Oishi Seizaemon Nobukiyo (links), einer der 47 Ronin, im Kampf mit Sudo Senemon, einem der besten Kämpfer Kiras. Oishi tötete Sudo. Ein Bild von Kuniyoshi Utagawa (1797-1861) aus dem Jahre 1848. Foto: AKG
Oishi Seizaemon Nobukiyo (links), einer der 47 Ronin, im Kampf mit Sudo Senemon, einem der besten Kämpfer Kiras. Oishi tötete Sudo. Ein Bild von Kuniyoshi Utagawa (1797-1861) aus dem Jahre 1848. Foto: AKG
Eine populäre Geschichte aus dem alten Japan berichtet von Ehre und Treue gegenüber dem Herrn. Sie spielt in der Männerwelt und erzählt von einer Kaste, die sich gegen den Untergang wehrt.
Am 4. Februar 1703 begehen 46 Samurai auf Befehl des Shogun Selbstmord. Seppuku. Das heißt, sie schlitzen sich die Bäuche auf. Das ist der Abschluss einer Heldengeschichte, die in Japan jedes Schulkind kennt. Die Geschichte von den 47 Samurai, die Rache nehmen für den Tod ihres Fürsten, die dann das Todesurteil des Shogun annehmen, ist nicht nur Schulstoff. Sie wurde immer wieder verfilmt. Allein zwischen 1997 und 2007 wurden zehn verschiedene Fernsehfilme über die Geschichte gedreht. Sie ist vielleicht der japanische Nationalmythos. Wann immer in Japan über Werte und Tradition diskutiert wird, geht es auch um die Geschichte der 47 Samurai.
Zu ihr gehört, dass sie eigentlich die Geschichte der 47 Ronin heißt. Ronin sind Samurai, die keinen Herrn haben. Und das kam so: Asano, der Herr der 47 Samurai, hatte den Auftrag bekommen, eine Empfangszeremonie für den Abgesandten des Tenno vorzubereiten. Kira, der Asano bei der Erarbeitung des Zeremoniells helfen sollte, erklärte Asano für unfähig. Er tat das, weil Asano ihm nicht genug gezahlt hatte. Der in seiner Ehre gekränkte Asano stürzte sich auf Kira und verletzte ihn schwer.
Asano hatte mit diesem Angriff gegen das Friedensgebot bei Hofe verstoßen. Er wurde dazu verurteilt, sich mit dem Schwert den Tod zu geben. Dieser Tod bedeutete das Ende seines Clans. Wer so unehrenhaft hatte sterben müssen, dessen Name und dessen Familie musste ausgelöscht werden. Gegen dieses Urteil rebellierten die Samurai Asanos. Sie erklärten, ihr Herr habe sich gegen die Korruption gewandt, und ein Edelmann, der nicht zum Schwert greife, wenn er in seiner Ehre angegriffen werde, sei keiner. Asano hätte gestraft werden müssen, weil er gegen das Friedensgebot verstoßen hatte, aber er hätte nicht sterben dürfen, und schon gar nicht unehrenhaft.
Von den dreihundert Samurai entschließen sich 47, den Kampf aufzunehmen. Sie wollen ihren Herrn rächen. Ihr Ziel ist es, Kira zu töten. Die Geschichte der 47 Samurai ist die Geschichte, wie sie mit List und Tücke, mit Dolch und Schwert versuchen, Kira das Leben zu nehmen. Sie verkleiden sich, sie tun so, als dächten sie nicht im Traume daran, Rache zu nehmen. Sie spielen die Opportunisten, die sich – wie die anderen – den neuen Verhältnissen anpassen. In Wahrheit aber bleiben sie ihrem alten Herrn und ihrem Vorhaben treu.
Dann, am 14. Dezember 1702, holen sie zum Schlag aus. Das wie eine Festung bewachte Anwesen Kiras wird gestürmt. Kira flieht, versteckt sich hinter Kinder und Frauen. Endlich stellen sie ihn. Die einfachen Samurai knien vor dem hochgestellten Kira nieder, erklären ihm, dass sie Rache nehmen für Asano. Sie geben ihm die Möglichkeit, sich selbst umzubringen. Aber Kira ist zu feige. Er kann das nicht. Daraufhin wird er geköpft. Der jüngste Samurai, ein 14-jähriger Junge, wird nach Hause geschickt, um zu erzählen, dass die Rache geglückt sei.
Die 46 Samurai nehmen Kiras Kopf, bringen ihn zum Tempel, waschen ihn und legen ihn auf den Grabstein von Asano. Dann ergeben sie sich. Der Shogun verurteilt sie zum Tode. Am 4. Februar begehen sie alle Seppuku. Als der Jüngste zurückkommt, wird er begnadigt. Als er im Alter von 78 Jahren stirbt, wird sein Grabstein neben die der anderen gestellt. So stehen die 47 Grabsteine der 47 Ronin noch heute im Sengakuji-Tempel in Tokio vor dem Grabstein ihres Herrn Asano.
Es ist heute ein Wallfahrtsort. Die Kleidung und die Waffen der herrenlosen Samurai, der Ronin, werden dort verwahrt, und auch die Quittung, die treue Gefolgsleute des ermordeten Kira unterschrieben, als sie den Kopf ihres Herrn loskauften. Es ist eine Geschichte um Ehre und Treue, eine Geschichte auch um die Entscheidung zwischen zwei Verstößen gegen den Ehrenkodex. Asano handelte, wie ein Samurai handeln musste, als er Kiras Beleidigung nicht auf sich sitzen ließ. Aber er handelte dabei auch unehrenhaft, denn er brach das Friedensgebot. Hätte er es gehalten, hätte er unehrenhaft gehandelt, weil er Kira die Beleidigung hätte durchgehen lassen. Es gab für Asano in diesem Moment keine richtige Option. Jede war falsch.
Dasselbe gilt für die 47 Samurai. Sie taten, was sie tun mussten. Sie rächten ihren Herrn. Aber ebenso klar war, dass sie für diesen Mord würden mit ihrem Leben bezahlen müssen. Sie erfüllten den Treueschwur gegenüber ihrem Herrn und nahmen dafür den Tod in Kauf. Nein, sie waren bereit, sich dafür nicht nur töten zu lassen, sondern sich selbst zu töten. Es geht bei diesem Dilemma nicht darum, eine schwierige Situation zu meistern, sondern um die Demonstration, ja das Auskosten einer nicht zu meisternden Lage. Politisch korrekt ist aus ihr nicht herauszukommen. Die 47 Ehrenmänner sind gefangen im Unrecht. Nicht in dem, das die anderen ihnen antun, sondern in dem, das sie anderen zufügen.
Die Absolutsetzung der Werte ist tödlich
Die Treue gegenüber dem Herrn ist eine Treue über dessen und über den eigenen Tod hinaus. Für jeden der 47 Samurai gilt: Meine Ehre heißt Treue. Wir denken an die Verbrechen, die unter dieser Parole begangen wurden. Die Geschichte der 47 Samurai zeigt, dass die Absolutsetzung der Werte tödlich ist. Wenn statt einer Abwägung in konkreten Situationen nur danach gefragt wird, was ein unabänderlicher Kodex verlangt, ist der Mensch verloren.
Blickt man mit dieser Geschichte auf die Wertedebatte, so merkt man, dass die Werte einem nicht weiterhelfen. Zu schnell kollidieren sie. So wie man Werte etabliert, muss man zwischen ihnen Frieden schaffen. Das geschieht durch Herstellung einer Hierarchie. Wir haben uns in den letzten Jahren zum Beispiel dafür entschieden, Beleidigungen nicht unbedingt etwas entgegen setzen zu müssen. Es ist in manchen Situationen vernünftig und nicht etwa unehrenhaft, einfach die Straßenseite zu wechseln. Es gibt Milieus, in denen das als Schwäche registriert wird, also als Aufforderung, noch mal nachzutreten. Wie reagieren?
Die Beliebtheit der Geschichte der 47 Samurai hat sicher nicht nur damit zu tun, dass man an ihr die Diskussion um Werte und Wertewandel – der Treueeid gegenüber dem Herrn war älter als die Friedensregel im Palast – diskutieren konnte und kann. Es ist vielleicht auch die Tatsache, dass diese Wertedebatte gewalttätig und listig geführt wird, dass die Worte Taten sind, dass Schädel eingeschlagen und Menschen umgebracht werden. Das erhöht den Reiz der ethisch-moralischen Auseinandersetzung doch ganz erheblich. Die Kampfszenen, in denen Asanos Männer gegen die Kiras antreten, die kleinen Nebengeschichten von Verstellung und Verrat, machen die Geschichte erst richtig fett. Es ist die Verbindung von äußerster Brutalität und der Behauptung, dass sie im Dienste von Sitte und Anstand, von Ehre und Moral stattfindet, die die Geschichte der 47 Samurai zu einem der tragenden Mythen Japans gemacht hat.
Die Geschichte wurde sofort ausgestaltet zu sehr populären Erzählungen und Theaterstücken. In den 40er- und 50er-Jahren des 19. Jahrhunderts hat dann einer der ganz Großen des japanischen Farbenholzschnitts, Kuniyoshi Utagawa, die Geschichte von den 47 Samurai immer wieder in großartigen Bildern erzählt. Es sind frühe Mangas, in denen sich Brutalität und Komik verbinden, wenn zum Beispiel zwei schwer bewaffnete Samurai einander um einen zarten Wandschirm herum jagen. Man kann das alles sehr schön sehen auf einer dem Künstler gewidmeten Internetseite: www.kuniyoshiproject.com/.
Im Winter 1940-1941 kam einer der großartigsten Filme, die jemals gedreht wurden, in die japanischen Kinos "Die 47 Ronins" von Kenji Mizoguchi (1898-1956). Es sind zwei Filme, die aber eine durchgehende Handlung haben. Der Film reduziert die Kampfszenen. Es wird viel gesprochen darin. Nein: Deklamiert. Die Rituale werden ausgekostet, jede Zeremonie dauert. Aber der Film, die Filme – sie dauern mehr als vier Stunden – sind nicht langweilig. Das kann nur Kenji Mizoguchi. Es ist ein Durchhaltefilm, eine Art japanischer Kolberg. Es ging darum, der japanischen Bevölkerung klar zu machen, dass es ehrlos wäre, nicht zu kämpfen, dass es nicht angeht, Beleidigungen hinzunehmen, dass man nicht nachgibt, nicht verhandelt, sondern dem Führer folgt bis in den Untergang. Dafür taugte der Mythos von den zu allem entschlossenen treuen Samurai. Es ist die Bereitschaft zum äußersten Extrem, die der Geschichte – nicht nur den Erzählungen über sie – ihren Schwung gibt.
Die Ehrsucht ist eine Krankheit zum Tode. Das wird deutlich. Aber das ist nicht kritisch gemeint, sondern ästhetisch-pathetisch. Je mehr man für eine Sache zu opfern bereit ist, desto großartiger ist sie. Der Führer mag sein, wie er will. Aber wir machen ihn groß durch unser Opfer. Man blickt von seinem Schreibtisch aus befremdet auf diese Welt und erschrickt. Es gibt keine Frauen darin. Sie tauchen auf, wenn der feige Kira sich hinter ihnen versteckt. In den Nebenhandlungen haben sie kurze Auftritte. Es ist eine Welt ohne Liebe. Verliebtheit gar gibt es hier nicht. Hier herrschen die Männer nicht nur. Hier sind sie unter sich mit ihren Vorstellungen von Ehre und Treue. Das sind Werte, mit denen sie ihre Verhältnisse unter einander zu klären versuchen. Sie scheitern dabei. Jedenfalls, so wie man annimmt, es ginge darum, Verhältnisse zu schaffen, in denen die Menschen besser mit einander auskommen.
Es ist auch eine Welt ohne Gott. Die Werte, für die die Ronins töten und sterben, hat kein höheres Wesen den Menschen gebracht. Es sind die Werte, die die Gesellschaft der Männer sich selbst gegeben hat. In Wahrheit sind es Werte, die eine untergehende Kaste verzweifelt, todessehnsüchtig mobilisiert gegen eine Welt, in der sie nichts mehr zu sagen hat, in der sie und ihr Eifer lächerlich wirken.
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