04.02.2012

Berlinale: Der Duft der Margherita

Von Daniela Pogade
Dieter Kosslick leitet die Berliner Filmfestspiele. Die 62. Berlinale beginnt am 9. Februar.
Dieter Kosslick leitet die Berliner Filmfestspiele. Die 62. Berlinale beginnt am 9. Februar.
Foto: Paulus Ponizak
Berlin –  

Dieter Kosslick erinnert sich, wie eines Tages der Appetit über ihn kam. In einem italienischen Restaurant in München nahm der Leiter der Berliner Filmfestspiele plötzlich einen ungekannten Geruch wahr: Es duftete nach Pizza mit einem Hauch von Majoran.

Dieter Kosslick erzählt:

Eine meiner schlimmsten Kindheitstaten war, dass ich auf dem Pausenhof ein Schulbrot wegwarf. Ich hatte es ausgepackt, hineingebissen und glaubte, auf der Stelle tot umzufallen. Meine Mutter hatte es mit Streichkäse bestrichen. Ich hasste Streichkäse. Ich warf das Brot mit dem Papier in einen Mülleimer und wusste, ich würde nun in der Hölle enden.

In Baden-Württemberg gab es in den Fünfzigerjahren zwei Regeln: Du musst Jesus Christus lieben, und du darfst niemals Brot wegwerfen. Ich hätte alles gerne befolgt, aber ich war ein schlechter Esser. Während meiner ganzen Kindheit und Jugend kannte ich niemals dieses Gefühl, Appetit oder Heißhunger auf ein bestimmtes Essen zu haben. Heute ist das unvorstellbar für mich. Gutes Essen bedeutet mir viel, und ich habe mich auch im Beruf häufig mit Ernährung und mit Lebensmitteln beschäftigt.

Ich bin drei Jahre nach Kriegsende zur Welt gekommen, in einer Zeit, in der sich Eltern für ihre Kinder vor allem eines wünschten: nahrhaftes Essen. Spinat und frische Milch, darum ging es ständig. Ambitionierte Mütter versuchten, möglichst viel Essen in ihre Kinder hineinzustopfen. In meinem Fall leider ohne Erfolg. Mir schmeckte einfach nichts, ich aß wenig und auch nur ganz bestimmte Dinge. Ein, zwei Kartoffeln, schwäbische Teigwaren, ganz wenig Gemüse. In Essig getränkten Salat brachte ich gar nicht herunter, ich entwickelte einen Widerwillen, unter dem ich bis heute leide.

Kindheit im Schwabenland

Unser Haushalt im schwäbischen Dorf meiner Kindheit bestand aus meiner Mutter und mir. Es waren kleine Verhältnisse. Mein Vater starb bei einem Unfall, als ich drei Monate alt war, und so musste meine Mutter unseren Lebensunterhalt verdienen. Sie stand morgens um vier auf. Um sechs begann ihr Arbeitstag in einer Fabrik. Bevor sie morgens das Haus verließ, kochte sie für mich ein Mittagessen, das ich bei einem Bäckersehepaar in unserem Haus aß.

Die Bäckerei der Eheleute Aubert war gewissermaßen meine Kita, eine Kita, in der es wunderbar nach Hefezöpfen und Schnecken roch, in der riesige Bleche mit Salzwecken und Butterbrezeln gebacken wurden. Trotzdem blieb ich ein schlechter Esser. Dass meine Mutter, die eine gute Köchin war, extra im Morgengrauen aufstand, um mir mein Mittagessen zu kochen, machte die Sache noch schlimmer. Abends und am Wochenende aßen wir zusammen, sonntags im Wohnzimmer, wochentags in der Küche unserer kleinen Zweizimmerwohnung. Ein Küchentisch mit Wachstuch: Ich saß davor und stocherte im Essen herum.

Meine Mutter sorgte sich ständig um mein Wohlergehen, und das zu Recht, denn ich war ein dünnes Kind, das ewig kränkelte. Einmal musste ich sogar für längere Zeit ins Krankenhaus. In Gesprächen mit Freunden und Verwandten hörte ich meine Mutter immer wieder klagen, dass "der Junge" so wenig esse. Die Dramen ums Essen waren mit den damals üblichen Druckmitteln verbunden, vom In-der-Ecke-Stehen bis zu Spielverbot und Hausarrest. Nichts davon wirkte.

Die Fünfzigerjahre kamen, ich wurde zum Schulkind, und mein Appetit blieb weiter aus. Allerdings war das Lustessen dieser Jahre Toast Hawaii und Schaschlik, Hähnchen und Pommes. Während der Schule ist man in diese Stehimbisse gegangen, wo man hinterher tagelang die Kleider auslüften musste. Das Luxuriöseste in puncto Essen war, den Wienerwald zu besuchen. Den Wienerwald mit diesem Slogan: "Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald." Als Teenager ging ich da häufiger hin, mit den Jungs von meiner Rockband "The Meters". Nicht dass es mir sonderlich geschmeckt hätte ...

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