heiligengräber oder die Einrichtungen anderer religiöser Gruppen.

Sie fallen auch über Götterbilder und Kulturdenkmäler her, vor denen schon seit mehr als zweitausend Jahren kein Gläubiger mehr in Knie gegangen ist. Sie stürmen archäologische Fundstätten, dringen in das Museum der irakischen Stadt Mossul ein und zerschlagen die dort ausgestellten assyrischen Statuen. Nicht ohne vorher ein Gutteil von ihnen geplündert zu haben, um sie in den Grauzonen des internationalen Antiquitätenmarktes zu Geld, also zu Waffen, machen zu können.

Barbarei und Vandalismus

Es ist eine Barbarei, es ist Vandalismus. Wir reagieren völlig zu Recht mit Abscheu darauf. Auch unsere Sprachlosigkeit ist verständlich. Denn für diese Taten gibt es keinen Grund. Sie sind nicht kriegsnotwendig, sie scheinen eine Verschwendung an Energie, ein irrationaler Überschuss, der einer Eroberung der politischen Macht mehr im Wege zu stehen als ihr zu nutzen scheint.

Aber es ist genau dieser Überschuss, durch den sie Kraft und Energie zeigen. Dieses scheinbar irrationale Moment ist in Wahrheit Teil eines vernünftigen Kalküls. Die Unbedingtheit, mit der alles, das nicht ins eigene Weltbild passt, zerstört wird, lähmt ja nicht nur die Betrachter an den Bildschirmen, sondern auch die vor Ort.

Zu diesem Terror gehört, dass er publik gemacht wird. Die Zerstörung der assyrischen Götter- und Menschengestalten muss öffentlich geschehen, sonst kann sie ihre terroristische Kraft nicht entfalten. Ginge es wirklich um die heidnischen Götter, man könnte sie in aller Stille vernichten. Es geht aber darum, Gegnern und Anhängern gleichermaßen klarzumachen: Hier sind wir, wir machen nicht nur kaputt, was uns entgegentritt. Wir machen alles kaputt, das uns nicht passt. Wir können und wir machen das, und ihr tut gut daran, das zu kapieren.

Natürlich hat das mit Kultur nichts zu tun. Kultur ist Tradition, ist Pflege und Weiterentwicklung des Überkommenen. So denken wir, solange wir im Affekt denken. Dann denken wir nach.

Uns dämmert, dass alle Kultur auf der Vernichtung einer anderen aufbaut. Was heute die islamische Welt genannt wird, war vor etwas mehr als eintausend Jahren noch ein Gewimmel höchst unterschiedlicher Götterhimmel mit Schamanen und Ahnenkulten dazwischen.

Kette von Vernichtungskriegen

Dass es kaum noch Altäre Jupiters und Mithras’ gibt, hat nichts mit einer behutsamen Weiterentwicklung des menschlichen Geistes zu tun, sondern ist das Produkt einer Kette von Vernichtungskriegen, die aus der Antike kaum noch etwas übrigließen als das Christentum. Dass in Mexiko Huitzilopochtli kaum noch Verehrer hat, ist das Ergebnis anderer Massaker. Die Vernichtung von Kultur ist selbst ein Stück Kultur.

Kulturen begegnen sich. Mal feiern sie Hochzeit, mal beklauen sie, mal massakrieren sie einander. Die Kulturen gehen auseinander hervor in Zerstörung und Krieg. Wir feiern in zwei Jahren 500 Jahre Reformation. Was damals alles in Kirchen und Klöstern zerstört wurde von Menschen, die wenige Jahre vorher noch vor diesen Bildern und Statuen gelegen und sie um Hilfe in ihrer Not gebeten hatten, davon haben wir kaum noch eine Vorstellung. Aber diese Verwüstungen haben mitgeholfen bei der Entstehung der westlichen Kultur.

Diese Barbarei, diese Vandalismen sind Teil unserer Geschichte. Wir sollten uns von unserem berechtigten Entsetzen an den Verwüstungen der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ nicht dumm machen lassen dafür, wie Geschichte passiert. Sie muss so nicht passieren und jeder Versuch, sie daran zu hindern so zu passieren, ist jeder Mühe wert, aber wir wissen doch auch, dass es nichts Neues gibt ohne die Zerstörung des Alten.

Man weiß das von Künstlern, man weiß es noch deutlicher von der Natur. Aus den Trümmern der alten wird eine neue Welt. Das ist keine Verheißung. Das ist eher ein Schreckgemälde. Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der lieber im Trier des 9. als des 3. Jahrhunderts gelebt hätte. Die Kosten der Zerstörung und des Wiederaufbaus – der Renaissance – sind immens. Aber die Weltgeschichte ist ihren Gang durch diese Zerstörungen hindurch gegangen. Das ist kein Grund, sich den Zerstörern nicht in den Weg zu stellen. Aber diese Einsicht sollte uns daran hindern, den Zerstörern Kultur abzusprechen. Sie haben eine andere, eine, die wir hassen und bekämpfen mögen, aber sie ist auch Kultur. Wie ja auch Hass und Krieg immer wieder zu Triebwerken der Kultur wurden.