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Leni Riefenstahls Olympiafotografien in der Berliner Galerie Camera Work: Attrappe im Sand

Mit vornehmer Lakonie präsentiert die Charlottenburger Galerie Camera Work die Fotografien von Leni Riefenstahl: Weder Datum noch Ort der Aufnahmen sind auf den Beschriftungen angegeben, auch der Katalog verzeichnet sie nicht. Jenseits von Zeit und Raum stellen sich die Bilder dar, so wie Leni Riefenstahl ihr Lebenswerk versteht: als eine Verherrlichung von Schönheit und Harmonie, die keinen Anlass als sich selber hat und kein Ziel als ihren höchsten formalen Ausdruck.Doch schon der oberflächlichste Rundblick über diese 50 Schwarzweiß-Fotografien, schon die flüchtige Wahrnehmung einzelner Motive - ein Diskuswerfer, eine Turmspringerin, ein Turner am Pferd - identifiziert den Kontext, über den die Ausstellung schweigt: 1936, Berlin, Olympische Spiele. Die Aufnahmen sind aus Riefenstahls Olympia-Film so gut bekannt, dass Bildkommentare tatsächlich überflüssig sind; zugleich aber wirkt die stumme Präsentation als Aufforderung, den Blick auf die Bilder von dem Unbehagen zu befreien, den ihr geschichtlicher Hintergrund mit sich bringt. Es ist eine heikle und provokante Entscheidung der Galerie, dass sie in ihrer schlicht "Leni Riefenstahl" betitelten Ausstellung keine Arbeiten aus der Zeit nach 1945 zeigt, nicht die sudanesischen Nuba, die Riefenstahl in den 60er- und 70er-Jahren fotografierte, nicht die Unterwasserbilder von Fischschwärmen und Korallenriffen, mit denen die Siebzigjährige endgültig ins motivisch Unverfängliche abtauchte. Stattdessen sind ausschließlich Bilder zu sehen, die dem Olympia-Film entnommen oder während seiner Dreharbeiten entstanden sind. Vom schwülstig antikisierenden Beginn des 1. Teils, "Fest der Völker", mit Akropolis, Mädchenreigen und Fackellauf, bis zum Ende des 2. Teils, dem "Fest der Schönheit", den der finale Lichtdom um das Berliner Olympia-Stadion beschließt, sind alle visuellen Höhepunkte des Films vereint. Nur ein wesentliches Element ist in der Fotoschau aus nächstliegenden Gründen nicht präsent: die Auftritte von Hitler, die im Film die Abfolge der Wettkämpfe interpunktieren.Das Angebot zur unbefangenen Betrachtung ist schwierig anzunehmen, und die Ästhetik der Fotografien erleichtert sie nicht. Am fremdesten wirken die Bilder von den olympischen Stätten, die sich dem heutigen Blick auch dann in ihrer Theatralik entblößen, wenn man nicht weiß, dass der antike Säulenstumpf, auf dem in dem Bild "Die olympische Flamme" das Feuer lodert, eine in den ostpreußischen Sand gestellte Attrappe war. Das klassizistische Pathos, wie es sich in der berühmten Überblendung des Diskuswerfers von Myron in den Körper des Zehnkämpfers Erwin Huber manifestiert, prägt auf subtilere Weise auch die Wettkampf-Aufnahmen der Riefenstahl. Es ist überraschend zu sehen, wie weit dieser Klassizismus sie von allen heutigen Erwartungen an die Sport-Fotografie entfernt. Keine Anstrengung, keinen Schmerz, nicht einmal Konkurrenz zeigen die Olympia-Fotos. Auch wenn sie "Der Sieger", "Die Siegerin" und nochmals "Der Sieger" heißen, spiegeln sie weder die Anspannung wider, die den Sieg herbeizwingen will, noch die Erschöpfung danach. In den charakteristischsten Bildern sind die Athleten aus extremer Untersicht aufgenommen und verharren in einer steinernen Pose, für die der tief gelegene Horizont den Sockel bildet. Was die menschlichen Gestalten an emotionaler Ausstrahlung vermissen lassen, wird durch die Himmelsgründe kompensiert, in denen sich dramatische Wolkenbänke ballen. In isolierter Konzentration sind die Wettkämpfer abgebildet: der Speerwerfer, der mit zusammengezogenen Brauen ins Weite späht, der Turner, der mit seinem Barren zum symmetrischen Ornament verschmilzt. Selbst in Momentaufnahmen, im Anlauf, im Sprung, wirken die Körper wie für alle Zeiten an die Bilddiagonalen geheftet. Jeder Ausdruck der Bewegung verschwindet in der Statik der Komposition. Allein die Unterwasserbilder aus dem Schwimmstadion machen eine Ausnahme. An der Unmittelbarkeit des Wassers, dessen Wirbel und Luftblasen um den Menschen eigene vitale Formen bilden, scheitert die Idealisierungskunst Riefenstahls. So kommentarlos die Galerie ihre Riefenstahl-Ausstellung präsentiert, einen Kommentar hat sie sich doch erlaubt, in Form eines Treppenwitzes. Auf dem Treppenabsatz zwischen den Stockwerken zeigt ein Bild des Fotokünstlers Burkhard von Harder nahezu lebensgroß einen bleichen Fettsack auf abschüssigem Sprungbrett, der sich in tölpelhafter Haltung anschickt, in einen schwarzen Abgrund zu springen. Verstehe das jeder, wie er will: als Ironisierung der einstigen olympischen Schönheitsseligkeit oder als Trauer um ihren Verlust.Camera Work, Kantstraße 149. Geöffnet Di-Fr 11-18, Sa 11-16. Bis 24. Juni


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