07.01.2012

Fußballmutter will nicht mehr: "Justin, hau ihn weg"

Von Kirsten Küppers

Wie alle Fußballeltern sehnt sich E. nach mehr Freizeit und Ruhe. Aber auch an diesem Wochenende steht sie in einem Stadion in Steglitz, hustet in die Faust, brüllt: „Hopp hopp, hopp! Holt euch den Ball!“ Ein paar Männer rauchen Müdigkeit und Kälte mit Zigaretten weg. Theos kleiner Bruder pinkelt ins Gebüsch. Carolin E. fragt sich immer öfter, warum sie sich das alles antut.

Es kann sein, dass E.s wachsende Unlust an der Fußballleidenschaft ihres Sohnes auch daran liegt, dass seine Mannschaft bislang immer verliert. Dass die Jungs regelmäßig niedergeschlagen vom Platz trotten. Der schöne Moment, in dem das eigene Kind den Ball übernimmt, abzieht, den Spielverlauf positiv beeinflusst, eben jene großen Momente des Sports, für die Fußballfans brennen: Sie sind bislang ausgeblieben. Seit über zwei Jahren schon. Zwar keimt jedes Wochenende neue Hoffnung auf, „irgendwann müssen sie ja gewinnen“, ruft ein rotgesichtiger Vater in Lederjacke auch diesmal über das Steglitzer Spielfeld – aber genau in diesem Moment knallen die Gegner das fünfte Tor rein.

Carolin E. bemerkt in letzter Zeit ein Befremden an sich selbst. Mit zunehmender innerer Distanz guckt sie auf Eltern, die in Trainingsjacken über den Fußballplatz schreien: „Justin, hau ihn weg!“ Auf Eltern, die ihre Familienfeiern um die Fußballtermine herumgruppieren. Auf Mütter, die sonntags wackelige Campingtischchen vor dem Vereinsheim aufbauen und um neun Uhr früh Steaks auf den Grill werfen. Auf den Vater, der sein Macbook auf einem der Absperrgitter zum Fußballfeld aufklappt, die Mutter, die mit hochgeschlagenem Mantelkragen geduldig am Spielfeldrand kauert und Yoga-Bücher liest. Auf den Vater, der mit seinem Sohn eine einstündige Anreise mit S-Bahn, Tram und Bus zum Stadion unternimmt und, als den beiden am Alexanderplatz die Tram vor der Nase wegfährt, ein Taxi für 20 Euro bezahlt. Der findet: „Solange ich am Wochenende nicht früher aufstehen muss als unter der Woche, ist das doch anständig. Oft klappt das ja auch.“

Hadern mit Verbindlichkeit in unverbindlichen Zeiten

Es ist eine bemerkenswerte Entschlossenheit, die aus solchen Bekenntnissen spricht. Eine Entschlossenheit, von der Carolin E. selbst glaubt, sie immer seltener aufbringen zu können. „Ich finde, es gibt einfach noch andere Dinge als Fußball im Leben. Tut mir leid.“

Man sollte das jetzt nicht falsch verstehen: Natürlich ist Theos Fußballtrainer eine Seele von Mensch, der seine gesamte Freizeit ehrenamtlich zur Verfügung stellt. Auch Carolin E. hat das erkannt. Ein Mann voller Engagement und Erfindungsreichtum. Weil die Kinder neue Trikots brauchten, ist er an Halloween mit 50 Fußballkindern in Gespensterkostümen zur nächstgelegenen Supermarktfiliale gezogen. Der Filialleiter hat ihm hinterher einen Scheck über 500 Euro überreicht. „Großartig“, sagt Carolin E.

Und natürlich ist dieses Land im internationalen Fußballvergleich nur deshalb eine solche Granate, weil es traditionelle Vereinsstrukturen gibt, die ihren Mitgliedern ein gewisses Maß an Disziplin abverlangen. Und selbstverständlich ist Sport hervorragend für die Entwicklung der Kinder. Für den Nachwuchs müssen Eltern immer Opfer bringen. Carolin E. wäre die Letzte, die all diese Tatsachen bestreiten würde.

Es ist nur so, dass Carolin E. meint: „Für Leute wie uns, die gewohnt sind, selbst über ihr Leben zu entscheiden, ist es schon schwierig, wenn man zeitlich so stark festgelegt wird.“ Man könnte E.s Unbehagen mit dem Fußballverein vielleicht auch als typisch für heutige Elterngenerationen analysieren, als Hadern mit Verbindlichkeit in unverbindlichen Zeiten. Das Dilemma der modernen Welt, wenn individualisierte Lebensläufe auf althergebrachte Strukturen stoßen. Ein Problem, das auch aus anderen Zusammenhängen bekannt ist.

Carolin E. hat nach zwei Jahren ihre Konsequenzen gezogen. Sie hat sich umgehört nach anderen Sportarten ohne Verein. Sie hat ihrem Sohn ein paar Vorschläge gemacht. Sie wird ihn zum Fußball bringen, solange er noch Lust hat. „Betonung auf solange“, sagt E. und lacht. Das Lachen eines Krokodils. E. ist keine Spielverderberin. Aber seit September geht Theo auch einmal die Woche zum Rollschuhlaufen.

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