05.11.2011

Kambodscha: Die Geschichte einer Näherin

Von Susanne Lenz

Es ist kurz nach halb zwölf Uhr mittags in der Stadt Kampong Chhnang. Zwei Sicherheitskräfte von M & V in blauen Uniformen schieben das vielleicht fünfzehn Meter lange Metalltor beiseite. Es gibt nur diesen einen großen Zugang. Arbeiterinnen verlassen die Fabrik. Es sind Hunderte gleichzeitig, die hinaus auf die Straße kommen. Sie gehen langsam, niemand drängelt, sie sprechen, lachen. Eine Menschenmasse, ein Bild wie aus dem 19. Jahrhundert.

Zwanzig Minuten dauert es, bis der Strom dünner wird. Man sieht jetzt durch das Tor auf das Fabrikgelände. Lange, weiß getünchte Hallen mit blauen Wellblechdächern. Davor eine Grasfläche, ein paar Palmen. Im hellen Sonnenlicht ein freundlicher Anblick.

Chea Tob geht zu den Ständen an der Zufahrtsstraße. Essen wird hier verkauft, T-Shirts, Blusen, Telefonkarten. Auf einem Tisch liegen Plastiktüten, gefüllt mit Suppe, in der ein paar Stücke Karotte und Kohl schwimmen. Eine Tüte kostet 500 Riel, etwa 12 Cent. Am Nebentisch wird eine Handvoll gekochter Reis in Tüten für sieben Cent verkauft. Es gibt geröstete Erdnüsse, gekochte Maiskolben, kleine Kuchen. Chea Tob kauft zwei gegrillte Frösche. Sie kosten 1.000 Riel, einen Vierteldollar. Sie sagt, dass in dem gekauften Essen oft Sand ist. Dass die Verkäuferinnen das schlechteste Gemüse nehmen. "Das, was man den Schweinen gibt." Aber mittags hat sie keine Zeit zu kochen. Zu den Fröschen isst sie Reis, der vom Abendessen übrig geblieben ist.

Chea Tob wohnt nicht weit von hier. Sie muss nicht den Pausenraum in Anspruch nehmen, den die Fabrik den Arbeitern zur Verfügung stellt, ein vielleicht fünfzig Meter langer Raum an der Fabrikmauer, an dessen Längsseiten sich zwei schmale Betonbänke entlangziehen. Die schmale Bank ist schnell voll. Die jungen Frauen essen und schwatzen. Bald ist der Boden übersät von Plastiktüten und Essensresten, nach denen Hunde gierig schnappen. Läden am Straßenrand haben in ihren Hinterräumen große Bambuspritschen aufgestellt. Hier können sich Arbeiterinnen für einen halben Dollar im Monat in der Pause hinlegen. Die Pritschen sind alle belegt. Manche Frauen haben die Augen geschlossen. Manche unterhalten sich. Mit ihren bunten Kleidern und den Hüten sehen sie aus wie Strandgäste.

Manche Studien sagen, Bekleidungsindustrie reduziert Armut in Kambodscha

Es gibt Untersuchungen von Wirtschaftswissenschaftlern aus Japan, den USA und England, aus denen hervorgeht, dass die Bekleidungsindustrie in Kambodscha zur Reduzierung der Armut beiträgt. Die britische Ökonomin Joan Robinson schrieb vor fast einem halben Jahrhundert: "Das Elend, von Kapitalisten ausgebeutet zu werden, ist gar nichts gegen das Elend, überhaupt nicht ausgebeutet zu werden." Vielleicht wird der Zynismus, der in Robinsons Satz zu stecken scheint, unter dem Umstand der Armut zu einer Art Wahrheit.

Wie die meisten bei M &V hat auch Chea Tob keinen unbefristeten Vertrag. Mal wird sie für vier Monate angestellt, mal für sechs. Sie weiß nie, ob es weitergeht. Nach zwei Jahren ununterbrochen befristeter Verträge muss der Arbeitgeber laut Gesetz unbefristet anstellen. Doch bei M & V gibt es Arbeiterinnen, die seit zehn Jahren dort arbeiten und immer noch keinen unbefristeten Vertrag haben. Chea Tob sagt, dass sie vielleicht einen bekommen könne, wenn sie sehr lange, sehr gut arbeiten würde.

An einem Samstag nach der Arbeit geht sie zu einer Gewerkschaftsveranstaltung. Eine Kollegin hat sie dorthin geschickt. Chea Tob weiß nicht so recht, was ihr das bringen soll. Sie sagt, dass die Gewerkschaft immer wieder unbefristete Verträge für die Arbeiterinnen fordert, aber dass M & V nicht darauf reagiert. Sie sieht, dass die Gewerkschaft schwach ist und M & V stark. Wenn sie etwas sagen würde, dann beträfe es die monatliche Zulage von sieben Dollar für regelmäßiges Erscheinen am Arbeitsplatz. Wer zwei Tage hintereinander frei nimmt, dem wird die Zulage gestrichen. Chea Tob verliert jedes Mal sieben Dollar, wenn sie nach Hause fährt.

Tob nimmt auf dem Boden eines Lagerraums voller Säcke mit Knoblauch Platz, zusammen mit 60 anderen. "Niemand kann euch zu Überstunden zwingen", sagt die Gewerkschafterin. Als sie fragt, wer von den Anwesenden in Ohnmacht gefallen sei, hebt Chea Tob die Hand. Zwei andere auch. Dann macht die Frau von der Gewerkschaft ein Ratespiel, bei dem man Seife gewinnen kann.

Nach der Gewerkschaftsveranstaltung kauft Chea Tob ein Bündel Wasserspinat für das Abendessen. Der Weg zu ihrer Unterkunft ist ein Pfad, der jetzt in der Regenzeit schlammig ist. Er führt an der Fabrikmauer entlang. Wenn die Mauer zu Ende ist, wird es ganz dunkel. Eine langgezogene gelbe Baracke steht auf einem mit Gras bewachsenen Grundstück. Hier ist das Zimmer, das jetzt Chea Tobs Zuhause ist.

Fabrik spielt Musik, damit Näherinnen nicht in Ohnmacht fallen

Wenn man die Tür aufmacht, fällt man fast auf die Bambuspritsche, vielleicht zwei mal zwei Meter groß. Sie füllt das Zimmer fast ganz aus. Zu viert schlafen sie hier. Sie teilen sich die zwanzig Dollar Miete.

Neben der Pritsche ist an zwei Seiten ein halber Meter Platz. An einer Bambusstange hängen Hosen und T-Shirts. Unter dem Bett stehen Kochtöpfe. Eine Flasche Haarshampoo, Seife, Körperlotion liegen in einem kleinen Plastikkorb. Die Wände, die den Raum von den anderen Zimmern trennen, reichen nicht bis zur Decke. Unter dem Wellblechdach hängt eine Energiesparbirne. Wenn man von den Fahrten in ihr Dorf absieht, findet in diesem Raum und der Fabrik Chea Tobs ganzes Leben statt.

Chea Tob schlingt ihren Fabrikausweis um das Gitter des einzigen Fensters. Ihr weißes T-Shirt und die Jeans tauscht sie gegen einen gelben Schlafanzug mit weißen Katzengesichtern. Wie ein müdes Kind sieht sie jetzt aus.

Die Küche hat ein Dach aus Palmblättern, an einer Seite hängt eine Neonröhre, in vier Reihen stehen kleine tönerne Herde. Chea Tob nimmt etwas Papier, ein paar Holzscheite und macht Feuer. Sie putzt das Gemüse, eine ihrer Mitbewohnerinnen hackt Knoblauch, eine andere drückt Limonen aus und vermischt den Saft mit Salz. In einem Topf kocht Reis. Die Grillen sind laut, Frösche quaken. Am Himmel steht ein Halbmond. Die jungen Frauen sprechen leise miteinander. "Hast du schon etwas zu tun?" - "Nein? Dann brate diesen Fisch." - "Wir essen jeden Tag Eier, deshalb sehen unsere Gesichter schon wie Eier aus." Sie lachen. Es ist die schönste Zeit ihres Tages.

In kleinen Schüsseln kommt das Essen auf den Tisch. Es ist eine Bambuspritsche, die vor der Baracke steht. Zu acht sitzen sie dort und teilen ihr Essen. Um neun Uhr ist Schlafenszeit. Manchmal wird es zehn, wenn die Vermieterin, die auch in der Baracke wohnt, sie fernsehen lässt. Dann leihen sie sich eine DVD aus. Am liebsten sehen sie Filme, in denen es um Liebe geht.

Keine Hochzeit, keine Kinder, nur Arbeit in der Fabrik

Chea Tob sagt, dass sie nicht heiraten möchte und keine Kinder haben will. Sie muss ja in der Fabrik Geld verdienen, wie soll sie das machen mit Kindern? Wenn sie einen Wunsch frei hätte? "Genug Geld, genug Essen in der Familie. Das ist alles."

Aber vielleicht ist da doch mehr. Sie hat sich rötliche Strähnen in die Haare gemacht, die Fingernägel schwarz lackiert. Und in ihrem Zimmer hängt an der kahlen Wand neben der harten Pritsche ein einziges, aus einer Zeitung ausgeschnittenes Bild. Es zeigt ein Bett mit vielen Kissen, einer dicken Matratze und einem geblümten violetten Überwurf. Ein weiches Bett.

Bei H & M gibt es einen Bereich mit dem Namen "corporate responsibility", den man mit Firmenverantwortung übersetzen könnte. Dort kümmert man sich um die Qualität der Produkte, um Umweltstandards bei der Produktion und um die Arbeitsbedingungen bei den Zulieferern wie M & V. Nach den Ohnmachten hat H & M eine Untersuchung veranlasst. Die befragten Arbeiterinnen klagten über Kopfschmerzen, Schwindel, Angst, Ausschläge und Muskelkrämpfe. Als Ursachen werden Überarbeitung, schlechte Ernährung, die Hitze von teilweise über 35 Grad, der autoritäre Führungsstil in der Fabrik und Überstunden genannt, die durch die Angst vor dem Verlust der Arbeit erzwungen würden. Auch hätten die Arbeiter keine formale Möglichkeit, sich zu beschweren. Das Wohlergehen der Arbeiter sei H & M sehr wichtig, teilt die H & M-Pressestelle mit. Doch H & M sei nicht der einzige Käufer und müsse sich mit den anderen abstimmen. Wenn man das liest, bekommt man den Eindruck, dass sich nicht viel ändern wird für Chea Tob und ihre Kolleginnen.

Der Fabrik ist der Bericht von H & M zugesandt worden. Man erwarte nun einen Handlungsplan. M & V hat indessen schon eigene Maßnahmen getroffen. Es wird jetzt in der Fabrik Musik gespielt. Romantische Lieder, sagt Chea Tob. Kambodschanische Stücke. Ihnen sei gesagt worden, dass sie nicht in Panik geraten würden, wenn sie diese Musik hörten. Und dass die Ohmachten dann ausblieben.

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