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Leitartikel zur Afrika-Konferenz: Ach, Afrika

Auf Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck hatten Vertreter europäischer Staaten, des osmanischen Reichs und der USA in den 1880er Jahren die Regeln im „Wettlauf um Afrika“ fixiert und in der „Kongoakte“ niedergelegt.

Auf Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck hatten Vertreter europäischer Staaten, des osmanischen Reichs und der USA in den 1880er Jahren die Regeln im „Wettlauf um Afrika“ fixiert und in der „Kongoakte“ niedergelegt.

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imago/Rudolf Gigler

Es ist bis heute nicht bekannt, wie viele Afrikaner ihren Widerstand gegen die Kolonialregierungen mit dem Leben bezahlten. Allein dem Vernichtungskrieg der Deutschen gegen die Herero 1904 fielen rund 70.000 Afrikaner zum Opfer, dem Krieg gegen die Nama im selben Jahr rund 10 000. Ungeklärt ist, ob bei der Unterdrückung des Maji-Maji-Aufstands von 1905 bis 1907 in Deutsch-Ostafrika 75.000 oder 300.000 Afrikaner getötet wurden. Die Mühe, ihre Opfer zu zählen, haben sich die Deutschen nur selten gemacht. In der Regel begnügten sie sich mit Umschreibungen wie dieser des – im deutschen „Schutzgebiet“ Kamerun eingesetzten – Kolonialoffiziers Hans Dominik: Er prahlte, dass ein von ihm mittels Maschinengewehren vernichteter „Stamm (…) kaum mehr als dem Namen nach vorhanden war“. Ungezählt sind die Toten, die Opfer von Krieg und Vertreibung, der Hungersnöte und tödlichen Krankheiten, die mit den Kolonialherren in Afrika Einzug hielten.

Es ist gut, dass die Stiftung „Erinnern ermöglichen“ die Auseinandersetzung mit dem Holocaust fördert, es ist gut, dass die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ die „Geschichte der NS-Zwangsarbeit in der deutschen und europäischen Erinnerungskultur verankern“ will, und es ist gut, dass Institutionen wie die „Stiftung Erinnerung Ulm – für Demokratie, Toleranz und Menschenwürde“ sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus „insbesondere von Verfolgung und Widerstand am Beispiel der Region Ulm“ beschäftigen.

Aber es ist beschämend, dass sich keine Stiftung mit den 30 Jahren deutscher Kolonialpolitik befasst, keine Stiftung die Notwendigkeit von Toleranz und Achtung der Menschenwürde mit den Verbrechen des Kolonialismus begründet und die Stiftung in Ulm sich zwar an das Unrecht des NS-Staates erinnert, aber ein bis heute nicht nur in Westafrika berühmter, friedlicher Widerstandskämpfer, der 1914 in Kamerun einem Justizmord der deutschen Kolonialjustiz zum Opfer fiel, aus der Erinnerung ausgeklammert wird: Rudolf Duala Manga Bell hatte in Ulm in den 1890er-Jahren das Gymnasium besucht.

Neue Absatzmärkte und Ausbeutung waren Ziele

Immerhin lädt heute die Volksbühne in Berlin zu einem Kongress, der sich mit der Afrika-Konferenz beschäftigt, auf der vor 130 Jahren die Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten besiegelt worden war. Von November 1884 bis Februar 1885 hatten auf Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck Vertreter europäischer Staaten, des osmanischen Reichs und der USA die Regeln im „Wettlauf um Afrika“ fixiert und in der „Kongoakte“ niedergelegt. Seit Jahrhunderten hatten sich die Europäer am Sklavenhandel entlang den afrikanischen Küsten beteiligt, jetzt wurden Annexion und Ausplünderung des Kontinents ins Auge gefasst.

Es ging um neue Absatzmärkte und die Ausbeutung von Rohstoffen: Palmöl wurde zur Herstellung von Kerzen und Schmiermitteln benötigt, Palmkerne für die Fabrikation von Seife und Margarine. Und natürlich der „Baum, der weint“ – die Nachfrage nach Kautschuk. Nicht in allen Kolonien führte die Jagd nach Rohstoffen zur Errichtung von Terrorregimes wie in der Privatkolonie des belgischen Königs Leopold II., dessen Habgier rund zehn Millionen Afrikaner zum Opfer fielen.

Aber die Beteuerung der Deutschen, in ihren Kolonien – Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Neuguinea, Deutsche Samoa-Inseln und Kiautschou (China) – habe mit den Kolonisierten bestes Einvernehmen geherrscht, der Widerstand in den Kolonien sich, vom Herero-Aufstand abgesehen, auf einzelne Aktionen beschränkt, ist falsch und verlogen. Togo und Kamerun waren selbst unter Kolonialmächten als „twenty-five countries“ verschrien; 25 Schläge mit Tauende oder Nilpferdpeitsche auf Rücken und Gesäß der Afrikaner waren hier die Regelstrafen.

Der Kolonialismus des 19. Jahrhunderts war ein europäisches Projekt, Rassismus seine notwendige Voraussetzung. Mit den Worten des damaligen Chefs des Reichskolonialamts, Wilhelm Solf, gerichtet an sozialdemokratische Kolonial-Kritiker: „Meine Herren, wenn ich von dem Grundsatze aus die Neger behandeln wollte, den Sie aufstellen, dass alle Menschen gleich sind, dann würde ich die Kolonialpolitik aufgeben.“

Mit dem Kolonialismus ist es vorbei (spürbar sind bis heute in ganz Afrika die verheerenden Folgen), der Rassismus aber hat überdauert. Wer über die Ursachen des Nationalsozialismus nachdenkt, kommt am „Herrenstandpunkt der weißen Rasse gegenüber der schwarzen“, wie ihn die deutsche Kolonialrechtsprechung behauptete, nicht vorbei. Und wer sich an die Pegida-Demonstrationen erinnert, der weiß: Der Herrenstandpunkt dient vielen noch immer als Plattform ihrer Weltbetrachtung.