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Lustvoll wieder zum Leben erweckt: Die Berliner Kammeroper inszeniert "Arsinoe" von Reinhard Keiser: Doch sagen meine Triebe, ich liebe

Wie angemoderte Puppen aus dem 17. Jahrhundert sehen die beiden Sänger auf der Bühne aus: Melanie Hirsch in einem Kleid, das gleichermaßen an barocke Reifrockmode und Zigeunerflickerei erinnert, mit verstrubbelter Frisur und kreidebleich geschminktem Gesicht; Julian Podger ebenfalls in einem abgenutzt erscheinenden, barockisierenden Kostüm, das halblange Haar schlapp herunterhängend, das Antlitz kalkweiß. Melanie Hirsch ist Berenice, die Prinzessin von Cyrene, Podger der ihr vom Vater zum Bräutigam erwählte Tolomeo. Dieser wirbt mit viel angestaubter Galanterie um seine Angebetete, schenkt ihr eine Topfpflanze nach der anderen und taucht seine Liebesgesänge tief in Schmalz und weinerliche Wehmut. Berenice, ein echter Wildfang, schmettert ihm trotzig ihre Ablehnung entgegen, moduliert patzig-görenhaft die Töne.Die Prinzessin hat Glück: Auch ihre Mutter Arsinoe (Eeva Tenkanen) will Tolomeo nicht in der Familie sehen, sondern hat nach dem Tod ihres Gatten den Plan ersonnen, sie lieber mit Demetrius (Raimonds Spogis) zu verheiraten. Doch, oh weh: Sobald Arsinoe und ihr künftiger Schwiegersohn sich das erste Mal in die Augen blicken, sind sie füreinander entbrannt.Die Oper "Arsinoe oder La Grandezza d'Animo" ist der Feder des Barock-Komponisten Reinhard Keiser entsprungen, der zwischen 77 und 115 Opern für die Hamburger Oper am Gänsemarkt geschrieben haben soll. Vielen Zeitgenossen galt er als das Genie der deutschen Barockoper schlechthin, später geriet er dann im Schatten Händels in Vergessenheit. Schon 1992 hat sich die Berliner Kammeroper mit "Masaniello furioso" an die Wiederentdeckung Keisers gemacht, noch bevor er durch René Jacobs "Croesus"-Aufführung an der Staatsoper zu neuer Bekanntheit gelangte. Nun ist dank der Kammeroper zum vielleicht ersten Mal seit fast 300 Jahren auch wieder "Arsinoe" auf der Bühne zu sehen."Arsinoe" ist eine leichtfüßige, komische Oper voller Liebesverstrickungen, die musikalisch neben den wundervoll anschmiegsamen Gesängen vor allem durch Keisers instrumentale Experimentierfreude besticht. So hat er etwa die erste Arie der Arsinoe mit vier Blockflöten ohne Basso Continuo unterlegt und ihr damit dieselbe flirrende Leichtigkeit verliehen, der die Königin in ihrem Lied an die Freiheit huldigt. Die unverkrampfte, oft gar launige Interpretation durch das Sängerensemble unterstützt diese von Keiser geschaffene Emotionalität der Musik, lässt die Gefühlswelten der einzelnen Charaktere plastisch werden. Lustvoll-überschwänglich ist auch die schauspielerische Darstellung der Sänger, etwa wenn Elmiro, ein weiterer unwilliger Heiratskandidat Berenices, und die Magd Lesbia (vielversprechend: Matthias Jahrmärker und Olivia Vermeulen) sich im gurrenden Liebesspiel Weintrauben zurollen oder wenn Berenice Tolomeo den Garaus macht. Ebenso verspielt sind die sich stets possierlich reimenden Texte des Librettisten Breymann - schönstes Beispiel: "Doch sagen meine Triebe, ich liebe".So viel Unbeschwertheit entzückt und scheint ganz im Geiste barocker Sinnenfreude zu sein. Allerdings gleitet Kay Kuntzes Inszenierung vor lauter Unbekümmertheit mitunter ins Klamaukhafte ab: Frustration etwa findet im Auseinandernehmen von Federkissen ihren Niederschlag und Berenice reißt ihrem Demetrius vor lauter Begehren gleich die Kleider vom Leib. Dennoch ist Kuntze und seinem formidablen Sängerensemble eine genretreue Aufführung gelungen, so heiter und beflügelnd, wie man Barockopern gerne öfters sähe.Vorstellung nur noch heute, 19 Uhr, im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, Karten: 693 10 54.Das Festival 25 Jahre Berliner Kammeroper findet vom 29. 9. bis 29. 10. im Saalbau Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, statt. U.a. wird "Der verführte Claudius" von Reinhard Keiser aufgeführt.------------------------------Foto: Liebeskummer: Lesbia (Olivia Vermeulen) und Berenice (Melanie Hirsch).