30.11.2011

Sarah Kuttner: "Viele finden mich wahnsinnig doof und scheiße"

Sie möchte lieb gehabt werden: Sarah Kuttner.
Sie möchte lieb gehabt werden: Sarah Kuttner.
Foto: dpa

Im Interview erzählt Sarah Kuttner über ihr Image als Berliner Schnauze, ihr neues Buch "Wachstumsschmerz" und den Umgang mit schlechten Kritiken.

Vor zehn Jahren fing Sarah Kuttner als Moderatorin beim Musiksender Viva an. Sie redet viel und schnell und hat mit ihrer großen Klappe oft polarisiert. Nach dem Erfolg ihres ersten Buches „Mängelexemplar“, das 500.000 Mal verkauft wurde, erschien nun ihr zweites Werk mit dem Titel „Wachstumsschmerz“.

Frau Kuttner, sind Sie eine Moderatorin, die Bücher schreibt? Oder eine Autorin, die auch im Fernsehen moderiert?

Kann ich nicht beides haben? Wie wäre es mit einem Komma? Nein im Ernst, ich bin eine Moderatorin, die Bücher schreibt. Das Moderieren ist mein Beruf.

Aber was macht mehr Spaß?

Das Tolle am Schreiben ist, dass ich mir meine Zeit frei einteilen kann. Und es interessiert auch niemanden, ob ich in Unterwäsche oder im Skianzug am Schreibtisch sitze. Andererseits hat man beim Moderieren natürlich mehr Abwechslung. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich das Moderieren wählen.

Dann stimmt es also nicht, dass Sie wegwollen vom Fernsehgeschäft?

Nein, das möchte ich nicht. Das wollte ich auch nie. Es gibt aber Momente, in denen ich Fernsehen so richtig doof finde. Dann merke ich, was das doch für ein widerliches Business ist. Es ist furchtbar, wie die Leute hinterm Rücken übereinander reden. Das Geschäft ist oft unehrlich und besteht zum großen Teil aus Politik und Lobbyarbeit. Das ärgert mich, und manchmal sage ich das auch laut.

Zur Person

Sarah Kuttner wurde am 29. Januar 1979 in Ost-Berlin als Tochter des Radiomoderators Jürgen Kuttner geboren.

Ihre Karriere begann beim Radio. 2001 wurde sie in einem bundesweiten Casting des Musiksenders Viva als neue Moderatorin ausgewählt.

Zur ARD kam sie erstmals 2004, als sie gemeinsam mit Jörg Pilawa den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest moderierte. Danach wurde sie für den Publikums-Bambi nominiert.

Ihr erster Roman hieß „Mängelexemplar“ und erschien im März 2009. 57 Wochen stand er auf der Bestsellerliste.

In Ihrem ersten Buch „Mängelexemplar“ ging es um das Thema Depressionen. In „Wachstumsschmerz“ geht es um eine Sinnkrise während des Erwachsenwerdens. Warum ist es schon wieder ein Krisen-Buch?

Weil es toll ist, wenn Bücher eine Krise haben. Bücher, in denen es ausschließlich um die Liebe geht, gibt es schon genug. Krisen berühren einen. Ich möchte gern realistische Bücher schreiben. Geschichten, die es so oder so ähnlich wirklich gibt.

Wie viel Sarah Kuttner steckt in Ihrer Hauptfigur Luise?

Naja, viele Gedanken, die sich Luise über das Leben macht, habe ich mir auch schon gemacht. Aber falls Sie darauf hinauswollen: Nein, ich bin nicht Luise und das Buch ist auch nicht autobiografisch.

Also haben Sie keine Angst vor dem Erwachsenwerden?

Nein. Aber die Protagonistin hat auch keine Angst davor. Sie ist eher verwundert darüber, sich in einem durchaus erwachsenen Alter nicht ausreichend erwachsen zu fühlen. Sich so zu fühlen, wie die anderen Erwachsenen aussehen. Diesen Teil kann ich gut nachvollziehen. Aber inzwischen habe ich mit so vielen Leuten gesprochen und sie gefragt, ob sie sich erwachsen fühlen, und alle sagen nein. Selbst meine Mutter fühlt sich nicht vollständig erwachsen. Das ist doch krass. Das heißt aber nicht, dass wir nicht erwachsen sind. Wir treffen ja erwachsene Entscheidungen. Ich habe ein Auto, einen Job, eine Lebensversicherung.

Haben Sie, ähnlich wie Luise, manchmal das Gefühl, nicht genug aus Ihrem Leben zu machen?

Manchmal frage ich mich schon, ob ich vielleicht mehr Chancen nutzen sollte, mehr reisen, mal etwas ganz anderes ausprobieren. Mein Beruf ist sehr unsicher, und manchmal überlege ich, ob ich mir vielleicht ein zweites Standbein aufbauen sollte. Aber dann merke ich, dass ich das gar nicht möchte, dass ich ganz zufrieden bin mit meinem Leben.

Sie werden oft mit Charlotte Roche verglichen. Sie waren beide bei Viva, sie schreiben beide Bücher. Nervt Sie dieser Vergleich?

Nein, generell nicht. Weil ich Charlotte mag. Was aber nervt, sind die ständigen Fragen der Journalisten. Ganz so, als wäre es ein Muss, uns beide in einem Satz unterzubringen. Es ist ja nicht so, dass ich Bücher schreibe, weil Charlotte Bücher schreibt. Aber diese Unterstellung schwingt immer irgendwie mit. Aber das ist ja auch egal. Ich kann sie gut leiden, und es gibt schlimmere Leute, mit denen man verglichen werden könnte.

Ärgern Sie sich über Kritik?

Ja klar, volles Rohr. Aber jeder ärgert sich doch über Kritik. Ich finde es auch furchtbar eitel, wenn Leute behaupten, dass Kritik gar nicht an sie herankommen würde. Das stimmt einfach nicht. Die Kritik an meinen Büchern ist manchmal sehr persönlich und verletzend. Deshalb lese ich auch keine Rezensionen mehr. Zumindest versuche ich es.

Sie sagen, Sie fühlen sich oft falsch verstanden. Haben Sie ein Imageproblem?

Ich habe mir ja nie absichtlich ein Image aufgebaut. Ich war immer irgendwie nur ich. Die wenigsten Journalisten beschäftigen sich wirklich mit mir, wenn sie über mich schreiben. Sie schleppen einfach eine oberflächliche und Jahre alte Meinung über mich mit sich herum, schreiben immer noch irgendwas von „anstrengend“ und „Berliner Schnauze“ und „Playboy“ und das war es.

Sie haben mal gesagt, dass Sie glauben, 50 Prozent der Leute hassen Sie. Wie kommen Sie darauf?

Das ist so meine Erfahrung. Natürlich kenne ich nicht die genauen Zahlen. Aber irgendwie gibt es kaum jemanden, der sagt, die Kuttner ist mir egal. Entweder mögen die Leute mich oder sie hassen mich. Viele finden mich mega-anstrengend, hysterisch, wahnsinnig doof und scheiße.

Aber das ist ja furchtbar.

Ja, natürlich ist es das, aber so war es schon immer. Ich polarisiere. Mir macht das auch nicht immer Spaß. Jeder Mensch hat ja grundsätzlich das Bedürfnis, lieb gehabt zu werden. Auch ich.

Das Interview führte Nancy Krahlisch.

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