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Leitartikel zur Inklusion: Pädagogik im Umbruch

Mütter und Väter von Kindern mit Behinderung werden in Sorge sein, wie ihr Kind nun ohne die Förderschule auskommt, die bisher oft als sicherer Schutzraum empfunden wurde.

Mütter und Väter von Kindern mit Behinderung werden in Sorge sein, wie ihr Kind nun ohne die Förderschule auskommt, die bisher oft als sicherer Schutzraum empfunden wurde.

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imago stock&people

Henri hat Schwung in die Debatte gebracht. Henri ist ein elfjähriger Junge mit Down-Syndrom, für den seine ambitionierte Mutter einen Platz an einem Gymnasium in Baden-Württemberg erstreiten wollte. Doch das Gymnasium lehnte ihn ab, später auch die Realschule. Sein Fall machte Schlagzeilen und landete schließlich auch bei Günther Jauch. Und genau da gehört das zunächst nur unter Fachleuten diskutierte Thema hin: in die Mitte der Gesellschaft.

Denn es geht um viel: Im Dezember 2006 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung verabschiedet. Ziel der UN-Konvention ist es, ihnen die Teilhabe an allen gesellschaftlichen Prozessen zu garantieren. In Deutschland gilt die Vereinbarung seit März 2009. Seither wird darüber vor allem am Beispiel der allgemeinbildenden Schulen diskutiert. Wie kann der gemeinsame Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung gewährleistet werden?

Erst allmählich wird dabei bewusst, welch große Umwälzung einem Schulsystem bevorsteht, das den Gedanken der Inklusion ernst nimmt. Nun wird es darum gehen müssen, ihn mit Augenmaß in die Praxis umzusetzen anstatt den Begriff wie ein Mantra und mit menschheitsbeglückender Haltung vor sich herzutragen und alle Skeptiker als Misanthropen und ewig Gestrige abzutun.

Gewandelte Pädagogik

Inklusion erfordert zunächst einmal eine gewandelte Pädagogik. Das Prinzip der individuellen Förderung, das jedem Schüler – sei er lernbehindert, verhaltensauffällig oder hochbegabt – gerecht wird, ist an Berliner Schulen noch immer ein Wunschbild. Die Berichte der Schulinspektion zeigen es. Dort, wo von Lehrern individuelle Förderung, Binnendifferenzierung und ein unterschiedliches Lerntempo verlangt werden, sind die Negativausschläge in den offiziellen Bewertungen in der Regel besonders hoch.

Mit dem neuen Lehrerbildungsgesetz hat Berlin hier einschlägige Veränderungen eingeleitet. Doch die Frage wird sein, ob man die vielen Lehrer, die nicht für die Inklusion ausgebildet wurden, überhaupt hinreichend fortbilden kann. Ohne zusätzliche Sozialpädagogen, Heilpädagogen und Psychologen, und ohne kleinere Klasse kann eine heterogene Schülerschar ohnehin nicht sinnvoll unterrichtet werden. Zumal die Pädagogen den Förderbedarf eine jeden einzelnen Schülers selbst feststellen sollen. Auch baulich muss sich vieles verändern, Räume etwa für ruhebedürftige Autistenkinder sind nötig. Inklusion bedeutet auch Investition.

Bildungspanik

Erschwerend dürfte hinzukommen, dass viele Eltern auf inklusive Verhältnisse kaum vorbereitet sind. Mütter und Väter von Kindern mit Behinderung werden in Sorge sein, wie ihr Kind nun ohne die Förderschule auskommt, die bisher oft als sicherer Schutzraum empfunden wurde. Andere, die ganz besonders auf den Schulerfolg ihrer Kinder achten, werden darüber klagen, dass behinderte, gar verhaltensauffällige Kinder das Lerntempo der Klasse verlangsamen und den Lernerfolg in Frage stellen. In Deutschland herrscht, so hat es der Soziologe Heinz Bude genannt, Bildungspanik.

Wer eine inklusive Schule will, darf künftig nicht mehr so fixiert sein auf Leistungsrankings sowie auf Vergleichsstudien, die nach dem Pisa-Schock die bildungspolitischen Debatten prägten. Auch das Gymnasium muss sich hinterfragen lassen, ob es wegen seiner Art der Schülerauslese dem inklusiven Gedanken nicht im Wege steht.

Besonders heikel wird es, wenn eine inklusive Schule für ein Kind möglicherweise doch nicht angemessen ist. Es gibt äußerst verhaltensauffällige, gewalttätige Schüler, die nur in kleinen Lerngruppen unterrichtet werden können. Es gibt schwerstmehrfachbehinderte Kinder, die eine intensive Betreuung brauchen. Es gibt Autisten, die den üblichen Geräuschpegel einer Klasse nicht aushalten. Rechtlich ist den Eltern Wahlfreiheit zugesichert. Sie entscheiden, ob das Kind eine Regelschule oder ein Förderzentrum besucht. Doch immer mehr Förderschulen werden geschlossen. Und jene, die als sogenannte Schwerpunktschulen erhalten bleiben, werden zunehmend die ganz schwierigen Fälle aufnehmen. Das ist dann die Kehrseite der Inklusion.

Es ist daher wichtig, das Schulsystem nicht überstürzt umzubauen. Inklusion kann helfen, dass mehr Jugendliche einen Schulabschluss erhalten und nicht in der Abgeschiedenheit einer Sonderschule das Sozialverhalten verkümmert. Vor allem aber erfahren mit Hilfe der Inklusion möglichst viele junge Menschen hoffentlich frühzeitig, dass Anderssein ganz normal ist im Leben.