10.02.2012

100 Jahre Babelsberg: "Der Popo ist nicht schlecht, aber brauchen wir nicht auch ein Gesicht?"

Von Frank Junghänel
Babelsberg stand am Anfang der Karriere von Marlene Dietrich.
Babelsberg stand am Anfang der Karriere von Marlene Dietrich.
Foto: dpa

Blaue Engel, wilde Drachen. In den Studios von Babelsberg wurden Weltstars geboren und große Illusionen produziert. Sechs Film-Geschichten aus einem Jahrhundert Traumfabrik.

Die Eisenträger, die das erste Filmatelier auf dem Gelände in Babelsberg zusammenhielten, wurden nicht genietet, sondern verschraubt. So war gewährleistet, dass das Gebilde jederzeit demontiert und andernorts wieder aufgebaut werden konnte. Darauf hatte Guido Seeber, der technische Leiter der Berliner Filmfirma Bioscop, geachtet, als er die Konstruktion eines möglichst leichten und transparenten Gebäudes in Auftrag gab. Am 12. Februar 1912 begannen in diesem Glashaus die Dreharbeiten für den Film "Der Totentanz" mit der dänischen Diva Asta Nielsen.

Der kinematografische Wintergarten stand an diesem Ort länger als gedacht. Schon bald wurde er "kleines Glashaus" genannt, weil nebenan ein größeres entstand. Die Filmproduktion hatte sich im brandenburgischen Sand festgesetzt – als kontinuierliches Provisorium. Denn die Welten, die in den Studios bis zum heutigen Tag in Handarbeit entstehen, sind flüchtig. Im Moment, da sie das Publikum auf der Leinwand zu sehen bekommt, haben sie längst aufgehört zu existieren. Besenrein werden die Studios an den nächsten Regisseur übergeben, der sich mit dem Filmarchitekten daranmacht, einen Kosmos nach seiner eigener Vorstellung zu kreieren. In diesem unermüdlichen Schöpfungsakt liegt das Wunder des Kinos begründet.

Sechs Film-Geschichten aus einem Jahrhundert
Paul Richter als Siegfried badet im Blut des erschlagenen Drachens Fafnir in einer Szene des Films Die Nibelungen des Regisseurs Fritz Lang (1890-1976).
Foto: ddp
Draht und Gips

Obwohl jener furchterregende Drache, der sich Siegfrieds Schwert am Ende nicht erwehren kann, über eine in den Kulissen verdeckte Fahrbahn rollte, waren in seinem Innern sechs starke Männer nötig, um ihn zu bewegen. Mithilfe eines im Kopf montierten Blechofens und eines Blasebalgs ließen sie ihn drei Meter lange Stichflammen speien. Der deutsche Stummfilm der 20er-Jahre ist reich an hochstilisierten Meisterwerken. Die zweiteiligen "Nibelungen" freilich hoben 1924 mit einer Laufzeit von fast fünf Stunden diesen Ehrgeiz auf eine neue Stufe. Es war die Geburt einer neuen Filmgattung, die uns mit Blick auf das aktuelle Kinogeschehen wieder ganz aktuell erscheint: Der Blockbuster mit Kunstanspruch.

Junge Zuschauer erkennen in den leinwand-füllend aufgereihten Rittern sofort den Einfluss auf George Lucas und seine „Star-Wars“-Saga. Auch James Camerons kunstvolle Special-Effect-Fantasie „Avatar“ beruht auf Erfolgsrezepten, die Fritz Lang und seine Ehefrau Thea von Harbou bereits kreierten: Eine denkbar allgemeingültige Geschichte – hier die populärste Heldensage im deutschen Sprachraum – wird einer künstlerischen Aneignung unterzogen, der kein Detail entgeht.

Die bahnbrechenden Filmtricks und optischen Effekte verdienen dabei nicht nur technische Bewunderung. Sie fügen sich derart organisch in das Geschehen ein, wie es bei heutigen Computeranimationen im Spielfilm nur selten der Fall ist. Filmarchitekt Erich Kettelhut, der nach Langs Vorstellungen den gut fünfzehn Meter langen, feuer-speienden Drachen baute, fasste sein Credo so zusammen: "In den ‚Nibelungen‘ ist der Trick immer Mittel zum Zweck, nie Selbstzweck."

So konnte er auch nicht in einem echten Wald sein Unwesen treiben, sondern in einer filmarchitektonischen Meisterleistung aus Draht und Gips.

Daniel Kothenschulte

Der Alte Trick der Illusionisten

"Die Weltelemente werden in umfänglichen Laboratorien an Ort und Stelle erzeugt", schrieb der Kritiker Siegfried Kracauer 1926 nach einem Besuch in Babelsberg. "Man richtet die Stücke einzeln her und schafft sie an ihren Platz, wo sie geduldig stehen bleiben, bis man sie wieder abreißt." Daran hat sich nichts geändert.

Aus ihrem szenischen Kontext gelöst, der sich letztlich ja nur im Auge des Zuschauers herstellt, wirken die Kulissen manchmal regelrecht erbärmlich. Da ist der Eingang zu 10 Downingstreet, dem Sitz des britischen Premiers. Im Film "Ghostwriter" kommt Pierce Brosnan naturgemäß in London aus dieser Tür. In Wirklichkeit steht das Fassadenteil an der Bordsteinkante einer Werksstraße auf dem Studiogelände und wird lediglich mit ein paar Latten aufrecht gehalten. Es ist logisch, dass die Szene nicht am Originalschauplatz gedreht wurde. Doch spielt die Logik im Augenblick des Betrachtens keine Rolle. Es ist erstaunlich, dass der Trick der alten Illusionisten immer wieder funktioniert.

Andersherum gedacht ist es unmöglich, sich vorzustellen, dass in der großen Mittelhalle des Studios ein Film wie "Metropolis" entstanden ist. Mit seinen nackten Ziegelwänden ähnelt das Haus am ehesten einem Straßenbahndepot. Aber irgendjemand hat auch heute die Welt von morgen schon im Kopf.

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