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Lothar Bisky: Der Mitnehmer

Lothar Bisky.

Lothar Bisky.

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Getty Images

Am Samstag wäre Lothar Bisky 72 Jahre alt geworden. Am Dienstag starb er. „Nach kurzer schwerer Krankheit“, wie Gregor Gysi bekannt gab. Mehr wissen wir über sein Sterben nicht. Er war in Pommern, an einem Sonntag, geboren worden und als Flüchtlingskind in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Er war gerade volljährig geworden, da ging er in die DDR, ins, wie er damals glaubte, bessere Deutschland.

Das liest sich bei ihm so: „Es war der 6. Dezember 1959. Von Lübeck nahm ich die Fähre zum Priwall. Ich ging in Richtung Grenze, erreichte den Drahtzaun und bog den Stacheldraht hoch, so dass ich unverletzt durchschlüpfen konnte. Ich stand auf und war im Osten.“ Man sieht schon: Ein junger Mann, sehr radikaler Entschlüsse fähig, mit einem Dickkopf, der ihm deren Realisierung ermöglicht, aber keiner, der sich lustvoll blutige Wunden dabei zufügt.

1963 wurde er Mitglied der SED. Er hat die Partei nie verlassen. Er hat ihr gedient. „Ein zuverlässiger Genosse“, wie auch das Ministerium für Staatssicherheit ihm bescheinigte. Er hat ihr gedient, so jedenfalls verstand er es, auch indem er Freiräume schuf und zum Beispiel an der Filmhochschule Babelsberg als er von 1986 bis 1990 deren Direktor war, wirklich freie und wirklich geheime Wahlen ermöglichte. Seit der Wende hat er seine Partei – in all ihren Wandlungen und in ihrer Beharrungskraft – wesentlich geprägt. Lothar Bisky strahlte Verlässlichkeit, Treue und Schalk aus. Eine angenehme Mischung.

„So viele Träume“ ist der Titel seiner Autobiographie. Ihn übernahm er von Heiner Carow. Der hatte nämlich 1986 so den Film genannt, in dem er, so Bisky, „eine Art künstlerischer Lebensbilanz“ präsentierte. Da hat man schon ein Gutteil von Bisky: Warum sich um Originalität bemühen, wenn etwas Brauchbares, etwas Gutes schon da ist? Jeder, der einmal einer Bisky-Rede zugehört hat, wird sich an die merkwürdige Verbindung von Bonhomie und Langeweile, die von drei, vier markigen antikapitalistischen Sprüchen weniger unterbrochen als vielmehr fortgesetzt wurde, erinnern. Er schien Denken und Sprechen weniger zu verwenden, um anderen oder gar sich etwas klarzumachen, als vielmehr, um ein wenig Salbe auf die Realität zu legen.

Zuhören als Kampftechnik

Man konnte den Eindruck gewinnen, er hielte Einverständnis für einen Wert an sich. Das entsprach wohl nicht einer intellektuellen Einsicht in die Lage Deutschlands nach der Wende oder gar in die seiner Partei, sondern seinem – der altmodische Ausdruck sei gestattet – Gemüt. Man kann das sehr schön auf Youtube sehen. Henryk Broder fragt ihn, warum er sich die Arbeit eines Europarlamentariers denn antue als über Sechzigjähriger? Bisky begibt sich sofort auf die Ebene des Fragers, flachst ein wenig zurück, versucht wieder mal Einverständnis herzustellen. Durch seine Antwort, aber auch durch die Art wie er sie gibt.

Man könnte sich den jungen Bisky – das wäre, folgt man seiner Autobiographie, aber falsch – eher als Jazzer denn als Rock’n Roller vorstellen, als einen also, der seinen Mitspielern so lange folgt, bis er ihnen für ein paar Augenblicke davon läuft, um sich dann aber gerne von ihnen wieder einfangen zu lassen.

Allerdings: Bisky war auch ein Dickschädel. Einer, der es verstand, was er für richtig hielt durchzusetzen. Nicht in Redeschlachten oder publikumswirksamen öffentlichen Auseinandersetzungen, sondern durch beharrliche Widerständigkeit. Er hat den radikalen Reformerflügel seiner Partei ebenso ausgebremst wie die zu beharrenden oder gar nostalgischen Kräfte. Es wird wohl nicht immer alles davon gut gewesen sein für seine Partei und ganz sicher nicht immer alles gut für das neue Deutschland. Aber von welchem Politiker könnte man so etwas sagen?

Lothar Bisky war ein Strippenzieher, einer, der mit allen redete, der kaum einmal aufgab. Aber vielleicht wird man in ein paar Jahren merken, dass die PDS, dass die Linke weniger sein Produkt war, als dass vielmehr deren Entwicklung in ihm, in dem der er war, sich verkörperte. Seine Position in der Partei war weniger Produkt seiner Arbeit als vielmehr die Resultante verschiedenster, einander widerstrebender Interessen. Dieser Blick auf ihn, nimmt ihm nichts von seiner Bedeutung und auch nichts von seinem Charme. Er ruckelt nur ein wenig die Frage – Lothar Bisky hätte gut verstanden, wovon hier gesprochen wird – nach der Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte zurecht.

Ich habe Lothar Bisky erst wahrgenommen mit seiner Alexanderplatzrede am 4. November 1989. Er sprach gleich nach Heiner Müller und seine Rede endete mit dem Satz: „Wir brauchen nicht nur Lautsprecher, sondern auch Zuhörgeräte.“ Nicht um besser nicken, sondern um mitswingen und sich dann vielleicht auch wieder hinausschwingen zu können. Es wäre naiv, in Biskys Zuhörkünsten, in seinem Zugehörigkeitsmodus nicht auch das Jiu-Jitsu-Mäßige zu sehen, die Fähigkeit also, die Energie, die Anstrengung des Gegners für die eigene Kraftentfaltung zu nutzen.

Er hat von seinen Studenten gelernt, die DDR mit anderen, mit realistischeren Augen zu sehen. Er hat Zeit dafür gebraucht. Er konnte nicht einfach überspringen. Er musste den Drahtzaun erst anheben um durchschlüpfen zu können. Aber er gehörte zu den vielen, auch in der SED, die das nicht nur erkannt hatten, sondern auch daran arbeiteten, gerade das zu ändern. Und das schon, als die SED noch – trotz Biskys Einspruch muss man wohl sagen mit Schießbefehl – das Land regierte. Wie lange Bisky an die Möglichkeit einer Verlängerung der Lebenszeit der DDR über den Mauerfall hinaus glaubte, weiß ich nicht.

Als ich ihn kennenlernte, es war wohl Ende 1989, waren wir in weniger als einer halben Stunde einig geworden. Die taz wurde die erste deutschdeutsche Tageszeitung. Die Osttaz wurde gedruckt auf einer Maschine des Neuen Deutschland, auf Papier des Neuen Deutschland. Die Ostredaktion kroch unter in die gerade leer geräumten Räumen des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Die Auflage, deren Höhe ich vergessen habe, wurde DDR-Gesetzen folgend, von der Post in Gänze aufgekauft, an die Kioske verteilt. Biskys einzige Bedingung war, dass die taz eine vernünftige Anzahl DDR-Bürger anstellen müsse. „Unsere Leute“, habe ich noch im Ohr.

Ende Februar erschien dann die erste Ost-Taz. Bisky war schnell, wusste Bescheid und hatte sich ein klares Ziel gesetzt. Ich weiß nicht, ob er einige von uns kannte und darum so schnell handelseinig mit uns wurde. Jedenfalls telefonierte er aus seinem Büro, in dem kurz zuvor noch Egon Krenz gesessen hatte, mit den Leuten vom Neuen Forum, die in dem Haus arbeiteten, in dem kurz zuvor Schalck-Golodkowski den führenden Vertretern der DDR und ihren Damen gezeigt hatte, was ins Ausland gehen sollte. Für den Fall, dass der oder die eine vielleicht doch diese oder jene Diamantbrosche im Lande, am eigenen Jackett behalten mochte.

Wir warfen noch einen Blick auf die leeren Vitrinen. Heute ist in dem Gebäude die Nummer 1 der Hauptstadtrestaurants, das Borchardt, untergebracht. Die taz hätte lieber dort, in der Nähe des Neuen Forum gearbeitet, aber dann entschieden wir uns doch für die anrüchigere und billigere Variante.

Wir gingen damals aus dem Gespräch mit Bisky hinaus, sahen uns an und meinten: Wenn die DDR auch nur einen Bruchteil so offen, entscheidungsfreudig und effizient gewesen wäre wie dieser Bisky, sie hätte deutlich besser dagestanden im Wettbewerb der Systeme. Kurz danach wickelte Bisky die DDR-Medien ab. Darunter auch den Berliner Verlag. Wie er über den mit dem englischen Zeitungsverleger Robert Maxwell verhandelte, schildert er in seinen Memoiren.

Wir müssen hier über etwas anderes sprechen. Darüber nämlich, dass wir allen Grund haben, Lothar Bisky zu danken. Die Kanzlerin und der Bundespräsident mögen – was immer das heißen mag – besser angekommen sein in der Bundesrepublik. Aber sie haben kaum jemanden mitgenommen. Sie liefen, wie Lothar Bisky einst in der DDR, in die BRD. Nein, nicht einmal das. Als die BRD da war, richteten sie sich in ihr ein. Jeder auf seine Weise. Jeder für sich.

Lothar Bisky und ein paar andere hatten sich etwas anderes vorgenommen. Sie wollten Kader und Mitläufer der SED mitnehmen auf die Reise ins neue Deutschland. Sie wollten das nicht aus edlen Motiven. Oder jedenfalls nicht nur. Sie wollten Ideen – und wohl auch einiges von dem Geld – der alten SED hinüberretten in die Bundesrepublik. Sie wollten nicht einfach aufgehen in der neuen alten Gesellschaft. Sie wollten ein Stück Kraft bewahren für neue Kämpfe. Lothar Bisky war einer von ihnen.

Die letzten Jahre – die allerletzten wohl nicht mehr – träumte Lothar Bisky davon, dass um eine regional verankerte starke PDS, sich westdeutsche Initiativen, empörte Sozialdemokraten und Oskar Lafontaine durch dick und dünn begleitende Menschen scharen würden und so etwas entstünde, das die Bundesrepublik noch nie gesehen hatte, nämlich links von der SPD eine starke Partei im Parlament. Das war ein sehr hochfahrender Traum, eine Vorstellung von einem Deutschland, das die traumatische Erfahrung mit dem Regime der SED vergessen und noch einmal ganz auf die Ideen von Gleichheit und Brüderlichkeit gesetzt hätte.

Von Verzweiflungen angegriffen

Man hätte Lothar Bisky sagen können, dass er so viel Vergessen doch unmöglich gutheißen könne. Er hätte wohl langsam genickt, dann mit dem Kopf gewackelt, wieder genickt, wäre sich mit der Rechten über das Kinn gefahren, hätte lange gewartet, so als hätte er die Frage gerade das erste Mal gehört und schmecke, wäge sie erst einmal ab. Dabei hörte er nie auf, den Fragesteller mit traurigen Augen zu betrachten, bis er endlich, sehr langsam, die Wörter einzeln hervorkauend, herausgebracht hätte: Gerade weil wir diese Erfahrungen haben, werden wir ihre Wiederholung vermeiden können.

Das ist – jeder wird das sehen – ein Argument. Keines allerdings – das wird auch jeder sehen –, auf das man bauen möchte. Die Lernprozesse der Menschen, daran erinnert Alexander Kluge immer wieder, haben gar zu oft einen tödlichen Ausgang. Erfahrungen schützen einen nicht unbedingt vor ihrer Wiederholung. Jedenfalls ist auch das eine Erfahrung. Aber die Antwort macht einen anderen Bisky sichtbar, von dem noch nicht die Rede war. Er war ein Hoffer. Also einer, der in der Lage war, da, wo niemand sonst es tut, das Ende des Tunnels zu sehen. Ich glaube nicht, dass man das macht, weil man ein sonniges Gemüt hat. Im Gegenteil. Ich vermute, es ist die Hoffnung, mit der sich der von Verzweiflungen Angegriffene gegen die Attacken wehrt.

Bisky zog die Hoffnungsschraube eine Windung weiter

Theodor W. Adorno erklärte gegen Bloch, Hoffnung sei alles andere, nur kein Prinzip. Er hatte – auch damit – recht. Allerdings Bloch meinte mit Prinzip nicht so etwas wie prinzipiell, sondern einen Grundmodus des Lebens. Gegen alle Vernunft, gegen die fortwährende Erfahrung des Scheiterns. Ich habe, wenn ich Lothar Bisky in den letzten Jahren – meist nur – im Fernsehen sah, etwas davon in ihm gesehen. Jemand, der ganz nahe an der Verzweiflung war und gerade darum die Hoffnungsschraube noch eine Windung weiter zog. Ich habe ihn dafür belächelt und bewundert.

Es heißt jetzt: „Bisky hinterlässt seine Frau Almuth zwei Söhne – den Maler Norbert Bisky und den Journalisten Jens Bisky. Sein jüngster Sohn Stephan war Ende 2008 gestorben.“ Ich möchte nicht sprechen darüber, was es für einen Vater heißt, seinen Sohn zu verlieren und dann noch so. Ich möchte aber doch sagen, dass wir Lothar Bisky nicht nur danken sollten für das, was er beigetragen hat zur Integration zig Tausender – oder gar mehr – ehemaliger DDR-Kader in die neue Bundesrepublik, sondern auch ein ganz klein wenig dafür, dass uns Jens und Norbert Bisky mit und gegen ihren Vater unsere Welt erklären helfen.

Der eine mit seinen Bildern, der andere mit seinen Büchern und jedem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. „Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit“, schrieb Karl Kraus. Dieser Wahrheit käme man näher, wenn man der Familie Bisky nachspürte. Auch der Wahrheit über die Bundesrepublik der letzten dreißig Jahre. Man könnte vielleicht sogar lernen, wie originelles Denken und Arbeiten entsteht gegen den bis ins Extrem nagender Langeweile vorgetriebenen Verzicht darauf. Auch das könnte – wir suchen ja alle danach – ein Grund zur Hoffnung sein.