blz_logo12,9

Lesbischer Chor in Kroatien: Singen für mehr Rechte

Der Chor singt "Ljubav za sve"

Der Chor singt "Ljubav za sve"

Foto:

screenshot

Zagreb -

Sechs junge Frauen stehen in der Oberstadt auf dem kleinen Platz vor dem Parlament und blicken forsch in die Kamera. Sie tragen schwarze Knie- und Ellenbogenschoner, nachtblaue Schutzwesten und auf dem Kopf Baretts. Fast wie echte Polizistinnen sehen sie aus, nur dass statt Pistolen Bananen aus Styropor in ihren Gürteln stecken. Vor sich halten sie ein Banner, mit dem sie gegen Homophobie demonstrieren. Ein Polizist kommt vorbei, macht Notizen, lässt sich Ausweise zeigen.

Die Frauen kümmert das nicht, Polizeikontrollen sind sie gewohnt. Sie sind Mitglieder von Le Zbor (kroat. Zbor = Chor), dem ersten und einzigen lesbisch feministischen Frauenchor Südosteuropas. Sie scherzen, posieren vor ausländischen Touristen. Die Szene ist einige Monate her. Damals glaubten sie noch nicht, dass der Volksentscheid gegen die Homoehe tatsächlich stattfinden würde, zu dem die von der katholischen Kirche unterstützte Initiative „Im Namen der Familie“ fast 750.000 Unterschriften sammelte. Immer noch hatte die linke Regierung die Möglichkeit, das Verfassungsgericht entscheiden zu lassen, ob das Referendum rechtens sei. Es war der Hauch einer Chance, an dem sich die Frauen festhielten.

Verhärtete Fronten

Sie täuschten sich. Am 1. Dezember gingen die Kroaten zur Urne. Bei einer Wahlbeteiligung von 38 Prozent sprachen sich 66 Prozent für die Aufnahme der Definition der Ehe als „lebenslange Union von Frau und Mann“ in die Verfassung aus. Die Regierung lehnte die Initiative als diskriminierend ab und arbeitete kurz danach einen Gesetzesentwurf für eingetragene Lebensgemeinschaften aus. Seither verhärten sich die Fronten. Kroatien steckt in einem Kulturkampf, auf der einen Seite die katholische Kirche mit ihren erzkonservativen Anhängern, auf der anderen Menschenrechtsaktivisten, die für ein säkulares, offenes Kroatien kämpfen. So wie die sechs Frauen im Polizeikostüm.

Homosexuelle Chöre sind international nichts Neues. Die ersten entstanden in den 70er-Jahren in den USA, nach Europa kam die Idee in den 80ern. Le Zbor gründeten sich im Jahr 2005. „Am Anfang waren wir fünf Frauen“, erzählt Lea Jurišić, die schon damals mit dabei war. Sie ist eine wache 34-Jährige, die ihre Sätze gern mit einem ironischen Grinsen im ungeschminkten Gesicht beendet. „Wir kannten uns vom Zentrum für Frauenforschung und waren auf der Suche nach einer Art von Aktivismus, die mit Kultur und Musik zu tun hat.“

Die fünf suchten per Anzeige nach Mitgliedern und fingen einfach an. Keine der Frauen konnte singen, bei ihrem ersten Auftritt präsentierten sie schiefe Weihnachtslieder. Heute stimmen die Töne. Zwei Mal die Woche wird geprobt, jeden Monat gibt es mehrere Auftritte. Wer mitmachen will, muss bei einem Vorsingen überzeugen.

Was sie singen? Kraftwerk, Depeche Mode, aber vor allem traditionelle Musik aus der Region. Jurišić schwärmt von den Liedern ihrer Kindheit, als es noch keine Rolle spielte, ob sie aus Bosnien, Serbien oder Kroatien stammten, und von den antifaschistischen Songs, die mit den nationalen Bewegungen des Balkankonflikts in Vergessenheit gerieten.

In den Liebesliedern tauschen Le Zbor die Geschlechter aus. Die Methode ist einfach, aber wirkungsvoll. Kavita Ramdas, frühere Präsidentin des Global Fund of Women, hatte Le Zbor in einer Rede einmal als ein Beispiel für engagierte Frauen aufgeführt, die Traditionen hochhalten und dadurch für kulturellen Wandel sorgen. Mit den vertrauten Melodien will der Chor emotional ansprechen und dann überzeugen. Le Zbor treten bei Queerfestivals auf und traditionellen Chortreffen, bei politischen Veranstaltungen und Musikevents. Die Musikerinnen saßen im Tourbus, als im Radio angekündigt wurde, dass das Referendum stattfindet. Die Regierung wollte keinen Verfassungsstreit riskieren. Rasch entschlossen sich Le Zbor, ein Band-Aid-Video aufzunehmen. Solche Videos, auf denen sich Stars für einen guten Zweck einsetzen, haben in Kroatien seit den Zeiten des Balkankriegs Tradition. Das Lied stand schnell fest: „Ljubav za sve“ (Liebe ist für alle) von Sandi Cenov aus dem Jahr 1993, ist einer dieser Popsongs, der sofort ins Ohr geht, selbst wenn man kein Wort vom Text versteht.

Le Zbor sprachen Musiker, Schauspieler, Fernsehmoderatoren an. Innerhalb von zwei Wochen wurde das Video realisiert und im Netz veröffentlicht. Fernsehen und Presse berichteten, mehr als 70 000 Menschen schauten es sich auf Youtube an. Das Lied wurde zur inoffiziellen Hymne der Kampagne. Demonstranten sangen es auf Protestmärschen, eine Eltern-und-Kinderrechtsorganisation nahm ihre eigene Version auf. Am Resultat des Referendums änderte es jedoch nichts.

Kroatien, ausgerechnet Kroatien. Weiße Strände, malerische Küstenstädte – Kroatien gehört zu den beliebtesten Reisezielen der Deutschen. „Kroatien. Noch schöner als im Märchen“ haben Le Zbor auf eine Postkarte gedruckt, auf der ein weiblicher Prinz gerade ein schlafendes Dornröschen wach küsst. Dabei begegnen Homosexuelle in Kroatien nicht selten Gewalt.

Die Polizei versagt

Zum Beispiel beim ersten Pride-Marsch in Split, als rund 300 Teilnehmer von 10.000 Gegendemonstranten angegriffen wurden. Le Zbor waren damals dabei. Gemeinsam mit anderen versteckten sie sich unter der Bühne vor homphoben Steinewerfern, die „Tötet die Schwulen“ brüllten. Das offizielle Programm war längst abgesagt, als Le Zbor auf die Bühne kletterten und sangen. Manche plagten danach Albträume, andere nennen es ihren wichtigsten Auftritt, der Grund, warum es sie gebe. Weil die Polizei in Split versagte, ließ sich der Chor die Polizeikostüme anfertigen, als Zeichen des Widerstands.

Oder im Januar 2013, als 100 Aktivisten, die mit Küssen und Regenbogenflaggen gegen homophobe Äußerungen bekannter Priester vor der Zagreber Kathedrale protestierten, auf 500 gewaltbereite Gegner trafen. Es war das zweite Mal, dass Le Zbor mit Polizeiautos weggebracht werden mussten. Das letzte Mal wahrscheinlich nicht.

Davon lassen sich Le Zbor nicht entmutigen. „Wir singen weiter, jetzt erst recht“, sagt Jurišić. Auch für die Unterdrückten in anderen Teilen der Welt. Jetzt, zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi haben sie ein Solidaritätsvideo aufgenommen, auf dem sie das russische Volkslied „Katjuscha“ singen und sich küssend die olympische Flamme durch Zagreb tragen. Die Aufmerksamkeit in Kroatien haben sie nun. „Ljubav za sve“ hat Le Zbor bekannt gemacht, der Chor hat viele neue Mitglieder gewonnen. Und zumindest haben sie es nun schwarz auf weiß, dass ihre Arbeit etwas bringt: Pula, Rovinj und Poreč, drei Städte aus Istrien, wo der Chor kurz zuvor auftrat, stimmten im Referendum mit Nein.

http://www.youtube.com/watch?v=KmeHnaEGrQE

http://www.youtube.com/watch?v=Kkca0K6Zxrc