04.02.2012

Design: Die Kunst, aus der der Stoff ist

Von Anita Wünschmann
Flächig florales Design mit Digitaldruck auf reinem Leinen. Lilian von Sahco.
Flächig florales Design mit Digitaldruck auf reinem Leinen. "Lilian" von Sahco.
Foto: www.sahco.com

Das Textildesign besinnt sich derzeit gern auf die Tradition. So werden Hochtechnologie und Kulturgeschichte miteinander versponnen.

Am Anfang war das Schaf, schwarz oder weiß. Am Ende ist es ein weicher grauer Wollstoff, der, nahtlos über ein Holzgerüst samt Metallbeinen gezogen, den Sessel "Jumper" des dänischen Designers Bertjan Pot ergibt. Oder: Zuerst gab es die Seidenraupe und schließlich das von Nipa Doshi und Jonathan Levien kreierte Daybed "Princess", das Patchwork mit fantastischen Mustern aufleben lässt. Bei beiden Objekten geht es um emotionale Qualitäten, die aus der Rezeption von Tradition und deren Transformation in einen Interior-Trend erwachsen. Egal, ob Omas Kaffeetassen-Häkeluntersetzer nun Teppichgröße erreicht und Landhäuser wie Lofts ziert oder ob die Selbermach-Optik von Grobstrickschals auf industriell gefertigte Wolldecken im XXL-Format übertragen wird.

Die Trendforscherin Li Edelkoort hatte bereits im Frühjahr anlässlich der Möbelmesse in Mailand zu einem Textilsalon geladen und zeitgenössische Positionen vorgestellt. Das Wort vom "Textil-Tsunami", das sich zuvor auf Exporte mäßiger Qualität bezog, erfuhr dort eine positive Umdeutung: Textil-Tsunami bezeichnet die umfassende Präsenz textiler Produkte in der gesamten Lebensumwelt.

Diese Wertschätzung mag uns gegenwärtig erscheinen, in Wahrheit aber kann man sehr weit zurückblicken und an die frühesten Webereien erinnern. Das, was zum Fundus der Menschheitsgeschichte gehört, ist heute ein vielversprechender Wachstumsfaktor: Schließlich wollen Milliarden von Menschen sich kleiden, sie wollen wohnen und benötigen noch so allerlei, was textiler Herstellung bedarf. Das Alt-Neue wird mit veränderten Lebensstilen und deren Globalisierung kurzgeschlossen.

Textilien berühren uns mit dem Stilempfinden lange zurückliegender Epochen und bezeugen mit Strukturen, Mustern und Farben die Fantasiebegabung des Handwerks. Aus Webwaren, Wollstoffen und Gewirktem sprechen Sitten und Gebräuche; die Kulturgeschichte des textilen Materials gibt Auskunft über technologische Fähigkeiten und Innovationen, Bedürfnisse und Rollenmuster. Um diese Ressourcen auszuschöpfen, gilt es heute, in historische Tiefen einzutauchen – um wie ein Ethnologe Besonderheiten aufzuspüren, um auf Entdeckungsreisen zur Schönheit zu gehen.

Kreativität aus der Truhe

Man kann es auch ganz privat überprüfen: Jeder, der auf Märkten herumgestöbert hat, der im verblichenen und matt glänzenden Besitz der Großmutter herumwühlen und das Geheimnis eines alten Wäscheschrankes lüften durfte, wird die Begeisterung verstehen, die mit Entdeckungen all der Formen- und Materialvielfalt verbunden ist. Und mit der Überraschung am Nicht-Alltäglichen, Exotischen oder berückend Einfachen. Die Kreativität aus der Truhe.

In der Mythologie braucht man auch nicht lange zu suchen, um sich der Leistungsfähigkeit des Textilen zu versichern: Der Ariadnefaden, der von der schönen Kreterin, Tochter von König Minos, abgespult wurde, um Theseus nach dem Kampf gegen den Minotaurus den Weg retour durchs Labyrinth zu weisen, ist nur ein Zeugnis sinnstiftender Verbindungen von Handwerkskunst und weiblicher Pragmatik, von Liebe und Erkenntnis. Der Faden als Anfang und Ende.

Japanische Schlichtheit mit gestickten Kreisen, entworfen von Akira Minagawa auf Stoffen von Nanna Ditzel für Kvadrat.
Japanische Schlichtheit mit gestickten Kreisen, entworfen von Akira Minagawa auf Stoffen von Nanna Ditzel für Kvadrat.
Foto: www.kvadrat.dk

Diesem roten Faden könnte man nun folgen und sich der Betrachtung von Stoffen hingeben. Eher einem Anfühlen, Zwischen- den-Händen-Knittern und Gleiten-Lassen. Da zupfen, dort glatt streichen. Es ließe sich dieser oder jener Spur durch die Geschichte vom Derben und Feinen, von Damast für Wandbespannungen, Gobelinwaren über den Chintz fürs klassische Wohnen bis zur Übernahme von englischem Tweed fürs Sofa nachspüren. Oder zur Entdeckung der Kunstfaser hinübergleiten: Nylon als Freiheitsgewinn gegenüber dem Wechsel von Baumwoll-Erntefolgen und dem bald schon darauffolgenden Zurück-zur-Natur als Antwort auf die erste Ölkrise.

Oder man betrachtet Manufaktur- und Industriestandorte in ihrem Auf und Ab, nicht wenige sind heute Museumsstandorte: Seidenfabrikation in Krefeld, irisches Leinen, Wolltuch aus England und Tuchmacher aus Italien – und weiter in die Welt hinaus, könnte man dem Faden der Textilherstellung folgen und an den Containerladungen, die in Schanghai verschifft werden, haltmachen. Man könnte von Leinen und Seide träumen, ihre Kühle und Weichheit fühlen und würde gleichzeitig vielleicht Gerhard Hauptmanns Webergedicht im Ohr haben, wo es wiederum keinen Zweifel daran gibt, dass die an der unmittelbaren Herstellung des Schönen Beteiligten selten zu den Wohlhabenden und nur sehr bedingt zu den Genießern ihrer hochfeinen Produkte zählen.

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