Seemann und Seemannsbraut am Binnengewässer. Foto: Max Lautenschläger
Seemann und Seemannsbraut am Binnengewässer. Foto: Max Lautenschläger
Er ist auf einem Handelsschiff unterwegs. Sie wartet in Berlin auf ihn – und manchmal fährt sie auch mit. Vor drei Jahren schrieb Nancy Krahlisch im Magazin über ihr Leben als Seemannsbraut. Nun ist daraus ein Buch geworden. Ein Auszug.
Im vergangenen Sommer bin ich neun Tage von Malta über Großbritannien nach Hamburg mitgereist. Die Zeit an Bord war noch aufregender als bei meiner ersten Reise. Was aber hauptsächlich daran lag, dass ich Angst hatte, zu spät zu einer Hochzeit zu kommen. Und zwar ausgerechnet zur Hochzeit meiner besten Freundin Meike. Ich war die Trauzeugin, zu spät zu kommen war also nicht drin. Fünf Tage habe ich in Malta auf Heribert und sein Schiff gewartet. Erst wurde das Schiff im Hafen von Damietta in Ägypten aufgehalten, dann mussten sie auch noch auf einen Liegeplatz in Malta selbst warten.
Ich saß also auf dieser Insel fest und wurde zunehmend nervöser. Jeden Tag rief mich der maltesische Agent an, um mir mitzuteilen, dass sich die Ankunft des Schiffs noch weiter verzögern würde. Nach zwei Tagen sagte er mir, dass ich in ein anderes Zimmer umziehen müsse, weil mein Hotelzimmer bereits reserviert sei. Am dritten Tag musste ich sogar in ein anderes Hotel, weil meines komplett ausgebucht war. Ich war also andauernd damit beschäftigt, meine Sachen ein- und dann wieder auszupacken. Der schlimmste Moment aber war der, als ich zufällig vom Dach meines zweiten Hotels Heriberts Schiff sehen konnte.
"Ich wollte auf keinen Fall zu spät zur Hochzeit kommen"
Ich lag auf einem Liegestuhl auf dem Hoteldach. Ich genoss die letzten Sonnenstrahlen des Tages und las ein Buch. Meine Tasche stand bereits gepackt im Zimmer. Ich war geduscht und bereit zur Abreise. Jeden Moment sollte der Agent mich abholen und zum Schiff bringen. Doch dann rief Heribert mich an und sagte, sie hätten keinen Liegeplatz und deshalb soeben den Anker geworfen. Nun müssten sie warten. Ich drehte mich um, blickte aufs Meer und fing an, im Kopf die noch verbleibenden Tage bis zur Hochzeit zu zählen. Plötzlich fiel mir ein Schiff auf. Ich fragte Heribert, ob es tatsächlich sein Schiff sei, das ich da sah. Fast hätten wir uns zuwinken können. Aber es war zu weit weg. Das war ein schrecklicher Moment. Ich konnte sein Schiff sehen, aber ich konnte nicht zu ihm.
Noch an diesem Abend auf der Dachterrasse hatte ich mich dazu entschlossen, Heribert nur kurz an Bord zu besuchen und dann von Malta wieder zurück nach Berlin zu fliegen. Ich wollte auf keinen Fall riskieren, zu spät zur Hochzeit zu kommen. Meike schrieb mir per SMS, dass sie vor lauter Nervosität schon eine Magenschleimhautentzündung habe. Dabei wusste sie noch gar nichts von meiner Verspätung. Und von der sollte sie auch nichts erfahren.
Als ich am fünften Tag meines unfreiwilligen Malta-Urlaubs endlich an Bord ankam, war Heribert enttäuscht, weil ich partout nicht bleiben wollte. Er rechnete mir vor, dass ich es noch immer pünktlich nach Hamburg schaffen könnte. Und sollte es doch zu knapp werden, könnte ich auch immer noch von Großbritannien zurückfliegen. Er versprach mir, alles Notwendige in die Wege zu leiten. Nach einigem Hin und Her ließ ich mich überreden und blieb. Als wir sieben Tage später in der britischen Hafenstadt Felixstowe ankamen, sah es tatsächlich so aus, als würden wir es auch rechtzeitig nach Hamburg schaffen. Also blieb ich auch diesmal.
Im schlimmsten Fall, so dachte ich, würde ich eben mit einem Taxi direkt vom Hamburger Hafen zum Standesamt fahren. Mein Kleid für die Trauung hatte ich bereits dabei. Sicherheitshalber. Nur zum Friseur würde ich es dann wahrscheinlich nicht mehr schaffen. Genau so kam es dann auch. Um 5 Uhr morgens legten wir im Hamburger Hafen an. Um 10 Uhr war die Trauung im Standesamt Hamburg-Nord. Heribert durfte mich nicht begleiten. Ich war enttäuscht. In gewisser Weise hatte ich bis zum Schluss gehofft, dass er doch mitkommen könnte. Aber als Erster Offizier war er für die Ladung verantwortlich. Ein Landgang während der Löscharbeiten war ausgeschlossen. Direkt nach dem Festmachen zog ich mein Kleid an. Ich versuchte, meine Haare mit viel Geduld und noch mehr Pflegeprodukten hochzeitstauglich zu frisieren. Dann ging ich von Bord.
Heribert hatte mir untersagt, in meinen hohen Schuhen die Gangway hinunterzulaufen. Also trug ich Turnschuhe zu meinem Kleid. Außerdem musste ich einen Helm und eine Sicherheitsweste tragen. Der Kapitän lachte, als er mich so sah. Ich verabschiedete mich von der Besatzung. Heribert brachte mich zum Hafenausgang, dann fuhr ich los. Im Taxi zog ich meine hochhackigen Schuhe an. Ich war die Erste am Standesamt. Ich konnte mein Glück kaum fassen.
"Das Schiff schien fast zu schweben"
Die eigentliche Überraschung passierte aber erst ein paar Stunden später. Die kleine Kirche, in der Meike und Laurent sich am Nachmittag das Jawort gaben, lag nur ein paar hundert Meter von der Elbe entfernt. Ich hatte gehofft, dass Heriberts Schiff nach dem Auslaufen noch zu sehen war. Dass er Meike und Laurent wenigstens noch einmal zuwinken konnte, wenn er schon nicht mit ihnen feiert. Doch als wir nach der Zeremonie von der Kirche in Richtung Restaurant aufbrachen, hatte Heriberts Schiff seinen Liegeplatz gerade erst verlassen. Ich stieg zu Meike und Laurent ins blumengeschmückte Hochzeitsauto. Ich hoffte noch immer, dass wir das Schiff sehen, mit dem Auto rechts ranfahren und Heribert zuwinken konnten.
Wir fuhren die Elbchaussee hinunter zum Fischmarkt. Die ganze Zeit behielt ich die Elbe im Auge. Manchmal entfernten wir uns auch ein Stück vom Wasser. Dann wurde ich nervös. Immer wieder rief ich Heribert an, um zu fragen, wo sein Schiff gerade war. Ich hoffte, dass wir es noch rechtzeitig zum Restaurant schafften. Auch vom Restaurant konnte man auf die Elbe sehen. Doch in dem Moment, als wir am Fischmarkt vorbeifuhren, tauchte plötzlich das Schiff auf. Ich werde diesen Moment nie vergessen. Dieses riesige Schiff, das noch viel größer war als die Häuser am Ufer, schob sich ganz langsam durch den Fluss. Das Schiff schien fast zu schweben.
Die gesamte Szenerie wirkte surreal. Laurent lenkte das Auto mit quietschenden Reifen auf den Bürgersteig und hielt an. Wir drei sprangen aus dem Auto und rannten über das Kopfsteinpflaster zum Ufer. Meike hatte in ihrem wunderschönen bodenlangen Brautkleid Mühe, uns zu folgen. Fast wäre sie gestolpert. Ich hatte Heribert am Telefon. "Kannst du uns sehen?", rief ich aufgeregt und winkte in Richtung Brücke.
"Ja, ich sehe euch. Und vor allem sehe ich die schöne Braut", antwortete er. Wir drei standen am Ufer und winkten diesem 250 Meter langen Schiff. Heribert winkte zurück. Wir konnten ihn kaum erkennen. Er war nur ein kleiner Punkt ganz oben auf der Nock. Doch dann passierte etwas, das uns allen eine Gänsehaut bescherte. Heribert bediente das Schiffshorn. Dreimal erklang dieses tiefe, beeindruckende Schiffstyphon. "Alles Gute zur Hochzeit", rief er ins Telefon.
Ich hatte den Lautsprecher angemacht, und wir drei hatten die Köpfe zusammengesteckt. Meike und Laurent umarmten sich, winkten dem Schiff und fingen an zu weinen. Auch ich musste weinen. Um uns herum waren Passanten stehen geblieben. Sie sahen uns verwundert an, aber auch sie winkten dem Schiff. Erst dann bemerkte ich, dass auf der Nock nicht nur Heribert stand und winkte, sondern auch der Kapitän und die Lotsen. Einer der Lotsen hielt eine weiße Fahne in der Hand.
Die Lotsen hatten Heribert erlaubt, das Schiffstyphon zu bedienen. Eigentlich ist das nicht gestattet. Auch etwas unterhalb, an Deck, winkten uns ein paar der Besatzungsmitglieder zu. Ich konnte nicht erkennen, wer es war, aber viele der Crewmitglieder hatten in den vergangenen Tagen von meiner Sorge erfahren, nicht rechtzeitig zur Hochzeit meiner besten Freundin in Hamburg zu sein. Nun sahen sie, dass alles gutgegangen war.
Ganz langsam entfernte sich das Schiff. Meike und Laurent umarmten mich. (...) Nachdem wir drei uns wieder beruhigt hatten, gingen wir zurück zur Straße. Die anderen Hochzeitsgäste hatten in einem langen Autokorso hinter dem Hochzeitsauto gehalten. Verwundert sahen sie uns an, dann fuhren wir weiter zum Restaurant. Wir feierten an diesem Abend ein wunderschönes Hochzeitsfest. Und obwohl Heribert bei dieser Feier nicht dabei war, spielte er doch eine große Rolle. Alle redeten von ihm. "Das vorhin war tatsächlich dein Freund?", fragten mich viele der Gäste. "Ja", antwortete ich strahlend und war unendlich stolz auf meinen Seemann.
„Seemannsbraut“ ist im Knaur-Verlag erschienen und kostet 16,99 Euro. Am 28.2. um 18.30 Uhr liest die Autorin daraus im Großen Saal des Berliner Verlags.
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