22.10.2011

Die Familienforscherin: Bin ich Mutter von Beruf?

Von  Petra Ahne
Berlin –  

Ein Gespräch über den Spagat zwischen Arbeit und Familie, eine Jugend zwischen West- und Ost-Berlin und ihre kommunistische Großmutter.

Die Dependance des Fischer-Verlags in Berlin-Mitte, Julia Franck bleibt vor einem Regal stehen, in dem die Verlags-Mitarbeiter mehrere Exemplare ihres Romans ausgelegt haben. Es ist Montag, am Freitag wird er erscheinen. Ich hab das fertige Buch noch gar nicht gesehen, sagt Julia Franck. Ihre Stimme klingt weich, vielleicht rechnet man deswegen nicht mit der Klarheit, mit der sie Fragen beantwortet. Sie flicht komplexe Sätze ineinander, nie stockt sie oder sucht nach Worten. Eine Erzählerin, auch wenn sie spricht.

Ihr Roman „Rücken an Rücken“ ist schon gedruckt, aber noch nicht in den Buchhandlungen. Ist das ein schöner Moment? Oder sind Sie nervös?

Biografie

Julia Franck kam 1970 in Berlin-Lichtenberg zur Welt. Bis sie sieben Jahre alt war, wohnte sie mit ihrer eineiigen Zwillingsschwester, drei weiteren Schwestern und ihrer Mutter in Berlin. Der Vater lebte getrennt von der Familie. 1978 wurde der Ausreiseantrag ihrer Mutter genehmigt.

Neun Monate lebte Julia Franck mit ihrer Familie im Notaufnahmelager Marienfelde, über diese Erfahrung hat sie den Roman „Lagerfeuer“ (2003) geschrieben.

Die Familie zog nach Schleswig-Holstein, ab 1983 lebte Julia Franck bei Freunden ihrer Mutter in West-Berlin. Sie studierte an der Freien Universität, verdiente Geld als Kellnerin, Hilfsschwester und freie Journalistin und gewann 1995 den Literaturwettbewerb Open Mike. 1997 erschien ihr erster Roman „Der neue Koch“.

Mit dem Erscheinen von „Liebediener“ (1999), und den Kurzgeschichten in „Bauchlandung“ (2000) galt sie endgültig als Vertreterin einer neuen, in Berlin lebenden und das Lebensgefühl jüngerer Menschen festhaltenden Schriftstellergeneration.

Ihr nächster Roman, „Lagerfeuer“, spielte allerdings in den 70er-Jahren, ihr übernächster in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Für „Die Mittagsfrau“, die Geschichte einer Frau, die ihren siebenjährigen Sohn 1945 auf einem Bahnsteig zurücklässt, bekam Julia Franck den Deutschen Buchpreis.

Diese Stille ist ein ganz schöner Moment. Ich weiß, dass das Buch Aufmerksamkeit bekommen wird und ich weiß, dass es, wie bei jedem meiner Bücher, keine ausschließlich gute Aufmerksamkeit sein wird. Im besten Fall wird über das Buch gestritten, und ein bisschen fürchte ich mich vor dieser Berührung mit der Öffentlichkeit. Die Arbeit am Schreibtisch ist auch aufreibend, im Zweifel viel aufreibender, aber auf eine andere Weise.

Für Ihren letzten Roman haben Sie vor vier Jahren den Deutschen Buchpreis bekommen. Seitdem sind Sie noch bekannter, „Die Mittagsfrau“ war lange in den Bestsellerlisten – hat der Erfolg das Schreiben schwerer gemacht?

Die Arbeit selbst hat der Preis nicht beeinflusst. Wie andere vielleicht das Meditieren nutzen, um sich auf etwas zu konzentrieren, nutze ich das Schreiben, ich lebe dann ganz in den Menschen, über die ich schreibe. Der Preis ist für mich vor allem von Vorteil, weil ich jetzt nicht mehr das Gefühl habe, alles machen zu müssen, drei Monate lang auf Lesereise zu gehen. Ich nutze den Erfolg als Privileg, indem ich sage, ich kann auch in den nächsten Monaten zu Hause arbeiten und habe auch Zeit für meine Kinder.

Die aufgeregtesten Tage des Bücherjahres haben Sie sich schon erspart: Ihr Roman erscheint ganz knapp nach der Buchmesse. Das ist ungewöhnlich.

Ja, wir haben länger darüber gesprochen, der Verlag und ich, und uns dafür entschieden, nicht mitten in diesen mittlerweile doch sehr aggressiven Wochen rund um den Buchpreis zu erscheinen, der ja vor der Eröffnung der Buchmesse vergeben wird. Ich hab den Preis ja nun schon bekommen, und fand es am elegantesten so.

Zurzeit erscheinen auffällig viele Familiengeschichten aus der DDR – auch „Rücken an Rücken“ spielt in Ost-Berlin zur Zeit des Mauerbaus.

Auch ich wundere mich über solche Zeitphänomene: Wie kommt es, dass zu einer Saison plötzlich von so unterschiedlichen Autoren und in sehr unterschiedlicher Art in einen zeitlichen, politischen, gesellschaftlichen Raum hineingeschrieben wird? In meinem Fall, und das gilt sicher auch für andere, hängt es mit der größeren Freiheit zusammen, die man hat, wenn diejenigen, in deren Generation man hineinschreibt, nicht mehr leben und somit einen Roman nicht als eine Abrechnung mit ihrer Person missverstehen. Das ist es natürlich nicht.

Wenn man ein bisschen über Sie weiß, vermutet man, dass Ihre Großmutter, die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, für die Käthe im Roman Modell gestanden hat. Käthe ist auch Bildhauerin, lebt auch in Rahnsdorf. Außerdem ist sie überzeugte Kommunistin, sie brennt für diesen neuen Staat DDR, während sie ihren Kindern mit verstörender Kälte begegnet.

Der Roman ist kein Porträt meiner Großmutter, aber in Bezug auf die Prioritäten, die sie in ihrem Leben setzte, war sie ein ähnlicher Mensch. Diese Prioritäten waren ganz eindeutig Kunst und Gesellschaft, der Staat, den sie als Alternative zum Faschismus verstand, das war für sie wichtiger als irgendein einzelnes Kind. Für mich war es schon lange klar, dass es einen Roman geben wird, in dem ich selbst Fragen danach stelle, wie es zu einer solchen Vereinnahmung des Einzelnen durch eine Gesellschaft kommen konnte.

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