22.10.2011

Die Familienforscherin: Bin ich Mutter von Beruf?

Von  Petra Ahne

Im Roman bringt sich Käthes 18-jähriger Sohn Thomas um. Am Ende des Buches erfahren die Leser, dass die abgedruckten Gedichte dieses Thomas von einem Gottlieb Friedrich Franck stammen, geboren 1944, gestorben 1962. Wer war das?Mein Onkel, der Sohn meiner Großmutter.

Hat er sich umgebracht?

Ja, er hat sich das Leben genommen.

Es sind hoffnungslose Gedichte, die Todessehnsucht taucht immer wieder auf.

Das war für mich der emotional berührendste Anlass, diesen Roman zu schreiben: dass die DDR in ihrer Verschlossenheit und ihrer Autorität für mindestens einen in meiner Familie schon sehr früh erkennbar war. Mit dem Bau der Mauer. Ab diesem Augenblick, das erkennt der Thomas in dem Roman, und das erkannte auch mein Onkel, würde ein Leben in dieser Gesellschaft aus einer Vielzahl von Kompromissen bestehen, die er mit dem Anspruch einer aufrechten Haltung, einer Suche nach Freiheit, Liebe, eigener Entfaltung nicht würde vereinbaren können. Diese Erkenntnis ist Thomas im Roman zugänglich aufgrund des extrem ideologischen Engagements seiner Mutter, das sehenden Auges die eigenen Kinder, die Individualität des Einzelnen dieser Idee opfert. Die Spaltung, die durch die Mauer in meiner Familie stattgefunden hat, die hat nicht erst in meiner Lebenszeit begonnen, nicht erst, als meine Tante geflohen und meine Mutter mit uns ausgereist ist, sondern lange davor. Das hat mich interessiert.

Wussten Sie immer schon, dass Ihr Onkel sich umgebracht hat?

Das wusste ich immer, weil dieser Onkel im Grunde der einzige Mann in meiner Familie war. Auch wenn er acht Jahre vor meiner Geburt starb. Mein Vater, die väterliche Familie, war in meiner Kindheit ja nicht präsent. Dieser Onkel war wie ein Bruder, weil, wenn meine Mutter von ihm erzählte, sich in der Erinnerung an ihn auch immer die geschwisterliche Abhängigkeit spiegelte. Er war eine väterliche Figur, weil er im Alter der Mutter gewesen wäre. Er war der Mann schlechthin, aber er war auch der tote Mann.

Hat Ihre Mutter mit Ihnen über ihn gesprochen?

Unheimlich viel. Auch wir Schwestern untereinander haben das getan. Es gab eine fast physische Präsenz dieses Onkels, in dem Sinne, dass meine Zwillingsschwester und ich uns manchmal vorstellten, eine Art Wiedergeburt von ihm zu sein. Das lag sicher auch an der Aufmerksamkeit und Liebe, die diesem toten Onkel von allen Seiten zuteil wurde. Als kleine Kinder waren wir viel in Wochenheimen, Krippen, Pflegefamilien untergebracht. Die Frauen in meiner Familie haben immer gearbeitet, meine Mutter war Schauspielerin. Die Nachrangigkeit des kindlichen Daseins in unserer Familie haben wir sozusagen mit der Idee der Wiedergeburt kompensiert, wir haben uns die Liebe und Aufmerksamkeit, die unserem Onkel zuteil wurde, einverleibt.

In der „Mittagsfrau“ haben Sie sich auf eine Art Spurensuche Ihrer Großmutter väterlicherseits begeben, jetzt ist die andere Großmutter, der andere Familienzweig dran. War das schwieriger, weil es Übereinstimmungen mit Menschen gibt, die noch leben? Ihre Mutter könnte sich in Ella wiederfinden, der haltlosen Schwester von Thomas.

Ich glaube, dass sich meine Familie inzwischen an meine Literatur gewöhnt hat und sie nicht mehr fürchtet als ein sensationelles Ausschöpfen, Vorführen einzelner Familienmitglieder. Natürlich werden sich meine Mutter und meine Schwestern in Ella wiederfinden, aber bestimmt auch in Thomas und ein Stück weit sogar vielleicht in Käthe. Ich muss gestehen, dass es mir selbst nicht nur schwer gefallen ist, mich in Käthe hineinzuversetzen, auch, wenn ich sie als insbesondere den Kindern gegenüber schroffe Person zeichne. Ich denke, jede Frau, die mehr als nur das eigene Kind im Zentrum ihres Daseins sieht, die versucht, außerdem zu arbeiten, und vielleicht sogar ein Engagement in der Gesellschaft zu finden, könnte sich in Teilen in ihr wiedererkennen. Es ist natürlich die Frage, wie weit geht dieses Engagement, und im Falle von Käthe – und hier ist Käthe meiner Großmutter wohl sehr ähnlich – war dieses Engagement so leidenschaftlich wichtig, auch die Kunst wurde dem angepasst, es war ein fast fanatisches und, wie mir schon als Kind erschien, fast verblendetes Engagement für eine kommunistische Gesellschaft.

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