25.02.2012

Film: Die Suche nach der Mama und der Hure

Matratzenlager. Szene aus dem Film „Die Mama und die Hure“.
Matratzenlager. Szene aus dem Film „Die Mama und die Hure“.
Foto: Akg/LES FILMS DU LOSANGE/ELITE FILMS/SIMAR FILMS/Album

Else Buschheuer erzählt von ihrer langen Jagd nach einem Sehnsuchtsfilm. Der Inhalt von „La maman et la putain“ ist am Schluss nebensächlich. In einer Zeit, in der jeder Sammler per Mausklick fündig wird, zählt vor allem das Heben eines Schatzes.

Es muss zehn Jahre her sein, da kam mein Kumpel Ben aus dem Kino und war ein neuer Mensch. Er sagte kryptische Sätze wie „Kein Geld zu haben, ist kein Grund, schlecht zu essen“, trug plötzlich Seidenschals und ließ sich die Haare auf Kragenlänge wachsen. Er schmiss seinen Job hin, sagte, dass es ihm fortan genüge, „einfach nur zu existieren“, und stürzte sich in tollkühne amouröse Abenteuer.

Dass Kino lebensverändernd sein kann, wusste ich damals schon, aber konnte es auch die Persönlichkeit eines Menschen ändern?

Offenbar! Es war Jean Eustaches Film „La maman et la putain“, der Ben zu einem Proust lesenden Taugenichts gemacht hatte. Ich musste diesen Film unbedingt sehen! Schon allein der Titel! Die Mama und die Hure!

Der faszinierende Jean Eustache

Aber niemand hatte ihn. Er lief auch nirgends. Er war schlichtweg nicht aufzutreiben. Minutenschnipsel aus dem Internet irritierten eher, und alles, was ich darüber las, machte mich nur noch hungriger: Jean Eustache assistierte bei Eric Rohmer, lieh sich Geld bei Godard, bezeichnete sich selbst als Amateurfilmer. „Die Mama und die Hure“ war 1972 sein erster abendfüllender Spielfilm. Er machte später noch einen zweiten, scheiterte an einem dritten und brachte sich 1981 um.

Überhaupt soll die Geschichte ziemlich autobiografisch sein. Jean Eustache hat Jean-Pierre Leaud die Rolle auf den Leib geschrieben, Alexandre, der Held des Films, ist sein Alter Ego, sagt man. Veronika, die Hure, wird gespielt von Françoise Lebrun, Eustaches tatsächlicher Geliebter. Gedreht wurde in Eustaches Privatwohnung. Wenn die Kameras ausgingen, nahm der Regisseur den Platz seines Hauptdarstellers ein, und alles ging zeugenlos so weiter, die Streits und die Ficks, sagt man. Die Kostümbildnerin, die Veronika als Vorbild diente, brachte sich nach der Premiere um, sagt man.

Erfolglose Suche nach „Die Mama und die Hure“

Außer meinem Kumpel Ben schien eine kleine Gruppe von Eingeweihten „Die Mama und die Hure“ zu kennen. Der Film sei überwältigend, hatten sie geschrieben, ein Meisterwerk, außerordentlich, erstaunlich, wundervoll, brillant, überdies noch einen Zacken schärfer als „Der letzte Tango in Paris“, so las ich.

Seitdem war ich auf der Suche, nach Retrospektiven, nach einer DVD, einem Hinweis. Sogar auf Piraten-Plattformen fand ich mich zuweilen wieder, klickte auf einen vielversprechenden Link, kniff aber, wenn ich mich namentlich registrieren sollte. Die Jahre vergingen, Ben und ich verloren uns aus den Augen. „Die Mama und die Hure“ verblasste in meinem Kopf.

Jagdfieber bei Berlinale erneut geweckt

2005 sah ich auf der Berlinale den kanadischen Film „Childstar“ von und mit Don McKellar. Er spielt darin einen erfolglosen Autorenfilmer, der als Chauffeur arbeiten muss. Sein wichtigster Besitz: das Plakat zu Eustaches „Die Mama und die Hure“. Im selben Jahr widmete Jim Jarmusch seinen Film „Broken Flowers“ Jean Eustache. Zwar war „Broken Flowers“ kein großer Film, Eustache hätte vermutlich einen besseren verdient, aber nun war mein altes Jagdfieber wieder erwacht. Ich erwarb über den amerikanischen Amazonversand eine gebrauchte VHS für 85 Dollar.

Es dauerte Wochen, ehe das leicht zerschlissene, aus einer Videothek ausgemusterte Stück eintrudelte. Eine Doppel-VHS, 215 Minuten, Französisch mit englischen Untertiteln. „The Mother and the Whore“. In roten Versalien prangt der Titel auf dem Cover, darunter sieht man Jean-Pierre Léaud mit zwei Damen im Bett liegen, eine dunkelhaarig, eine blond, Schneeweißchen und Rosenrot.

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