18.02.2012

Die Frage nach dem Stil: Ist das letzte Foto immer das beste?

Von Rudolf Novotny
Nicht das allerletzte, aber ganz sicher das vorvorletzte Foto. Sängerin Whitney Houston bei einem Auftritt im Februar 2011.
Nicht das allerletzte, aber ganz sicher das vorvorletzte Foto. Sängerin Whitney Houston bei einem Auftritt im Februar 2011.
Foto: imago/UPI Photo

Letzte Fotos von Prominenten. Sie werden immer die ersten sein. Die ersten, die gesucht, die ersten, die kommentiert werden. Und wenn man eine Frau ist und Glück hat und das Foto gut ist, dann steht darunter: „Die letzte Diva“. Whitney Houston hatte Glück.

Ein gutes letztes Foto und alles ist vergessen. Die Drogen und das Saufen und die hässlichen Fotos vorher. Menschen vergessen gerne, vor allem, wenn sie ein ungutes Gefühl der Identifikation verspüren. Mit hässlichen letzten Fotos kann sich jeder ungut identifizieren. Oder, wie meine Großmutter zu sagen pflegte: „Nie eine löchrige Unterhose anziehen. Wenn du überfahren wirst, sieht es das ganze Krankenhaus.“

Eine schöne Erklärung. Angstbesetzt zwar, doch empathisch. Leider untrennbar gekoppelt an meine Großmutter. Also an eine Welt, in der sich über verunfallte Durchschnittsunterhosenträger ein paar Ärzte beugten. In der aber normalerweise nur eine Handvoll mehr Ärzte einen verunfallten prominenten Unterhosenträger begutachteten. Und nicht jeder Besitzer eines WLAN-Anschlusses.

Stars von damals waren keine Menschen.

Marilyn Monroe in zerrissenen Unterhosen? Ernsthaft? Nein. Stars von damals waren keine Menschen. Stars trugen nie zerrissene Unterhosen. Das machte ihren Zauber aus. Deshalb waren sie Stars.

Heute ist es andersrum. Die Unterhosenlöcher einer sterbenden Popsängerin haben eine ungemein größere Chance, abfotografiert zu werden als jene des sterbenden Durchschnittsunterhosenträgers. Wenn die Popsängerin nicht schon lange vorher ohne Unterhose fotografiert wurde.

Unterhosenlöcher sind demokratisch geworden. Genau wie Musik und Literatur. Und letzte Fotos. Menschen schauen nicht mehr auf zu Stars. Sie bilden sich eine Meinung über A-, B- und C-Promis. Das ist schön, weil Menschen nicht aufschauen sollten. Und hässlich, weil sie jetzt häufig herabschauen.

Außer in manchen Momenten. In denen alle diesen Zauber spüren. Des echten Stars. Der letzten Diva. Gutes Foto.

Anzeige
Ratgeber

Malte Welding beantwortet jede Woche eine Beziehungsfrage. Ein ausgebildeter Experte ist er nicht, aber mit der Liebe ist es wie mit Fußball: Da können auch nur die richtig tippen, die keine Ahnung haben. mehr...

Neueste Bildergalerien
Anzeige
Anzeige
Kolumne
Regine Sylvester

Die Krähe  im Berufsverkehr, Spätsommertomaten auf dem Balkon, ein altes Liebespaar beim Arzt – unsere Autoren Regine Sylvester, Harald Jähner und Detlef Kuhlbrodt entdecken die Stadt und ihre komischen Bewohner.  mehr...

Kolumne

Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch schreiben über ihr Leben als Mann. Zum Beispiel darüber, warum Erwachsenwerden völlig sinnlos ist. Wie man Frauen mit selbst angebauten Kartoffeln verführt. Und warum das alles irgendwie zusammenhängt. Lesen Sie, staunen Sie, schreiben Sie uns. mehr...

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Berliner Clubs
Anzeige