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Literatur

Herodes Biographie: Der erste Bösewicht Europas

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Altstadt von Jerusalem.
Altstadt von Jerusalem.
Foto: dapd

Ernst Baltruschs grandiose Biografie zu Herodes, den „König im Heiligen Land“

Seit gut 2000 Jahren zählt Herodes I. (73-4 v. Chr.) zu den großen Schreckensmännern der Antike. Bis heute verteidigt er diesen Platz neben Nero und Attila, ja er hat sich im Ranking der größten Despoten der Menschheit inzwischen zu Hitler und Stalin vorgearbeitet.

Sofern die Berichte Glauben verdienen, wütete er an seinem Hof wie Richard III. und ließ seine Frauen hinrichten wie Heinrich VIII. Seine Schurkenkarriere krönte er schließlich am Ende seines Lebens mit dem Kindermord von Bethlehem. Erst dieser sicherte ihm über Jahrhunderte ein nachhaltiges Andenken.

Die unschuldigen Kinder rückten als die ersten Märtyrer in den Heiligenkalender ein, Herodes und seine Tat in die christliche Ikonographie. Das Motiv, das Grauen mit religiöser Erbauung verknüpfte, zog viele Künstler an. Es findet sich auf spätantiken Mosaiken und Steinsarkophagen, auf Gemälden von Bruegel oder Rubens, in modernen Bibelillustrationen und auf Kirchenfenstern.

Der unbeliebte Schurke

Herodes wurde zum Exempel, mit dem sich Gläubigen und Nichtgläubigen noch immer drohen lässt. So identifizierte der Kölner Kardinal Meißner als Vorbild der Präimplanationsdiagnostik den Bethlehemitischen Kindermord. Kritiker nannten die von der EU gezahlte Vergütung für die frühzeitige Schlachtung von Kälbern „Herodes-Prämie“. Zu einer solchen, allein auf einem Verbrechen beruhenden Bekanntheit brachte es kein zweiter antiker Herrscher, und dies, ohne dass Herodes etwas für seine späte Popularität hatte tun müssen. Den berüchtigten Blutbefehl erfand für ihn der Evangelist Matthäus, um eine Parallele zwischen Jesus und Moses zu ziehen, der im Weidenkörbchen auf dem Nil der Weisung des Pharao entkam, alle Knaben der Hebräer zu töten.

Der König der Juden

Herodes I. herrschte von 40 v.Chr. bis 4 v. Chr. als von Rom eingesetzter „König der Juden“ über Judäa, Galiläa, Samarien und Idumäa im heutigen Palästina. Er war einer der bedeutendsten jüdischen Herrscher.

Die Greueltaten, die Herodes im Matthäus-Evangelium angelastet werden, hat er nicht begangen. Für den Mord an den Neugeborenen gibt es keine Belege und die Volkszählung, die der Grund für den Aufenthalt der Eltern Jesu in Bethlehem gewesen sein soll, fand erst 7 Jahre nach Herodes’ Tod statt. Das Lukas-Evangelium erwähnt ihn lediglich in seiner Funktion als König.

2007 fand der Archäologe Ehud Netzer das Grab Herodes’ in dessen südlich von Jerusalem gelegenem Palast, dem Herodium. Dies gilt als einer der wichtigsten archäologischen Funde der letzten Jahre.

Herodes war allerdings nie beliebt – insofern hat Matthäus seine Geschichte gut erfunden – und am Ende seiner Herrschaft auch ohne jeden Freund. Selbst wenn er am Mord von Bethlehem so unschuldig war wie die nicht getöteten Kinder, so bietet vor allem seine Familienpolitik doch ein verstörendes Bild. Der König war der „Mann der vielen Gesichter“, begründet in seiner Persönlichkeit, mehr aber noch in den Problemen, die er als Herrscher eines kulturell und ethnisch zerrissenen Reiches zu lösen hatte.

Herodes entstammte dem südlich von Judäa siedelnden Volk der Idumäer bzw. der Edomiter. Er war jüdischen Glaubens, zu dem die Idumäer nach ihrer Unterwerfung konvertiert worden waren, und ähnlich dem Karthager Hannibal hellenistisch, also weltoffen, sozialisiert. Gleichzeitig war er Bürger und Freund Roms, ein von der römischen Macht zunächst geförderter, dann geduldeter Klientelfürst.

Das multiethnische Reich, das er regierte, umschloss Galiläa, Samaria, Judäa sowie Idumäa und erstreckte sich von der Jordanquelle bis zum Südufer des Toten Meeres. Herodes’ Herrschaft lässt sich, wie es Baltrusch in seiner Monographie tut, in drei Phasen unterteilen. Die erste währte von 40 bis 30 v. Chr. Sie hob mit der Ernennung des Herodes zum König durch die römischen Triumvirn (unter ihnen Augustus) an und stellte ihn zunächst vor die Aufgabe, Palästina zurückzugewinnen, das die Parther erobert hatten, Die zweite, die mit der Alleinherrschaft des Augustus begann, sah Herodes fast zwei Jahrzehnte auf dem Höhepunkt seiner Macht, bevor 12 ein Niedergang einsetzte, den erst der Tod 4 v. Chr. abschloss.

Die Formel, welche der jüdische Historiker Flavius Josephus (37-100 n. Chr.) für Herodes’ Regiment fand, Erfolg in der äußeren Politik, Misserfolg im Innern, erweist sich in ihrer strengen Dichotomie als zu einfach, erhellt aber, woran der König scheiterte: an seiner Juden- und der damit verbundenen Familienpolitik. Um seine Herrschaft zu legitimieren, heiratete Herodes Mariamne, eine Frau aus einer Familie, die über lange Zeit die Könige in Israel gestellt hatte.

Leidenschaftliche Beziehung

Das war, wie bei seinen zahlreichen anderen Ehen auch, eine politisch motivierte Heirat und dennoch, da sind sich die Quellen einig, eine leidenschaftliche Beziehung. Sie endete in einer von Intrigen und Verleumdungen geprägten Hofatmosphäre mit der Hinrichtung Mariamnes.

Der Versuch, die Nachfolge zu regeln, stürzte das zerrissene Land vollends ins Chaos. Drei seiner vielen Söhne ließ Herodes in den letzten Jahren seines Lebens ebenfalls hinrichten. Augustus soll gesagt haben, er wolle lieber das Schwein des Herodes sein als sein Sohn.

Die Nachrichten über die Paranoia, die Grausamkeit und Mordgier des Königs haben hier ihre Wurzeln, und sie bildeten den Stoff, der Herodes zum ersten Bösewicht der europäischen Theaterbühnen machte. Daneben, und im Schatten einer feindlichen Überlieferung steht freilich ein ganz anderer Herodes: freigebig, gebildet und ideenreich, ein König, der sich unter äußerer Bedrängnis und innerem Zerwürfnis 36 Jahre lang behaupten kann, der in dieser Zeit großartige Bauvorhaben wie den Tempel von Jerusalem vollendet, der Befestigungsanlagen und Häfen anlegt, Städte wie Caesarea gründet, die Versorgung seiner Untertanen garantiert, über lange Perioden den Frieden sichert.

Das Reich des Herodes entstand, als im Zentrum des Imperium Romanum ein Bürgerkrieg tobte, die Republik zugrunde ging und sich der Prinzipat des Augustus konstituierte. Das ist ein überaus komplexer und schwieriger Stoff für eine Biographie, aber Ernst Baltrusch, Professor für Alte Geschichte an der Freien Universität Berlin und als exzellenter Kenner der Materie durch zahlreiche Publikationen zur jüdischen und römischen Geschichte ausgewiesen, hat ihn gemeistert.

Mehr noch: ihm ist ein grandioses Buch geglückt, das den Ansprüchen des Fachmannes genügt und dem Leser ohne Vorkenntnisse das Verständnis der oft schwierigen Zusammenhänge ermöglicht. Baltrusch gelingt das, indem er den chronologischen Rahmen zerbricht.

Zehn Ehefrauen

Er teilt das Buch in die fünf Identitäten des Herodes und macht damit auf so kluge wie geschickte Weise das Gespaltene in der Person des Königs und das Widersprüchliche seines Handelns erklärlich: Herodes als Idumenäer von Geburt, als Römer nach dem Bürgerrecht, als Jude in der Religion, als Hellenist in seiner Bildung und als „Familienvater“ in insgesamt 10 Ehen. Ein sechstes Kapitel behandelt die letzten Jahre und schließt den historischen Teil ab, dem ein Vorspann vorangestellt ist, der als Wegweiser durch das Kommende dient und dem Leser auch ohne chronologisches Gerüst stets zeigt, wo er sich befindet.

Was aus Herodes wurde, zeigt ein zweiter, nicht weniger spannender Teil, der das Erbe des Königs behandelt und seine lange Rezeptionsgeschichte in Kunst und Literatur, Theater und Film nachzeichnet. Herodes stabilisierte in einer Umbruchzeit eine von Unruhen bedrohte Zone der römischen Herrschaft, er integrierte das Judentum in das Imperium und er schuf mit seinem Reich die Voraussetzungen für das, was er angeblich vernichten wollte.
Eigentlich hätte Matthäus ihm danken müssen.

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