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Interview mit Samuel L. Jackson: Ich hätte den Nigger-Jim nicht ausgelassen

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Es kommt vor, dass mir Leute sagen: Geben Sie doch einfach Ihr Geld weg, werden Sie wieder einer von uns! Well, sage ich dann, so weit würde ich doch nicht gehen. Samuel L. Jackson.
Es kommt vor, dass mir Leute sagen: Geben Sie doch einfach Ihr Geld weg, werden Sie wieder einer von uns! Well, sage ich dann, so weit würde ich doch nicht gehen. Samuel L. Jackson.
Foto: Reuters

Bei Barack Obamas erster Amtseinführung hielt der Schauspieler Samuel L. Jackson eine Rede. Vier Jahre später hofft er, dass der Präsident nun die Kraft findet, seine Versprechen einzulösen. Ein Gespräch über falsche Erwartungen, fehlende Protestkultur und die Frage, ob in Kinderbüchern das Wort Neger vorkommen darf

Samuel L. Jackson eilt ein unschmeichelhafter Ruf voraus – als er die Suite im Berliner Hotel de Rome betritt, scheint er ihn bestätigen zu wollen. Ganz in Grau, in Jogginghose und mit stylischer Schirmmütze, schlurft er grußlos zur Minibar, um sich Wasser zu holen, das er während das Gesprächs aus der Literflasche trinkt. Er fläzt sich aufs Sofa, nuckelt an einer Elektro-Zigarette und knurrt manche Antwort mehr, als dass er sie spricht.

Das passt zum Bild, das Hollywoodreporter und Kollegen von ihm zeichnen: Er wisse genau, dass er einer der größten schwarzen Kinostars ist und genieße es, sich entsprechend großspurig zu verhalten. Selbst seine Frau nennt als Erfolgsrezept ihrer Jahrzehnte währenden Ehe: Amnesie. Zum Klassiker wurde Jackson als brutal-großkotziger Killer Jules in „Pulp Fiction“, den ihm Quentin Tarantino 1994 auf den Leib schrieb. Ein bisschen Jules funkelt dann auch im Interview durch – jedenfalls entspricht dessen coole Art dem echten Jackson weit mehr als der verschlagene, gebückte Alt-Sklave, den er in Tarantinos neuem Film „Django Unchained“ spielt.

Samuel L. Jackson

wurde am 21. Dezember 1948 als Samuel Leroy Jackson in Washington D. C. geboren. Er wuchs in Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee auf und ist seit 1980 mit der Schauspielerin LaTanya Richardson verheiratet. Das Paar hat eine Tochter, die Filmemacherin Zoe Jackson.

spielte nach seinem Abschluss in Theaterwissenschaften in Atlanta jahrelang auf den Bühnen von New York und freundete sich in dieser Zeit mit Kollegen wie Morgan Freeman, Denzel Washington oder Wesley Snipes an. In Spike Lees „Jungle Fever“ trat er 1991 als Drogensüchtiger auf und gewann in Cannes den Preis als bester Nebendarsteller.

gelang der internationale Durchbruch 1994 in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“. 1998 stand er in „Jackie Brown“ wieder für Tarantino vor der Kamera und erhielt für seine Rolle den Silbernen Bären bei der Berlinale. Seine neueste Zusammenarbeit mit Tarantino, der Sklaverei-Western „Django Unchained“, ist jetzt in den deutschen Kinos angelaufen.

Mr. Jackson, kennen Sie Pippi Langstrumpf?

Klar kenne ich ihre Geschichten, wieso fragen Sie?

Als das Kinderbuch 1945 erschien, hat Astrid Lindgren darin das Wort Neger benutzt. Die deutsche Familienministerin Kristina Schröder hat vor Kurzem eine Debatte losgetreten mit ihrer Erklärung, dass sie ihrer Tochter aus dem Buch Begriffe wie Negerkönig oder Negerkönigreich nicht vorlese.

Und warum macht sie sowas?

Sie sagte, auch ohne die böse Absicht der Autorin können Wörter Schaden anrichten. Sie finde es verletzend, das Wort Neger zu benutzen und möchte nicht, dass ihre Tochter mit so einer Weltsicht aufwächst.

Verstehe. Aber das würde ja auch bedeuten, dass ihre Tochter aufwächst, ohne zu erfahren, dass auch Neger Königreiche haben können, oder?

Bei Pippi Langstrumpf ist die Sache noch komplizierter, weil der Negerkönig ja Pippis Vater Efraim ist, also ein Weißer.

Okay, aber das Wort an sich besagt ja ganz klar, dass Neger auch Königreiche hatten, nicht wahr? Jetzt würde mich aber wirklich brennend interessieren, mit welchem Wort Ihre Familienministerin den Negerkönig ersetzt.

Sie liest stattdessen Südseekönig. Übrigens hat der Verlag in neuen Ausgaben genau das schon gemacht, Negerkönig durch Südseekönig ersetzt. Und ein anderer Verlag von Kinderbuchklassikern ist ebenfalls gerade dabei, das Wort Neger zu entfernen.

Man könnte auch von einem afrikanischen oder nubischen König sprechen, am Ende wissen doch alle, was gemeint ist. Im Englischen ist „Negro“ an sich noch kein schlechtes Wort. Es bezeichnet eine Rasse.

Haben Sie Ihrer Tochter, als sie klein war, je Mark Twains Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn vorgelesen?

Nein.

Wenn Sie es gemacht hätten, hätten Sie …

… das N-Wort, den „Nigger-Jim“ ausgelassen? Nein. Das hätte ich nicht gemacht. Meine Tochter hat das Wort Nigger, als sie aufwuchs, oft gehört. Sie hörte es sogar bei uns zu Hause.

Der schwarze Harvard-Professor Randall Kennedy hat darüber einen US-Bestseller geschrieben: „Nigger – die seltsame Karriere eines ärgerlichen Wortes“. Er schreibt darin, viele Schwarze würden Nigger als Kosewort benutzen, mit Ironie und im Bewusstsein seiner rassistischen Herkunft. Sie wollen den Rassisten keinen Fußbreit überlassen, nicht mal ihr Lieblingswort.

Ja, es ist auch bei mir nicht so, dass ich das Wort nie ausspreche. Ich sage Nigger – und meine Tochter hat es gehört.

In dem neuen Quentin-Tarantino-Film „Django Unchained“ kommt das N-Wort mehr als 100 Mal vor – was in den USA heftige Kritik nach sich zog, unter anderem von Ihrem frühen Förderer Spike Lee. Wie stehen Sie dazu?

Ich finde diese Diskussion überflüssig. Kein Wort ist per se ein Tabu-Wort. In der Zeit der Sklaverei, die in dem Film beschrieben wird, wurde nun mal auf diese Weise über Schwarze gesprochen. Wenn du diese Zeit authentisch darstellen willst, aber gerade dieses Wort meidest, ist das unehrlich.

Quentin Tarantino hat darüber geklagt, dass es in den USA kaum Filme gibt, die sich mit der Sklaverei beschäftigen. Er führte das darauf zurück, dass sowohl weiße wie auch schwarze Amerikaner Angst davor hätten, sich mit diesem Teil ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Können Sie das erklären?

Das ist in der Tat seltsam. Die Sklaverei ist Teil der US-amerikanischen Geschichte, aber bis heute tun immer noch alle so, als wären diese Gräuel nicht passiert. Das gleiche trifft, wenn auch in etwas anderer Weise, auf die Ermordung und Unterdrückung der Ureinwohner Amerikas zu. Es wurden zwar zig Filme über Cowboys und Indianer gedreht. Aber die waren aus Sicht von Hollywood vor allem deshalb interessant, weil die Indianer zurückschlugen. Weil es einen Kampf gab, einen Krieg, den die Indianer verloren haben. Die Sklaven waren für Hollywood deshalb nicht interessant, weil sie sich nicht wehrten und von den Weißen einfach getötet wurden. Sie hatten keine Gewehre, keinen Pfeil und Bogen, keine Speere. Es gab keinen Aufstand der Sklaven. Es gab nur die Weißen, die die Schwarzen missbrauchten und sie nach Belieben umbrachten. Die Sklaven ließen sich ausbeuten, weil sie eingeschüchtert und traumatisiert waren, weil sie Angst hatten.

Mitte der Siebzigerjahre wurde die Verfilmung von Alex Haleys Roman „Roots“, der die Ursprünge und Folgen der Sklaverei thematisierte, ein Welterfolg. Dennoch wurde das Thema von Filmproduzenten weiterhin gemieden – auch von schwarzen. Woran lag das?

Vielen Schwarzen in Amerika fällt es heute noch schwer, sich diesen Teil ihrer Geschichte zu vergegenwärtigen. Sie empfinden Scham, weil es schwer zu akzeptieren ist, dass sich ihre Vorfahren gefangen halten ließen, dass sie schwach waren, dass sie sich nicht gewehrt haben. Die Amerikaner wollen nicht damit konfrontiert werden, also flüchten sie vor diesem Teil ihrer Geschichte.

Mit „Django Unchained“ inszeniert Tarantino eine historische Fiktion, in der das Opfer aufbegehrt. Mit Hilfe eines deutschen Kopfgeldjägers wird ein Schwarzer zum Revolverhelden und metzelt am Ende Heerscharen weißer Rassisten nieder. Hat sich an dieser kühnen Geschichtsklitterung in Ihrer Heimat eine Debatte entzündet?

Nicht, dass ich wüsste. Quentin macht Popkultur-Filme, die man bei uns nicht so ernst nimmt. Auch deshalb hat sich ein großer Teil der öffentlichen Wahrnehmung darauf konzentriert, wie oft der Begriff Nigger in dem Film vorkommt oder wie brutal der Film, wie viel Blut zu sehen ist. Ich sehe das so: Ein Film sollte zuerst einmal unterhaltsam sein. Und Quentin macht Unterhaltung. Wenn du dann auch noch was lernst – großartig. Wenn es darüber hinaus Diskussionen anregt – noch besser. Aber Filme sollten zuerst einmal Spaß machen.

Hätten Sie sich denn eine ernsthafte Debatte über die Sklaverei gewünscht, statt Rezensionen, die Ihnen vorrechnen, wie oft das N-Wort benutzt wird?

Nein. Der Film handelt ja auch nicht von der Sklaverei.

Nicht?

Der Film erzählt die Geschichte des schwarzen Sklaven Django und seiner Frau Brunhilde, die er von einem weißen Plantagenbesitzer befreien will. Die Sklaverei ist der Hintergrund. Aber er will nicht die Sklaverei abschaffen, er will nur seine Frau daraus befreien. Und das ist die Variation einer deutschen Sage. Django ist ein schwarzer Siegfried. Der Berg, den er überwinden muss, das ist die Sklaverei. Der Drachen, den er erschlagen muss – das sind der von Leonardo DiCaprio gespielte Plantagenbesitzer und ich, dessen ergebener Haussklave Stephen, der andere Schwarze, ohne mit der Wimper zu zucken, ans Messer liefert.

Mal ehrlich, waren Sie enttäuscht, dass Tarantino Sie nicht als schwarzen Siegfried, sondern in der Rolle eines widerwärtigen schwarzen Kollaborateurs besetzte?

Das haben Sie jetzt ja noch vornehm ausgedrückt. Ich würde sagen: Stephen ist der verabscheuungswürdigste Neger-Charakter in der Geschichte des Films. Aber das hat mir nicht viel Kopfzerbrechen bereitet. Denn ich wusste, dass ich da eine Figur gestalten konnte, die man nicht wieder vergisst. Das Einzige, was ich tun musste, war, diesen Typen so verabscheuungswürdig, so authentisch darzustellen wie möglich. Es gab Schwarze wie ihn zu jener Zeit. Und ich muss zugeben, dass es anfangs verstörend war, mich in so einen Kollaborateur hineinzuversetzen. Aber ich habe es auch als meine Verpflichtung gegenüber den anderen Schauspielern gesehen, ihn so realistisch wie möglich zu spielen. Ich wollte ihnen etwas bieten, gegen das sie anspielen, gegen das sie ankämpfen mussten.

Unmittelbar vor dem Beginn der Dreharbeiten haben Sie auf einer Theaterbühne in New York mehrere Monate lang eine historische Ikone der Schwarzen verkörpert: Sie spielten Martin Luther King in dem Stück „The Mountaintop“. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Ich sah mich nicht in der Verantwortung, Dr. King so darzustellen, wie ihn die meisten Menschen aus seinen legendären Reden kannten. Meine Aufgabe bestand darin, einen müden Mann zu zeigen, nachdem er gerade die größte Rede seines Lebens gehalten hatte. Einen Mann, der Angst um sein Leben hatte und nun in einem Hotelzimmer saß, versuchte zu entspannen, runterzukommen. Und dann trifft er eine sehr interessante junge Frau, er spricht mit ihr. Ich spiele einen Dr. King, der Zigaretten raucht und, ja, Angst hat, dass er stirbt, der sich seiner Sterblichkeit in dem Moment sehr bewusst wird. Er ist in diesem Moment einfach nur ein Mann, auch wenn er darüber hinaus eine bedeutende Rolle innehatte. Aber bis heute wissen wir nicht, ob er diese Rolle wirklich wollte, oder ob er sich da hat hineinziehen lassen. Wir wissen nur: Er hat die Verantwortung, die diese Rolle mit sich brachte, angenommen.

1968 waren Sie Platzanweiser bei Martin Luther Kings Beerdigung, hatten Sie ihn je getroffen?

Ja. Ich ging auf dieselbe Schule wie er, sah ihn immer mal wieder. Ab und zu sprach ich mit ihm. Wir waren jetzt nicht gerade Bekannte oder sowas. Aber ich kannte ihn ein bisschen.

Nach seiner Ermordung haben Sie sich 1969 der Black Power Bewegung in Atlanta angeschlossen.…

Ist lange her, aber es stimmt.

Sie haben damals Mitglieder des Kuratoriums des Morehouse College, darunter der Vater Martin Luther Kings, auf dem Campus als Geiseln genommen, um Reformen durchzusetzen. Das geschah zum Teil auch, Sie wurden aber vom Unterricht suspendiert. Wie sehen Sie Ihre Sturm-und-Drang-Phase heute?

Ich war sowas wie ein militanter Hippie, eben ein Kind meiner Zeit. Protest gehörte damals einfach dazu. Wenn irgendetwas falsch lief, gingen wir auf die Straße, wir demonstrierten, wir wurden laut. Das habe ich damals immer so gemacht. Es war für mich und meine Freunde ein Lebensgefühl. Und es ging nicht nur um Black Power und Gleichberechtigung für die Schwarzen. Ich war auch Teil der Anti-Kriegs-Bewegung, der Frauenbewegung.

Sie, ein Feminist?

Da können Sie mal sehen. Ich war Teil von Bewegungen, die gegen die Bevormundung und Kontrolle durch die Regierung protestierten. Wir hatten alle Angst, dass Big Brother irgendwann unser Leben kontrollieren könnte. Heute muss ich feststellen, dass wir in der Hinsicht längst alle Opfer sind. Weil wir vergessen haben, wogegen wir einst protestierten.

Was genau meinen Sie damit?

Immer, wenn ein neues iPhone oder Tablet auf den Markt kommt, schwärmen wir doch alle: Toll, dieser galoppierende technische Fortschritt, der uns alle mitreißt. Fakt ist, dass alles, wogegen wir damals kämpften, über uns hereingebrochen ist. Wenn wir mit unseren iPhones und Tablets durch die Welt laufen, kann man immer orten, wo wir gerade sind, zu jeder Zeit des Tages. Nicht nur das: Man kann mithören, bei allem, was wir reden, schreiben, simsen oder lesen. Was wir kaufen, wird gespeichert. Es ist die totale Invasion unseres Lebens.

Die Sie selbst befördern, wenn Sie beispielsweise für das iPhone werben.

Genau so ist es: Wir haben es selbst erlaubt, befördert, lassen es zu. Jetzt haben wir den Salat: Sie wissen, was du kaufst, was du magst, dann schicken sie deinen Namen, deine Vorlieben an andere Firmen, und die bieten dir wieder was Neues an: Dieses Produkt könnte Ihnen auch gefallen.

Ihr ambivalentes, um nicht zu sagen widersprüchliches Verhältnis zur „brave new iWorld“ teilen viele. Selbst bei Intellektuellen wie Umberto Eco überwiegt, bei aller Kritik an den Auswüchsen dieser neuen Medien, am Ende die Faszination für das, was möglich ist. Fragen Sie sich, wo das alles hinführen soll?

Es liegt alles an unserer verdammten Bequemlichkeit. Es gab mal eine Generation, die darauf drängte, die Verantwortung für ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Dann kam eine andere Generation, die vor allem sagte: Ich will Komfort! Irgendwas ist da auf der Strecke geblieben. Auch meine wache Haltung, der Protest-Reflex gegenüber jeglicher Vereinnahmung, ist gewissermaßen eingeschläfert worden. Weil sich unser Lebensstandard ständig verbesserte, weil alles immer leichter wurde, haben wir vergessen, wie viel Kontrolle wir längst abgegeben haben – in die Hände von Leuten, die unser Leben jetzt auf bestimmte Weise steuern.

Richtig empört klingt das aber nicht.

Ich habe mein Bestes gegeben. Ich habe versucht zu verhindern, dass meine Privatsphäre verletzt wird. Aber wenn du eine öffentliche Person bist, geschieht das trotzdem. Und ich leiste ja auf meine Weise Dienst an der Öffentlichkeit.

Ironischerweise nutzten Sie dazu auch Twitter, wo 1,9 Millionen Follower Ihren Botschaften folgen.

Ja, ich weise da beispielsweise auf Projekte hin, die ich unterstütze. Aber ehrlich gesagt: Wenn man das macht, geschieht das oft auch nur aus selbstsüchtigen Gründen. Man sagt nichts anderes als: Seht her, was ich alles auf die Beine stelle!

Sie haben sich sehr intensiv als Wahlkampfhelfer für Barack Obama engagiert. Haben Sie eigentlich je darüber nachgedacht, selbst in die Politik zu gehen?

Nein! Ich war immer jemand, der die Politik sehr aufmerksam beobachtet hat. Kann schon sein, dass ich einen guten Politiker abgeben würde. Aber das ist nichts für mich.

Was missfällt Ihnen an der Politik?

Ich hätte keine Lust, ständig mit anderen Leuten streiten zu müssen. Über Politik; darüber, was getan werden müsste und dann doch nicht passiert. Sehen Sie, ich weiß immer noch, wo ich herkomme, aus armen Verhältnissen – auch wenn sich mein Leben inzwischen verändert hat.

Laut Guinness Buch der Rekorde sind Sie hinsichtlich der Einspielergebnisse aller Filme, in denen Sie je mitgewirkt haben – es sind 7,5 Milliarden US-Dollar – der erfolgreichste Schauspieler aller Zeiten. Arm sind Sie nicht mehr.

Nein, ich habe eine Menge Geld gemacht, das steht fest. Aber ich gehöre nicht zu jenem einen Prozent der Mächtigen und Extremreichen, die die Geschicke des Landes steuern und über die der Rest des Landes ständig herzieht. Ich gehöre noch nicht zu denen – aber ich bin nah dran. Aber ich habe dennoch nicht vergessen, woher ich komme. Ich weiß noch, wie es war, als wir nicht viel zum Leben hatten. Meine Eltern konnten sich vieles nicht leisten. Nun kommt es schon mal vor, dass mir Leute sagen: Wenn das so ist, Mr Jackson, geben Sie doch einfach Ihr Geld wieder weg, um zu helfen – und werden Sie wieder einer von uns! Well, sage ich dann, so weit würde ich dann doch nicht gehen.

In Ihrer Jugend dachten Sie da noch anders. In Ihrer radikalen Black-Power-Phase glaubten Sie eine Zeit lang, dass es zu einem bewaffneten Kampf zwischen Weißen und Schwarzen kommen würde. Ihre Mutter bekam damals eine Warnung vom FBI: „Wenn ihr Sohn so weitermacht, könnte er in einem Jahr tot sein.“ Ihre Mutter hat Sie daraufhin nach Los Angeles geschickt. Wie hat sie das geschafft?

Mein Mutter hat mich im wahrsten Sinne des Wortes gekidnappt. Ich war damals 19. Sie sagte mir, wir fahren irgendwo hin, ich stieg in den Wagen zu ihr, wir fuhren zum Flughafen, sie gab mir das Ticket und sagte: „Du steigst jetzt in das Flugzeug nach L.A. und kommst nicht mehr hierher zurück! Verstanden?!“

Und das hat ein wilder Protestler, der sich von niemandem etwas sagen lassen wollte, einfach so akzeptiert?

Sicher. Ich respektiere meine Mutter.

Wissen Sie, was danach mit den anderen Mitgliedern Ihrer Black-Power-Gruppe geschah?

Manche bekamen Jobs, andere wurden gekillt, wieder andere verhaftet. Das Übliche halt.

Mr. Jackson, wissen Sie eigentlich schon, wo Sie am 20. Januar sein werden?

Ich sollte eigentlich in Johannesburg sein, um dort einen neuen Film zu drehen. Unglücklicherweise wurde der Regisseur gerade tot in seinem Hotel aufgefunden. Tja, es sieht wohl so aus, als würde aus dem Film nichts werden. Also, zurzeit weiß ich nicht, wo ich an dem Tag sein werde. Wieso fragen Sie?

Nun, es ist der Tag der zweiten Amtseinführung Obamas …

Ich war ja schon bei seiner ersten dabei. Das reicht, glaube ich.

Dabei haben Sie vor vier Jahren noch eine Rede gehalten, in der Sie die historische Dimension des Augenblicks hervorhoben – der erste Schwarze zog ins Weiße Haus ein. Angenommen, Sie sollten in diesem Jahr doch wieder reden: Was würden Sie diesmal sagen?

Ich würde wohl sagen: „Ich hoffe nur, dass Sie in den nächsten vier Jahren mehr von den Dingen erreichen, die Sie versprochen haben, als beim letzten Mal – denn jetzt müssen Sie sich ja nicht mehr um Ihre Wiederwahl sorgen, Mr. President.“ Präsident zu sein, ist einer der merkwürdigsten Jobs. Wenn du vorher nicht mal Vize-Präsident warst, hast du nicht wirklich eine Ahnung davon, was auf dich zukommt. Das erste Jahr versuchst du herauszufinden, wie dieser Job überhaupt funktioniert. Im zweiten Jahr erkundest du, wie du deine Versprechungen umsetzen könntest. Und bevor du dazu kommst, strampelst du dich die nächsten zwei Jahre schon wieder ab, um wiedergewählt zu werden. Jetzt ist Obama wiedergewählt und muss sich zumindest um seine Wiederwahl keine Gedanken mehr machen. Das ist ja schon mal was. Jetzt kann er damit anfangen, die Versprechen seiner Kampagne auch wirklich umzusetzen.

Sind Sie zufrieden mit seiner Bilanz?

Zufrieden bin ich nicht, da geht es mir wie vielen anderen auch. Ich weiß aber auch gar nicht, was ich genau erwartet habe. Ich habe mir jedenfalls nicht erhofft, dass er auftritt und uns eine neue Welt baut. Gut, ich hätte mir eine grundlegendere Gesundheitsreform gewünscht, und dass sich der Arbeitsmarkt mehr entspannt hätte. Was ich nicht erwartet hatte, war, dass die Republikaner ihn so erbittert attackieren, wie sie es dann gemacht haben. Sie würden lieber das Land in den Ruin stürzen, als diesem Mann einen Erfolg zuzugestehen. Das war sehr rau, sehr bitter.

Was hat sich für die Schwarzen in den USA geändert, seit Obama regiert?

Nichts.

Nichts?

Gut, viele Schwarze erfüllt es natürlich mit Stolz, dass es einer von ihnen geschafft hat, Präsident zu werden. Aber politisch und ökonomisch oder spirituell hat sich nicht viel verändert. Vielen Schwarzen ist klar: Sie kämpfen immer noch denselben Kampf. Das hat sich auch wieder während der letzten Wahlen gezeigt, als in vielen Bundesstaaten die Wahlgesetze so geändert und die Formalitäten so gestrickt wurden, dass es vielen Schwarzen massiv erschwert wurde, überhaupt zu wählen. Viele Dinge mögen sich in der Theorie geändert haben, in der Realität aber nicht. Die Schwarzen müssen so wachsam sein, wie sie es immer waren.

Klingt verbittert.

Es ist die Realität. So sieht es aus.

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Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch schreiben über ihr Leben als Mann. Zum Beispiel darüber, warum Erwachsenwerden völlig sinnlos ist. Wie man Frauen mit selbst angebauten Kartoffeln verführt. Und warum das alles irgendwie zusammenhängt.

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Malte Welding beantwortet jede Woche eine Beziehungsfrage. Ein ausgebildeter Experte ist er nicht, aber mit der Liebe ist es wie mit Fußball: Da können auch nur die richtig tippen, die keine Ahnung haben.

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