"Die Unsichtbare" ist der neue Film des Mutter-Sohn-Gespanns Heide und Christian Schwochow. Foto: David Oliveira
"Die Unsichtbare" ist der neue Film des Mutter-Sohn-Gespanns Heide und Christian Schwochow. Foto: David Oliveira
Berlin –
Heide Schwochow und Christian Schwochow sind Mutter und Sohn. Und sie schreiben zusammen die Drehbücher für seine Filme. Ein Gespräch über eine ungewöhnliche Arbeitsbeziehung.
Christian Schwochow und seine Mutter Heide sitzen in der Lobby eines kleinen Hotels in Berlin-Mitte, das es noch nicht lange gibt. Eine Familie checkt ein, und ein Mann mit engen Hosen und Hut. Heide und Christian Schwochow tragen dunkle Kleidung, sie sind still und ernst. In wenigen Stunden hat "Die Unsichtbare" Premiere. Ihr neuer Film. Sie haben zusammen das Drehbuch geschrieben, wie schon für "Novemberkind", Christian Schwochows Diplomfilm, der von den Kritikern gefeiert und mit Preisen überhäuft wurde. "Die Unsichtbare" spielt nicht weit von hier, an der Berliner Volksbühne. Es geht um eine Schauspielstudentin, die eine Hauptrolle in einem Theaterstück spielt und daran beinahe zerbricht.
Sie sind in diesen Tagen, bevor Ihr Film anläuft, viel gemeinsam unterwegs, als Kollegen gewissermaßen. Welche Rolle spielt es dabei, dass Sie Mutter und Sohn sind?
Heide Schwochow wurde 1953 geboren und wuchs auf Rügen auf. Sie studierte Pädagogik in Leipzig, Schauspielregie in Berlin und arbeitete anschließend als Theaterregisseurin und Rundfunkautorin.
Mit 37 Jahren begann sie ein Journalistikstudium in Hannover, das sie mit Diplom abschloss.
Als freiberufliche Autorin für Hörfunk, Fernsehen, Kino und Print arbeitet Heide Schwochow heute. Außerdem hat sie Lehraufträge an mehreren Universitäten.
Sie ist verheiratet und lebt in Berlin.
Heides Sohn Christian wurde 1978 in Bergen auf Rügen geboren und zog mit elf Jahren mit seiner Familie nach Hannover, wo er Abitur machte.
Anschließend zog Schwochow zurück nach Berlin. Dort arbeitete er als Comedyautor und machte ein Volontariat bei einer Fernsehproduktionsfirma. Von 2002 bis 2008 studierte er Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg.
"Novemberkind" war sein Debüt als Spielfilmregisseur. Sein neuer Film "Die Unsichtbare" läuft ab 9. Februar in den Kinos.
Mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter lebt Christian Schwochow in Berlin.
Heide Schwochow: Vorhin, als Christian draußen eine rauchte, wollte ich auch rauchen, und Christian sagte: Du sollst doch nicht rauchen. Und ich sagte: Du rauchst doch auch, obwohl du erkältet bist. Und er sagte: Ich bin aber nervös. Da habe ich gedacht, ich bin auch nervös, aber ich habe es nicht gesagt, weil ich Christian in so einem Moment die größere Nervosität zugestehe. Da bin ich eben Mutter.
Christian Schwochow: Wir wissen eigentlich, dass wir beide nicht rauchen sollten. Aber an so einem Tag wie heute gelten andere Gesetze.
Es gibt nur sehr wenige Eltern-Kind-Paare in Ihrer Branche und schon gar kein Drehbuch-Regie-Gespann.
Heide Schwochow: Mir fällt auch niemand sonst ein.
Christian Schwochow: Mir wurde jetzt mal was erzählt von so einer Konstellation in Spanien. Vielleicht ist das so selten, weil die kreativen Berufe Ego-Berufe sind und es schwer ist, überhaupt einen Partner zu finden. Im Handwerk arbeiten Familienmitglieder ja oft zusammen. Bei dem Bäcker Krautzig im Prenzlauer Berg bei mir nebenan, dessen Geschäft es seit hundert Jahren gibt, ist es beispielsweise so. Mutter und Sohn, und der Vater arbeitet auch mit. Im Kneipengewerbe gibt es das auch oft.
Wie fing Ihre Zusammenarbeit an?
Heide Schwochow: Es ist in unserer Familie ganz normal, zusammen zu arbeiten. Mein Mann und ich machen viele Featureproduktionen zusammen. Christian hat, als er 15 war, in meiner Theatergruppe in Hannover mitgespielt. Und wir haben schon immer zusammen Filme gesehen und darüber geredet, auch über Bücher, Theater, Politik. Das gehörte einfach dazu. Christian hat mal gesagt, bei uns wurde immer alles analysiert. Und als er an der Filmhochschule in Baden-Württemberg zu studieren anfing, war ich total neugierig. Ich wollte wissen, wie das geht. Ich bin ein Mensch, der nach ein paar Jahren was Neues machen muss, weil ich mich sonst langweile. Und ich habe ihn ständig gefragt, was er da lernt. Ich wollte mitstudieren und habe all die Sachen gelesen und gesehen, die Christian geschrieben und gefilmt hat. Und den Drittjahresfilm haben wir dann eben zusammen geschrieben.
Christian Schwochow: Ich hatte auf der Berlinale einen finnischen Kinderfilm gesehen, der in Birkenwäldern spielte, mit einem kleinen Mädchen in der Hauptrolle. Sowas wollte ich auch machen.
Heide Schwochow: Christian hat mir den Film gegeben und ich war genauso begeistert wie er, und da haben wir angefangen, uns einen Kinderfilm auszudenken. Was wäre, wenn wir ein Mädchen haben, der das und das passiert. Lass uns das mal aufschreiben.
Christian Schwochow: Dafür haben wir uns dann richtig verabredet.
Gab es Leute im Studium, die gesagt haben: Was, du arbeitest mit deiner Mutter zusammen?
Christian Schwochow: Ja, sowas hört man ständig. Viele können sich das gar nicht vorstellen. Aber das hat mich nicht so interessiert.
Heide Schwochow: Ich bekomme meistens positive Reaktionen. Selten hat jemand gesagt: Das geht doch gar nicht. Ich glaube, dass das auch nur funktioniert, weil Christian so eine eigenständige Persönlichkeit ist. Dass er ein Muttersöhnchen sein könnte, darauf kommt bei ihm einfach niemand. Wir hängen auch nicht so viel zusammen als Familie, treffen uns nicht jede Woche, jeder hat seine eigene Welt.
Können Sie sich gut streiten?
Heide Schwochow: Ja, anders würde es gar nicht gehen. Es wird ausgesprochen, dann knallt es, und dann ist wieder gut und keiner ist beleidigt.
Wie schreiben Sie zusammen? Sitzen Sie nebeneinander, oder fängt einer an, und der andere macht weiter?
Heide Schwochow: Also am Schreibtisch sitze ich, an der Tastatur. Aber wir sind zusammen in einem Zimmer. Manchmal schreiben wir auch mit dem Stift schon Szenen und Dialoge auf.
Von wem stammt beispielsweise der Satz aus Ihrem neuen Film: "Sex ist für mich wie Kuchenessen, ich esse und esse und kannnichtgenug kriegen"?
Heide Schwochow: Das war ich. Ich habe aber nicht gesagt "Kuchenessen", sondern: "Sex ist für mich wie Buttercremetorte essen", was Christian dann nicht mochte. Das mit der Buttercreme war ihm zu viel.
Gibt es etwas, was der eine besser kann als der andere?
Heide Schwochow: Das kannst du sagen, Christian. Jetzt weiß ich auch, was kommt, aber es ist richtig.
Christian Schwochow: Am Anfang ist Heide mehr der Vulkan, der Ideen in alle Richtungen auswirft. Und ich bin eher derjenige, der die Fragen dazu stellt und versucht zu kanalisieren. Ich bin dann so ein bisschen die Zensurbehörde. Ich sehe sofort, wenn etwas nicht aufgeht. Heide denkt stark im Detail und kann eine Idee ganz frei und ohne konventionelles Denken wachsen lassen, und ich gucke eher von außen darauf und versuche, das Ganze in eine Form zu bringen.
Manchmal wäre es schön, einfach nur mal wieder Mutter und Sohn zu sein
Sie sagen Heide zu Ihrer Mutter?
Christian Schwochow: Ich sage Heide und Mutter. Schon immer.
Beim Arbeiten eher Heide und privat eher Mutter?
Christian Schwochow: Nein, das mischt sich.
Wollten Sie das so, Frau Schwochow? Als Eltern kann man ja ganz gut steuern, wie man von seinem Kind genannt wird.
Heide Schwochow: Wenn ich Christian eine Mail schreibe, schreibe ich Heide. Das liegt auch daran, dass mein Mann Berliner ist, und bei dem zu Hause hieß es immer Mutter und Vater. Für mich klingt das hart. Bei uns zu Hause war es Mutti, dieses DDR-Mutti, das mag ich nicht so. Und Mama würde bei uns nicht passen. Hat noch nie gepasst.
Christian Schwochow: Stimmt, unser Produzent sagt, wenn er anruft: Kommt denn deine Mami auch?
Heide Schwochow: Oh, das ist wie Mutti.
Christian Schwochow: Da schüttelt es mich.
Sie, Frau Schwochow, sind dann in der Zusammenarbeit also eher das verspielte Kind mit vielen Ideen?
Christian Schwochow: Ja, das ist so.
Heide Schwochow: Und zum Anfang war es für mich noch einfacher, da war er noch nicht so schlau wie jetzt. Jetzt kommen von ihm oft ganz schnell Gegenargumente, mit denen er recht hat, aber ich wehre mich immer noch ein bisschen dagegen, weil ich meine Idee weiter ausspinnen will. Insgesamt ist es ein Luxus, dass wir so arbeiten können. Dass wir uns so verstehen.
Christian Schwochow: Ich glaube, dass wir so gut zusammenarbeiten, weil wir uns so gut kennen.
Heide Schwochow: Es gibt Zeiten, da ist unsere Arbeitsbeziehung stärker als die Mutter-Sohn-Beziehung. Manchmal denke ich, es wäre schön, einfach nur mal wieder Mutter und Sohn zu sein.
Christian Schwochow: Das stimmt. Wenn wir uns in der Familie treffen, mit meinem Vater und meiner Frau, müssen wir uns manchmal ein bisschen zusammenreißen, dass wir nicht permanent über das aktuelle Drehbuch reden.
Damit die anderen in der Familie sich nicht ausgeschlossen fühlen?
Christian Schwochow: Sie sind ja immer mit dabei und wissen, worum es geht. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass man mal das Thema wechseln muss. Die Arbeit an einem Drehbuch ist so intensiv. Es ist schwer, damit einen professionellen Umgang zu finden und zu sagen, das ist jetzt Bürozeit und das nicht. Bei diesem Film war es besonders schlimm. Das Drehbuch hat erstmal ganz viel Ablehnung bekommen. Weil es ums Theater geht, um Schauspieler. Viele haben gesagt, das ist ja so ein schwieriger Stoff, so abgehoben. Es gab eine Phase, im Sommer 2009, da habe ich in New York einen Schauspielkurs am Lee Strasberg Institut gemacht und kam mit einem großen Koffer voller Ideen zurück. Das halbe Jahr danach ging es aber überhaupt nicht weiter, und diese Zeit war schlimm. Da haben wir beide kaum gegessen und geschlafen. Irgendwann glaubt man einfach nicht mehr daran, dass es noch was wird.
Wer war in dieser Situation der Besonnenere?
Heide Schwochow: Christian. Der gibt nicht auf. Ich weiß noch, dass ich irgendwann mal nicht mehr konnte. Und für ihn kam es gar nicht infrage, hinzuschmeißen.
Christian Schwochow: Es war auch finanziell nicht so leicht, weil man ja nicht doppelt verdient, wenn man zu zweit ein Drehbuch schreibt. Dann kam der völlig überraschende Erfolg von "Novemberkind" dazwischen, und danach war der Druck viel größer. Es gab Fassungen, an denen wir nichts mehr gut fanden. Gar nichts mehr. Das wird dann auch gefährlich, weil wir beide unter Schlaflosigkeit leiden.
Heide Schwochow: Urlaub konnte man auch vergessen.
Wenn Sie nachts nicht schlafen können, rufen Sie sich dann an?
Christian Schwochow: Nee, nachts nicht.
Heide Schwochow: Wir erzählen es uns auch nicht, aber wir sehen es an den Augenrändern.
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