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22.09.2012

Berliner Szene: Wie bekloppt sind wir eigentlich?

Von Alexander Tieg
Sie nehmen Drogen gegen den ganzen Scheiß im Kopf. Gegen Verpflichtungen und Widerstände, gegen die traurige Wirklichkeit.
Sie nehmen "Drogen gegen den ganzen Scheiß im Kopf". Gegen Verpflichtungen und Widerstände, gegen die traurige Wirklichkeit.
Foto: dapd

Jedes Wochenende tanzen sich vier Bewohner einer Berliner WG durch die Klub- und Drogenwelt der Hauptstadt. Ein Reisebericht.

Die Startbahnen für den Trip ins Wochenende liegen auf einer zerkratzten Spiegelfliese aus dem Baumarkt. Fünf filigran gezogene Linien, eine für jeden und die fünfte als Reserve für denjenigen, der nachlegen will. Es ist Freitagabend und das Wochenende beginnt mit einem Gramm Speed. Später werden Kokain und Ketamin dazu kommen, MDMA und ein bisschen Alkohol. Es ist der Auftakt zu drei schlaflosen Tagen und Nächten. Es ist der Beginn einer Reise, die jedes Wochenende der gleichen Route folgt.

Die Passagiere wohnen gemeinsam in einer Fünf-Zimmer-Altbauwohnung im Berliner Osten, keiner von ihnen ist älter als Mitte 20. Sie heißen Marie, Tom, Julian und Yannick. Unter diesen Namen wollen sie von ihren Wochenend-Trips erzählen. Im Wohnzimmer schüttet Yannick weißes Pulver aus einem kleinen Tütchen auf die Spiegelfliese. Mit einer abgelaufenen EC-Karte der Kreissparkasse Hamburg hackt er durch den Haufen.

Freizügig und familiär

Das Speed klumpt, es ist nass geworden. Yannick verteilt das Pulver, zerreibt es mit der Bankkarte und schiebt es schließlich in fünf parallele Bahnen. Er rollt einen Fünf-Euro-Schein zusammen und zieht die Droge durch die Nase. Dann Julian und Tom. Dann Marie. Die vier rümpfen die Nasen, die Droge brennt an den Schleimhäuten. Tom sagt, das helfe nebenbei auch gegen seinen Heuschnupfen. Die fünfte Bahn teilt er sich mit Julian.

Freitagabend, kurz nach Mitternacht, Tom und Marie stehen im Treppenhaus. Sie sehen aus als gingen sie einkaufen: Er trägt Jeans und einfarbiges T-Shirt, sie ein kurzes Kleid und darüber eine gelbe Jacke mit schmutzigen Ärmeln. Ihre Clubs sind keine Bühnen für aufgedonnerte Schaumschläger. Es sind Orte rauschhaften Impetus, freizügig und familiär.

Erster Stopp: Kater Holzig, ein Club in Kreuzberg, direkt an der Spree. In der alten Seifenfabrik pocht das Herz der Jeunesse dorée, durchgehend von Freitag bis Sonntag, manchmal auch länger. Es schlägt laut und elektronisch, so durchdringend, dass schon am Eingang die Fußsohlen vibrieren. Aus den Lautsprechern klatschen die Töne wie Hagelkörner auf den Boden, und die Bässe wabern erdrückend durch den Raum.

Ein paar Krümel

Das Kater Holzig ist eine Art Märchendorf hinter einem Holzlattenzaun mit Katzenfratze. Ein alter Beichtstuhl steht im Innenhof, daneben eine Bretterbude mit Tanzfläche und Bar. An den Fabrikmauern hängen grelle Regenschirme, es gibt Eisenskulpturen und verwinkelte Treppenaufgänge, Graffiti und Konfettiregen. Die WG steht auf der Gästeliste, so wie in fast jedem Club, den sie sich „zum Steppen“ aussucht. So nennen sie es, wenn sie tanzen gehen.

Beim Tanzen berühren sich die Schultern, und die Schuhsohlen quietschen auf dem schweißnassen Boden.
Beim Tanzen berühren sich die Schultern, und die Schuhsohlen quietschen auf dem schweißnassen Boden.
Foto: Imago

Sie steppen dann durch die Nacht und in den nächsten Morgen hinein, „ballern sich weg“, sind „übelst druff“. Irgendwann ziehen sie weiter zum nächsten Club, trotten ins Berghain oder Ritter Butzke, ins Sisyphos oder Neustockland. Aus den Boxen des Kater Holzig schießen die Beats wie bedrohliche Salven auf Maries Körper. Aber sie wedelt friedselig mit den Händen und tänzelt in Achten durch den Raum. Ihr Tanz hat etwas Nymphenhaftes, etwas Beruhigendes.

Um sie herum hopsen Mädchen mit roten Mündern und großen Brillen, tanzen Jungs in weitausgeschnittenen T-Shirts und engen Hosen. Nach dem Speed hat Marie zusammen mit Tom noch ein paar Krümel MDMA genommen, einen kristallinen Ecstasy-Wirkstoff. Nun setzt die Wirkung ein. Jeden will sie mit ihrer Liebe überschütten, mit Zärtlichkeit und Hingabe.

Abstürze, die Tage verschlingen

Sie tatscht und plappert und juchzt, fühlt sich mit den anderen Feiernden empathisch verbunden. „Es geht mir richtig gut“, säuselt sie und dehnt dabei die Vokale bis ihr die Luft wegbleibt. Niemand interessiert sich für Marie, jeder tanzt hier durch seine eigene Welt. Wenn Tom, Julian und Yannick tanzen, sieht es nach Arbeit aus. Sie pumpen mit den Armen, schieben die Luft beiseite, stampfen solange vor und zurück, bis sie durchgeschwitzt sind.

Die Körper malochen, während das Bewusstsein immer weiter entgleitet. Wer nicht weit genug wegkommt, wem die Flughöhe fehlt, der legt nach: mit Pulver aus kleinen Tütchen, die sie in ihren Socken und Unterhosen versteckt am Türsteher vorbeigeschmuggelt haben. Marie sagt, in solchen Momenten mache sie sich Sorgen um Tom, ihren Freund. Seit fünf Monaten sind sie ein Paar. „Ich habe so viel Scheiß erlebt, aber mit ihm will ich, dass es funktioniert“, sagt sie.

Keine ständig vollgedröhnten Freunde mehr, die die Drogen einer Beziehung vorziehen. Nie wieder Abstürze oder Blackouts, die so groß sind, dass sie ganze Tage verschlingen. Sie selbst habe ihre schlimmste Drogen-Phase nämlich überwunden, sagt Marie. Vor fünf Jahren ist Marie aus Sachsen nach Berlin gezogen, hat in Potsdam Psychologie studiert und Tom kennen gelernt, als er ihr neuer WG-Mitbewohner wurde.

Trinken und glotzen

Wenn Marie nüchtern ist, ist sie eine zierliche junge Frau, die ihre Gedanken beim Sprechen mit den Händen in die Luft malt. Sie fläzt im Schneidersitz auf dem WG-Sofa, auf ihrem Schoß ein Brett mit Spinat-Pizza. Ihre Fußzehen hat sie in die Bündchen der Jogginghose gekrallt, den Rücken durchgestreckt wie eine Ballerina. Sie erzählt, wie sie einmal in eine Schlammpfütze fiel und vollkommen besudelt erst in ihre Uni-Vorlesungen und am Abend mit der Bahn nach Hause fahren musste. „Typisch, ich wollte mal wieder nicht glauben, dass ich da nicht rüberspringen kann.“

Marie sagt, dass sie gern mehr über Israel wissen würde, die Heimat ihrer Großeltern. Sie sei ein paar Mal da gewesen, in Aschdod, Urlaub und so, aber über das Land, die Geschichte und den Konflikt weiß sie nichts. Gleichzeitig ärgert sie sich über die Belanglosigkeit ihres Hostessen-Jobs. „Die interessieren sich nie für die Stände, sondern wollen nur trinken und glotzen“, sagt sie.

Früher hat sich Marie mit Contemporary Dance fit gehalten und Theater gespielt. Dann löste sich ihre Tanzgruppe auf, und woanders waren ihr die Tänzer zu schlecht – oder sie selbst nicht gut genug. Im Theater hörte sie auf, weil ihr die Rollen nicht mehr gefielen, die sie bekam. Zuletzt spielte sie den Tod in einer modernen Inszenierung von Shakespeares Macbeth.

Keine Problemkinder

Marie verliert schnell die Lust, wenn ihr etwas missfällt. Sie ist oft ohne Elan, raucht die Tage im Café weg oder trifft Freunde, die ebenso wenig zu tun haben. Einzig die Arbeit als Hostess gibt ihrer Woche seit ein paar Monaten ein bisschen Struktur. Seit über einem Jahr hat sie all ihre Uni-Prüfungen bestanden, doch für ihre Diplomarbeit hat sie noch nicht einmal das Thema formuliert. „Irgendwie habe ich an allem das Interesse verloren“, sagt sie.

Marie, Tom, Julian und Yannick kommen alle aus den neuen Bundesländern. Sie sind Kinder der Wende, in eine Zeit des Aufbruchs und der Veränderungen hineingeboren, gut ausgebildet und behütet aufgewachsen, Marie mit Geschwistern und Hund, Yannick im Einfamilienhaus. Auch wenn die Eltern streng waren – sie sind mit ihren Kindern verreist, haben bei den Hausaufgaben geholfen, sich Sorgen gemacht, wenn sie nachts nicht nach Hause kamen. Die vier sind keine Problemkinder.

„Alter, der DJ hatte doch übelst abgerafft, dass ich voll auf Keta bin“, sagt Tom. „Als hätte der seinen Sound voll auf meinen Turn angepasst.“
„Alter, der DJ hatte doch übelst abgerafft, dass ich voll auf Keta bin“, sagt Tom. „Als hätte der seinen Sound voll auf meinen Turn angepasst.“
Foto: dpa

Doch in den Dörfern und Kreisstädten ihrer Kindheit drehte sich für sie alles im Kreis: Julian sah nach der Schule keine Perspektiven, Yannick keine Möglichkeiten, Tom keine Abwechslung. In Berlin fanden sie ihre Katharsis. Wenn Julian seine alten Schulfreunde heute besucht, bleibt er nie länger als zwei Tage. „Meine Jungs von früher haben sich überhaupt nicht weiterentwickelt, die spielen nur Playstation und gehen immer in dieselbe Kneipe“, sagt er.

Tom telefoniert einmal in der Woche mit seiner Mutter. Am Telefon sagt Tom „Mutti“ und freut sich, dass sie kochen will, wenn er sie besuchen kommt. „Hab’ dich lieb“, sagt er dann. Und, nachdem das Telefonat beendet ist: „Nüchtern ertrage ich das Wochenende nicht.“ Vom Leben in Berlin, den Drogen und den Partys, wissen die Eltern nichts.

Gegen die Wirklichkeit

Marie ist meist die Erste, der sonnabends der Körper schmerzt. Wenn sich der Drogennebel am Mittag erstmals lichtet, wenn sie „die ganzen Druffis“ um sich herum bemerkt, wenn jeder Gedanke wehtut im Kopf, und die Arme und Beine nur noch bleiern am Körper baumeln, fährt sie nach Hause – duschen, essen, fernsehen. Ihre Mitbewohner kontern dann mit Speed. Nur Tom, ihr Freund, begleitet sie meist nach Hause, an diesem Sonnabend aber schlurft auch er in den nächsten Club.

Der zweite Stopp: Ritter Butzke. In einer Stunde soll Tom hier auflegen und als DJ diejenigen beschallen, die immer weiter reisen wollen. „Hast du ein bisschen was für mich?“, fragt er einen im Club. Der hat. Tom bekommt Speed zum wach bleiben, zwei Lines gegen die Wirklichkeit. Es ist 13 Uhr.

Komischer Kreislauf

„Wir nehmen Drogen, damit wir nicht schlafen können – wie bekloppt sind wir eigentlich“, sagt Tom. Eigentlich fände er es professionell, sich vor seinen Auftritten loszureißen, vorher nicht immer feiern zu gehen. „Ich bin enttäuscht, dass ich das noch nicht schaffe.“ Tom sagt, dass er Drogen mag, seit er am letzten Schultag zum ersten Mal Ecstasy nahm. Ein Freund gab ihm damals eine halbe Tablette. Auf einer Party in Rostock im selben Jahr nahm er das erste Mal Speed.

„Ich habe gedacht: Boah, das setzt mich jetzt total außer Gefecht“, sagt er, „aber letztlich ist es nur ein hoch dosierter Kaffee, du wirst echt nur wacher.“ Vor drei Jahren verließ Tom Mecklenburg-Vorpommern – auch, um irgendwann auf den Gästelisten der Berliner Techno-Clubs zu stehen. In seinem WG-Zimmer in Berlin produziert er Tracks, die er auch in Dresden, Hamburg und Schwerin spielt. Nebenbei jobbt er als Verkäufer in einem Sportgeschäft.

Tom will studieren, am liebsten schon in diesem Winter: Kulturwissenschaften und Amerikanistik. Er will als DJ Erfolg haben, feilt oft stundenlang an neuen Tracks. Und er will, dass die Beziehung mit Marie funktioniert. Doch die Drogen werfen ihn oft zurück, er verschläft die Vormittage, schlingert durch den Nachmittag, abends arbeitet er als DJ. Es ist wie ein immerwährender Jetlag. Und dagegen hilft meist nur eine höhere Dosis. „Komischer Kreislauf“, sagt Tom.U

Ins All für 50 Euro

Ob er abhängig sei? „Das weiß ich ehrlich nicht, ob ich das noch im Griff habe.“ Er macht einfach weiter. Wie die anderen auch. Zu anziehend erscheinen die Momente vernebelter Glückseligkeit, wenn sich die Sicht verengt. Wenn sie ihre Sinne betäuben, jedes Wochenende, für etwa 50 Euro: ein Gramm Speed für zehn Euro, das Gramm MDMA für 30. Ketamin kostet sie 20 Euro, außer eine befreundete Tierärztin spendiert eine Gratisration.

Neben der Droge Speed kommen auch Ketamin, Alkohol und MDMA am Wochenende zum Einsatz.
Neben der Droge Speed kommen auch Ketamin, Alkohol und MDMA am Wochenende zum Einsatz.
Foto: dpa

Als Tom das erste Mal mit Ketamin ins All flog, stand er im Berghain, einem Techno-Tempel zwischen Friedrichshain und Kreuzberg. Er meinte zu spüren, wie sich die Welt nur noch um ihn drehte. „Alter, der DJ hatte doch übelst abgerafft, dass ich voll auf Keta bin“, sagt er. „Als hätte der seinen Sound voll auf meinen Turn angepasst.“ Der Aufprall aus dem Ketamin-Himmel ist hart und schmerzhaft. Je öfter Tom und seine Mitbewohner diese Droge nehmen, desto größer werden ihre Gedächtnislücken, desto verzerrter wird die Wahrnehmung. Die Droge kann zu Halluzinationen führen, überdosiert sind es Horror-Trips mit Nahtod-Erlebnissen.

Das Herz rast, der Körper zittert. Die Sprache verwäscht. Irgendwann werden die Psychosen kommen, Gedächtnislücken und Konzentrationsschwächen bleiben dauerhaft. Toms Musik im Ritter Butzke klingt nach einer Reise an die Ostseeküste, nach einem Flug durch die Gewitterwolken aus der alten Heimat. Elektrischer Regen, der in Schauern niederprasselt, dumpfes Wolkenkrachen und peitschende Trommel-Böen.

Gegen den ganzen Scheiß

Nach dem Unwetter strahlt die Sonne in einem kurzen Piano-Solo. Dann zieht neuer Regen auf. Mit seinem Körper gibt Tom seiner Musik Formen. Wellenförmig nickt er im Takt, mit der einen Hand hackt er durch die Luft, die andere zum Jubelruf geballt. Und auch vor dem DJ-Pult formen sie die Musik – sie stampfen, kreiseln, wippen und zappeln. Bunte Lichtblitze zerschneiden die schwüle Luft und malen allen Streifen ins Gesicht.

Beim Tanzen berühren sich die Schultern, und die Schuhsohlen quietschen auf dem schweißnassen Boden. Draußen scheint die Sonne, im Ritter Butzke geht das Licht erst am nächsten Tag wieder an. Yannick und Julian tanzen nicht. Sie ziehen auf der Toilette ein halbes Gramm Ketamin von der Klobrille. Tom sagt, in solchen Momenten mache er sich Sorgen um Julian, seinen Mitbewohner. Julian sei ein labiler Mensch, psychisch gesehen.

Einer, der seine Probleme für sich behält, nicht darüber spricht, wenn ihn etwas quält. Julian nimmt Drogen, wenn er nicht mehr nachdenken möchte. Den Stress mit seiner Ex-Freundin vergessen, seine neun Monate alten Zwillinge in Sachsen-Anhalt, die neue Liebe in Berlin, die ihn mit anderen Männern betrügt. „Ich nehme Drogen gegen den ganzen Scheiß im Kopf“, sagt Julian. Gegen Verpflichtungen und Widerstände, gegen die traurige Wirklichkeit.

Kleine Wahrheiten

„Klar habe ich manchmal Schiss, wenn die Bahn zu groß ist. Aber im Endeffekt bringt einen das alles nicht um“, sagt er. Manchmal, auf Drogen, wenn lange Erklärungen lästig sind, weil jedes Wort eine quälende Herausforderung ist, rutschen ihm kleine Wahrheiten raus. „Nüchtern ertrage ich das alles nicht“, sagt Julian dann. Den Unterhaltsstreit mit der Ex-Freundin. Die vielen Ämter, an die er zahlen soll, ein Job, der ihn frustriert.

Nach der Geburt der Zwillinge fiel Julian in ein Loch, er nahm mehr Drogen als sonst. Er sagt, seine Ex-Freundin habe ihn ausgetrickst und ohne sein Wissen die Pille abgesetzt. Er wollte mit seiner neuen Familie nichts zu tun haben: keinen Kontakt zu den Kindern, die Mutter bloß nie wieder sehen. Inzwischen besucht Julian seine Söhne an einem Wochenende im Monat, fährt mit dem Auto zwei Stunden nach Süden.

Meist ist er schon am nächsten Tag zurück, weil er sich mit der Mutter gestritten hat oder lieber in Berlin feiern will. „Wenn ich in Berlin bin, können meine Kinder wenigstens nichts Schlechtes von mir lernen“, sagt er. Von Montag bis Freitag arbeitet Julian in einem Grafik-Büro, zehn Stunden täglich. Für nicht viel mehr als die Miete, den Unterhalt für seine beiden Söhne und die Ratenzahlungen seines Autos.

Wochenend-Leben

Ein beflissener Mann, der um Geld zu sparen jeden Weg mit dem Fahrrad fährt; einer, der lieber Sekt trinkt als Bier und jeden Tag die Küche putzt. Freitagabends aber verwandelt er sich in einen Getriebenen. Wenn Julian von der Arbeit kommt, lehnt er sein Fahrrad an die Wohnzimmerwand, wirft sich aufs Sofa und beginnt, das Wochenende zu planen. Er telefoniert sich durch seinen Freundeskreis, organisiert Gästelistenplätze und Drogen.

In seinem Wochenend-Leben wirkt er selbstsicherer und souveräner; wie einer, der einen Plan hat, weil er diese Routine kennt. „Mit zwölf habe ich angefangen zu kiffen, mit 13 war ich Dauerkiffer“, sagt Julian, „mit 18 habe ich angefangen, Speed zu rotzen.“ Später kamen Kokain dazu, Ketamin und MDMA und Ecstasy. „Ach, am Ende geht immer irgendwie alles gut, das merke ich ja immer wieder“, sagt Julian und lacht.

Es ist, als würden sie immer und immer wieder vorm Fahrkartenautomaten entscheiden, ohne Ticket mit der Bahn zu fahren und hoffen, dabei nicht erwischt zu werden. Zweimal ging es bislang schief. Letztes Jahr ist Tom, der DJ, das erste Mal abgestürzt auf einer Reise durchs Wochenende. „Ich habe MDMA gedippt, Speed gerotzt und Kokain gezogen“, sagt er, „da habe ich es richtig krachen lassen.“

Wieder alles richtig gemacht

Er konnte sich nicht mehr bewegen, nichts mehr sagen. Er lag nur noch da. Freunde brachten ihn nach Hause, benommen wachte er einen Tag später in seinem Bett auf. Auch Yannick musste von Freunden nach Hause getragen werden, als er wegen zu vieler Drogen in einem fremden Wohnzimmer kollabierte. „Das war krass, Alter“, sagt er.

Es sind Erinnerungsfetzen und Bruchstücke, die den WG-Bewohnern einfallen, wenn sie in ihrer Küche zusammensitzen. Sie lümmeln an einem weißlackierten Holztisch, darauf stehen ein Weckglas mit Zucker, ein überquellender Aschenbecher und Tassen mit Kaffeerändern. Auf dem Boden Frühstücksbrösel und Tabakkrümel, an der Wand hängt eine Kreidetafel: „Wieder alles richtig gemacht“, hat einer draufgeschrieben. Die vier erzählen sich das, was die anderen meist nicht mehr mitbekommen.

„Alter, was für Scheiße du laberst in der Bahn, immer so eine Druffi-Kacke“, sagt Julian zu Yannick. „Du bist doch beschissener im Kopf als ich.“ Keiner der vier sorgt sich um sich selbst. Wenn einer von ihnen versumpft im Drogenrausch, nicht mehr laufen, sprechen oder denken kann, ist die Einsicht der Übrigen spiegelverkehrt: Ich kenne meine Grenzen, sagen sie dann, aber du hast die Kontrolle verloren.

Giftige Parallelwelt

Tom, der DJ, spielt seinen Ostsee-Sound am Sonnabend bis 15 Uhr im Ritter Butzke. Dann fährt er nach Hause zu Marie, zurück dorthin, wo er vor 17 Stunden gestartet war. Yannick und Julian stolpern weiter. Dritter Stopp: Sisyphos, eine alte Hundekuchenfabrik in Rummelsburg. Party unter freiem Himmel. Noch einmal Musik und tanzen. Noch einmal Drogen.

Feiern, bis man nicht mehr stehen kann. Bis der Akku völlig leer ist.
Feiern, bis man nicht mehr stehen kann. Bis der Akku völlig leer ist.
Foto: dpa

Als die WG wieder zusammensitzt, ist es Sonntag und die Sonne scheint vom Nachmittagshimmel. Seit Freitag hat niemand mehr geschlafen. Tom hatte am Sonnabend einen zweiten Auftritt – Marie hat ihn begleitet. Yannick und Julian haben bis vor einer Stunde in einer giftigen Parallelwelt getanzt, getrunken und Drogen genommen. „Wie viele Teile hast du noch genommen?“, fragt Tom. „Zwei nur oder drei, die habe ich quasi zugeworfen bekommen“, sagt Julian.

Sie fläzen sich aufs Sofa, ausgemergelt, die Gesichter fahl und leblos. Auf der Spiegelfliese schiebt Yannick ein Gramm Speed in fünf Linien. Wochen-end-Routine. Eine davon zieht er weg. Die anderen setzen aus. Julian sagt später, in solchen Momenten mache er sich Sorgen um Yannick, seinen Mitbewohner. „Yannick ist sich der Konsequenzen nicht bewusst.“ Er feiere bis er nicht mehr stehen könne. Bis der Akku völlig leer sei.

Wund vom Pulver

Yannick ist ein athletischer Schlacks, dessen Gesicht mit Pusteln übersät ist, weil die Drogen seinen Körper angreifen. Wenn er grinst, spannt die Haut. Dann hat er eine zerknautschte Drogenfratze. Vor zwei Jahren ist er aus einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin gekommen. Er macht eine Ausbildung in einem Hotel, nebenbei jobbt er, so oft es geht, in einem Techno-Club als Barkeeper.

Er arbeitet viel, schläft selten mehr als fünf Stunden pro Nacht, und wenn er mal zu Hause ist, kocht er für seine Mitbewohner Rezepte seine Vaters, schneidet Lauch und Tomaten in kleine Würfel, häckselt Dill und vermischt alles mit einem Löffel Crème fraiche. Gesunde Ernährung sei wichtig, sagt Yannick. Drogen nehme er zum Ausgleich gegen den Stress.

In den letzten vier Monaten hatte Yannick zwei drogenfreie Wochenenden: vor einer wichtigen Abschlussprüfung und als am Monatsende einmal das Geld fehlte. Er sagt: „Man muss stark sein, um nicht abhängig von all dem zu werden.“ Es ist Sonntag, kurz vor Mitternacht. Marie, das Mädchen, das früher tanzte und Theater spielte, und sagt, ihre schlimmste Drogen-Phase habe sie überwunden, liegt zusammengerollt in einer Sofaecke im WG-Wohnzimmer.

Ihre Haare sind zerzaust, die Haut unter der Nase ist wund vom Pulver. „Alter, wieder alles richtig gemacht dieses Wochenende“, murmelt Julian halb schlafend. „Alter“, sagt Yannick, „ich habe keine Ahnung mehr, wo ich Freitag war.“ In acht Stunden beginnt ihr zweites Leben. Julian wird mit seinem Fahrrad 40 Minuten quer durch Berlin fahren, an seinen Schreibtisch im Grafik-Büro. Yannick wird in einer Hose mit Bügelfalte an einer Hotelrezeption stehen. Marie und Tom werden so lange schlafen, bis sie wach werden.

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