03.12.2011

Essay: Das kann man so nicht stehen lassen

Von Malte Welding
Ich bin alles andere als eine Wand, gegen die es sich anzurennen lohnt. Und doch beleidige ich immer alle. (Malte Welding)
"Ich bin alles andere als eine Wand, gegen die es sich anzurennen lohnt. Und doch beleidige ich immer alle." (Malte Welding)
Foto: Getty
Berlin –  

Jeder ist heutzutage jederzeit bereit, beleidigt zu sein. Doch wie kommt das eigentlich? Eine Betrachtung.

Der Kopf ist rund, heißt es, damit das Denken die Richtung ändern kann. Leider ist mein Kopf eine Kugel, sodass meine Gedanken gleichzeitig in alle möglichen Richtungen schweben. Ich bin, so muss ich einräumen, unentschlossen. Meine Mutter war CDU-Wählerin, mein Vater eine Art Kommunist, darauf führe ich diese Unentschlossenheit zurück. Irgendwo zwischen „jeder für sich“ und „alle für mich“ hängt mein Denken in der Luft.

Zeitungen haben gerne eindeutige Meinungsartikel, Bücher sollten sich in einem Satz zusammenfassen lassen, und mein Einwand, warum ich denn ein Buch schreiben solle, wenn man es durch einen Satz ersetzen könne, wird von Marketingleuten mit einer Geste beantwortet, die Marketingleute im Studium an der Fachhochschule gelernt haben: Mit dieser Geste bedeuten sie Leuten, sie mögen gefälligst mal in der Wirklichkeit ankommen.

Malte Welding

Für die Berliner Zeitung beantwortet unser Autor jede Woche eine Beziehungsfrage. Ein ausgebildeter Experte ist er nicht, aber mit der Liebe ist es wie mit Fußball: Da können auch nur die richtig tippen, die keine Ahnung haben. Lesen Sie seine Antworten in der Kolumne "Die Frage nach der Liebe". Schreiben Sie ihm: liebe@berliner-zeitung.de

Aber auch im Privaten bin ich kein Meister der Entscheidungsfindung. Chatte ich mit unter 25-Jährigen, die sich bekanntermaßen hauptsächlich mit Smileys der Welt mitteilen, so kann ich mich nicht entscheiden, ob ich meine Zeilen ebenfalls mit Klammern und Semikola schmücke, oder doch lieber meine Antworten aussehen lasse, als redeten die jungen Leute mit ihrem Lateinlehrer.

Finde ich den „Tatort“ spießig und traurig deutsch oder gesellig und fröhlich regional? Schätze ich den Karneval als Gelegenheit, mich unbehelligt in die U-Bahn zu übergeben oder lehne ich ihn als martialische Gutelauneschlacht für Saisonallächler ab? Gesetze: alle einhalten oder nur die besten? Schule: strenge Lehrer oder kuschelige? Vermieter: auch nur Menschen oder eben gerade nicht?

Mir fehlt der klare Standpunkt, ich bin alles andere als eine Wand, gegen die es sich anzurennen lohnt. Und doch beleidige ich immer alle.

Beleidigtsein ist das neue Schwarz

In diesen wenigen Zeilen habe ich bereits CDU-Wähler („Wie kommen Sie darauf zu behaupten, der Kern des christdemokratischen Denkens sei „Jeder für sich“?), eine Art Kommunist („Klippschüler wie Sie sind es, die dem Kommunismus den Garaus machen, indem sie ihn böswillig fehldeuten als Ausnutzung der Fleißigen durch die Faulen“), unter 25-Jährige („Als frischgebackener Abiturient möchte ich Ihnen mitteilen, dass Sie, nur weil Sie im Chat von Knuddels.de Ihre Freizeit verbringen, kein abgeschlossenes Bild der Lebenswirklichkeit der Menschen unter 25 haben“) und Lateinlehrer („Ich unterrichte seit 37 Jahren Latein, wurde als Kind noch zum lateinischen Aufsatz geführt, was ja leider längst nicht mehr so praktiziert wird, und muss seit 37 Jahren gegen das Vorurteil angehen, Lateinlehrer seien staubtrockene Erbsenzähler. Setzen sechs!“): beleidigt. Und natürlich Marketingleute und Fachhochschul-Rektoren, „Tatort“-Seher und -Verächter, Karnevalisten und Marschkapellenphobiker, Gesetzestreue und Anarchisten, Vermieter und solche, die es werden wollen.

Beleidigtsein ist das neue Schwarz. Jeder ist jederzeit bereit, beleidigt zu sein. Wie kommt das?

Was eine klare Antwort angeht, da bin ich unentschlossen. Zunächst einmal ist es ja so, dass die klassische Beleidigung, also das Ehrverletzungsdelikt, sogar ganz im Gegenteil im Aussterben begriffen ist. Zwar werden noch immer jedes Jahr etwa 20.000 Menschen, die den Tatbestand des § 185 StGB erfüllen, verurteilt, aber von einer echten Ehrabschneidung wissen wir doch im Grunde nichts mehr.

Arthur Schnitzlers Gustl können wir nicht mehr verstehen. Der war von dem Bäckermeister Habetswallner beleidigt worden und wollte sich nun umbringen, weil ein Leben ohne Ehre ja kein Leben sein kann. Als er nach durchwachter Nacht erfährt, dass der Bäcker verstorben ist, und also niemand von der Schande erfahren hat, freut er sich, dass er weiterleben kann, denn er hat am Nachmittag noch ein Duell vor sich.

Wahrheit anerkennen

Nein, um die Ehre geht es den modernen Beleidigten nicht, und Ehre interessiert auch nicht mehr so richtig. Wenn Islamisten heute Brandsätze schmeißen, weil sie sich von einem Satiremagazin beleidigt sehen, dann ist es weniger die persönliche Ehre, die dort verteidigt wird, als vielmehr ein Prinzip. Und so finden wir das Mittel zwar doch übertrieben, aber wir verstehen das Motiv: Manche Dinge kann man einfach nicht so stehen lassen.

Man muss, um sich richtig beleidigt zu fühlen, weder gemeint sein noch der betroffenen Gruppe selbst angehören. Es geht um das gefühlte Betroffensein – wie könnte auch irgendwo etwas geschehen, das nicht mich betrifft? Der moderne Beleidigte verhält sich wie der Mann, der glaubte, er sei ein Korn, in dem Witz: Nachdem er geheilt entlassen wurde, fürchtet er sich nun vor Hühnern. Denn auch, wenn er nun weiß, dass er kein Korn ist – wissen die Hühner es?

Es reicht nicht, dass der Beleidigte die Wahrheit kennt, alle sollen sie anerkennen. Anders als sein großer böser Bruder, der Fanatiker, zündet er deshalb keine Gebäude an, aber manchmal sprengt er Parties.

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