Literatur

06.08.2012

Buchmarkt: Das Buch, das nicht warten kann

Von Harald Jähner
Nach zwei Monaten verschwinden die Buchstaben, zurück bleibt ein leeres Buch.
Nach zwei Monaten verschwinden die Buchstaben, zurück bleibt ein leeres Buch.
Foto: Eterna Cadencia

Um in der Masse an Neuerscheinungen nicht unterzugehen, hat sich ein argentinischer Verlag ein besonderes Buch ausgedacht: Seine Buchstaben verschwinden nach zwei Monaten, zurück bleiben leere Seiten. Wer länger zum Lesen braucht, hat Pech gehabt.

Manche Menschen behaupten, das Kürzel AEG stehe für Auspacken, Einschalten, gaputt. Zu dem boshaften Spruch gibt es eine volkswirtschaftliche These, die seit der Studentenbewegung kursiert. Ihr zufolge bleibe die kapitalistische Produktionweise unter ihren technischen Möglichkeiten, weil sie Waren produzieren muss, die sich schnell wieder verabschieden, um Platz für neue zu machen.

Nun kommt ein interessanter Beleg für den wirtschaftlichen Nutzen der Vergänglichkeit aus der Welt der Literatur. Im Internet kursiert ein Werbespot für ein „Buch, das nicht warten kann“. Die Lettern sind mit einem Schwarz gedruckt, das sich nach zwei Monaten unsichtbar macht. In dieser Zeit muss man das Buch gelesen haben; danach hat man nur Raum für eigene Notizen.

Ein Debütant hat keine Chance

Das Buch, das verschwindet, soll die Zirkulation auf dem Buchmarkt zu erhöhen. Gerade die Werke jüngerer Autoren würden oft für Jahre ungelesen beiseite gelegt, heißt es in dem Clip. So hätte kein Debütant eine Chance, bekannt zu werden. Der Werbeclip wurde ausgerechnet im Auftrag des argentinischen Verlags Eterna (!) Cadenza produziert. Der Verlag betreibt in Buenos Aires auch eine ehrwürdige, überaus elegante Buchhandlung.

Der Clip ist zauberhaft; er gewann bei den Cannes Lions 2012 zwei Goldmedaillen und einmal Bronze. Im Stil gemeinnütziger Sozialkampagnen wird vor seelenmassierender Klimpermusik mit verführerischer Stimme das vergängliche Buch gerühmt: Das Buch soll verschwinden, damit der Autor es nicht muss.

Ein großer Unsinn, natürlich, aber der Clip ist mehr als ein Witz. Man kann ihn sich bei YouTube anschauen, wenn man den Titel „book that can’t wait“ eingibt, und wird erstaunt sein, wie liebevoll er gemacht ist. Es ist ein poetisch-absurdes Spiel mit dem Kampf der Literatur um den Leser und dem Wunsch jedes Autors, etwas Bleibendes zu schaffen. Wir wollten doch nur darauf hinweisen, dass die Literatur verschwindet, wenn sie nicht gelesen wird, beteuern Macher und Auftraggeber. Verstanden hat das allerdings kaum jemand; bei YouTube ist der Clip garniert mit erbosten Kommentaren. Daran sieht man mal wieder: Ironie geht nie.

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