05.11.2011

Kambodscha: Die Geschichte einer Näherin

Von Susanne Lenz
In Kambodscha arbeiten Näherinnen oft unter unmenschlichen Bedingungen. In überfüllten, stickigen Fabrikhallen fallen die Frauen während der Arbeit nicht selten in Ohnmacht.
In Kambodscha arbeiten Näherinnen oft unter unmenschlichen Bedingungen. In überfüllten, stickigen Fabrikhallen fallen die Frauen während der Arbeit nicht selten in Ohnmacht.
Foto: Reuters

In einer Fabrik in Kambodscha fertigt eine junge Frau Kleidung für H & M und Benetton. Es kommt vor, dass sie dabei das Bewusstsein verliert. Trotzdem ist sie zufrieden mit ihrem Job.

Es geschah gegen neun Uhr, an einem Donnerstagmorgen. Chea Tob war seit anderthalb Stunden bei der Arbeit. Sie saß an der Nähmaschine und nähte einen Ärmel an einen Pullover. Sie kann sich erinnern, dass es ein heller Pullover war. Ganz weich sei er gewesen. Ein Wollfusel habe sich gelöst und sei in ihre Nase geflogen. Das passiert oft. Sie bekommt dann nicht gut Luft. Plötzlich habe sie vier Kolleginnen ohnmächtig werden sehen. Nicht alle gleichzeitig. Erst sank eine auf ihrem Stuhl zusammen, dann die nächste. Es war wie eine Welle. Sie erreichte auch Tob. Ihr wurde schwarz vor Augen.

Als sie zu sich kam, lag sie vor dem Fabrikgebäude im Gras. Chea Tob weiß nicht, wie sie dorthin gekommen ist. Sie weiß nicht, wie lange die Ohnmacht gedauert hat. Vielleicht nur ein paar Minuten. Sie kam nicht ins Krankenhaus wie die ernsten Fälle. "Die, die lange nicht aufgewacht sind", wie Chea Tob es nennt. Sie ist einfach aufgestanden und nach Hause gegangen, niemand hat auf sie geachtet, am nächsten Morgen war sie wieder pünktlich an ihrem Arbeitsplatz.

Es verloren an diesem Tag Ende August fast zweihundert Arbeiterinnen der M & V Kleiderfabrik in der Provinz Kampong Chhnang in Kambodscha ihr Bewusstsein. Zwei Tage zuvor waren es schon einmal fast hundert gewesen. Kurz nach den Vorfällen gab das Arbeitsministerium eine Zahl für das vergangene Jahr heraus: In Kambodschas Kleiderfabriken gab es allein im Jahr 2010 1.500 Ohnmachten. Bei Chea Tob war es die dritte.

Es ist möglich, dass der helle Pullover, an dem Chea Tob an diesem Morgen arbeitete, für die schwedische Marke H & M bestimmt war. Das sagte jedenfalls ein Mitarbeiter der in Hongkong beheimateten Firma M & V kurz nach dem Vorfall der Zeitung Phnom Penh Post. Seinen Namen wollte er aber nicht nennen. Und heute gibt niemand in der Firma mehr Auskunft. Anrufe bleiben unbeantwortet. Man kann die Fabrik nicht besuchen.

Chea Tob kennt H & M nicht

Vielleicht war es auch kein Pullover für H & M, vielleicht sollte er für eine der anderen Marken sein, für die bei M & V produziert wird, für Kookai, Marks & Spencer oder Benetton. Chea Tob und ihre Kolleginnen wissen nicht, für wen sie nähen. Es gibt kein H & M-Geschäft in Kambodscha. Chea Tob kennt diese Kette nicht, die in Europa so beliebt ist, weil man dort modische Kleidung kaufen kann, die nicht viel kostet. Chea Tob trägt T-Shirts und Hosen, die keine Marke haben, genäht von Schneidern auf dem Markt oder am Straßenrand. Sie denkt nicht darüber nach, für wen die Kleidung bestimmt ist, die sie macht. Sie sagt, dass es in den Ländern kalt sein müsse. Sie nähe immer nur Pullover und Mäntel.

Chea Tob ist eine kleine, zierliche Frau mit einem breiten, hübschen Gesicht. Sie ist 23 Jahre alt, aber sie sieht aus wie ein Mädchen. Sie spricht leise und senkt oft die Augen. Sie ist schüchtern, aber einverstanden, von sich zu erzählen. Nur ihren richtigen Namen möchte sie nicht öffentlich preisgeben. Sie hat Angst, sie könnte ihren Arbeitsplatz verlieren.

Chea Tob ist das zehnte von zwölf Geschwistern. Die Eltern waren Bauern. Früher hat sie in der Landwirtschaft geholfen. Ihr Gesicht hellt sich auf, wenn sie erzählt, wie sie Vogelscheuchen für die Reisfelder gebaut hat und morgens sehr früh aufstand, um vor der Schule das Gemüse zu gießen. Sie sagt, dass sie sich auf den Feldern frei gefühlt habe. "In der Fabrik dürfen wir nicht miteinander sprechen."

Sieben Jahre lang ging Chea Tob in die Schule, sie hat keinen Abschluss, keine Ausbildung. "Wir sind arm", sagt sie. Als der Vater starb, landete die Verantwortung für die jüngeren Geschwister, den elternlosen Neffen und die Mutter bei Chea Tob. Die älteren Geschwister hatten selbst schon eigene Familien zu versorgen. Von einer anderen jungen Frau aus ihrem Dorf erfuhr sie von M & V. Sie fuhr hin und wurde eingestellt. Nur ihren Ausweis musste sie vorlegen, als Beweis, dass sie schon über 18 ist. Sie war 21.

61 Dollar Grundgehalt im Monat

Chea Tobs Grundgehalt liegt bei 61 Dollar im Monat. Die Arbeitswoche hat regulär sechs Tage, 48 Stunden, das macht einen Stundenlohn von 31,7 Dollarcent. Jeden Monat gibt sie ihrer Familie 30 oder 40 Dollar. 30 oder 35 Dollar behält sie für sich selbst. Das ist auch in Kambodscha sehr wenig Geld. Ein Kilogramm Reis kostet einen dreiviertel Dollar, zehn Eier fast eineinhalb Dollar. Tob hungert nicht, aber sie kann sich nicht gut ernähren. Obst oder Fleisch kauft sie fast nie.

In Kambodscha gibt es rund 300 Kleiderfabriken, etwa 350.000 Menschen arbeiten dort, meist junge, ungelernte Frauen vom Land. Wie Chea Tob. Manche ihrer Kolleginnen haben den Dorfvorsteher bestochen, das Geburtsdatum in ihrem Ausweis zu fälschen, damit sie schon mit 15 oder 16 arbeiten konnten. Oder sie haben den Ausweis einer älteren Schwester benutzt. Die Arbeit bei M & V ist begehrt.

70 Kleidungsstücke sind Chea Tobs tägliches Soll, 140 Ärmel, die sie annähen muss. Sie sagt, dass es schwer sei, dieses Soll zu erfüllen, aber dass denen, die es nicht schaffen, die Kündigung drohe. Sie macht jeden Tag mindestens drei Überstunden, arbeitet an sechs Tagen in der Woche elfeinhalb Stunden, dazu fast jeden Sonntag, um mehr zu verdienen. In der Halle fünf, in der sie arbeitet, sei es heiß. Und ihr werde noch heißer, wenn so ein schwerer Mantel auf ihren Knien liege, während sie daran nähe. Sie sagt, dass es keine Ventilatoren gebe. Und dass gegen die Mäuseplage in der Fabrik mit Gift vorgegangen werde. Tob erzählt all das nicht von sich aus. Sie antwortet auf Fragen. Es kommt ihr nicht in den Sinn zu beschreiben, wie schlecht sie es hat. Sie rebelliert nicht. Das Wichtigste ist, dass sie in der Fabrik Geld verdient. Deshalb ist es eine gute Arbeit. Und die Ohnmachten? "Ich bin schwach", sagt sie. "Und ich habe solche Angst bekommen, als die Kolleginnen umgefallen sind." Sie sucht die Gründe bei sich. Sie denkt, sie müsse nur stärker werden, furchtloser, dann werde alles gut.

Kurz nach den Ohnmachten bei M & V hat die Regierung eine Untersuchungskommission gebildet. Ihr gehörten Beamte der Ministerien für Arbeit, Industrie und Umwelt an, ein Arzt sowie Mitglieder der Gewerkschaften und der Provinzregierung. In ihrem Abschlussbericht steht, dass es viele Gründe gibt. In den Werkhallen seien zu viele Arbeiterinnen untergebracht, manche hätten einen unangenehmen Geruch wahrgenommen, bevor sie umgekippt seien, sagen die Gewerkschafter. Der Arzt und die Regierungsbeamten sagen, dass die Ohnmachten auch psychologisch begründet seien. Die Arbeiterinnen seien in Panik geraten. Einig waren sich alle darin, dass die Frauen sich schlecht ernähren und zu viele Überstunden machen, die Gewerkschaft sprach von erzwungenen Überstunden. Um mehr Geld zu verdienen, würden die Frauen nicht auf ihre Gesundheit achten.

Manche Kolleginnen arbeiten bis 11 Uhr nachts

Sie habe Glück, sagt Chea Tob. Ihr Leiter zwinge sie nicht zu Überstunden. Sie arbeite nie bis elf Uhr nachts, wie manche der Kolleginnen. Sie mache auch keine Nachtschichten. Alles sei freiwillig. Sie lächelt und sagt immer wieder, dass sie sehr froh sei, in der Fabrik arbeiten zu können. Froh, weil sie so ihrer Familie helfen könne.

Das Dorf, in dem Chea Tobs Familie wohnt, liegt eine gute Stunde von der Fabrik entfernt. Auf halber Strecke biegt der kleine Bus von der asphaltierten Straße in einen unbefestigten Weg voller Schlaglöcher ein. Die Stromleitung macht diese Kurve nicht mit. Sie führt weiter gerade aus. Der Wagen hält vor einer Hütte auf Stelzen, ein Bretterboden, Dach und Wände aus Palmblättern, dahinter Felder. Es ist die ärmste Art der Behausung in den Dörfern Kambodschas. Es ist Tobs Elternhaus.

Eine kleine Frau in traditioneller Bluse und langem Rock kommt Tob entgegen, ihre Mutter. Sie wirkt älter als 61. Sie hat ihr Leben lang auf dem Feld gearbeitet und zwölf Kinder großgezogen. Keine Umarmung, keine Berührung, kein Wort. Beide lächeln. Tob legt ihre Tasche auf die Bambuspritsche vor dem Haus, sie nimmt Reis aus einem Plastiksack und wäscht ihn. Dann macht sie Feuer. Sie fügt sich ein, als sei sie nie weg gewesen.

Als es um sechs dunkel wird, schließt Makara, Tobs kleine Schwester, eine Neonröhre an eine Batterie an. Makara lacht viel, sie ist lebendiger als Tob, übermütig. Eine Stunde gibt es jetzt noch Licht. Es ist acht Uhr, als alle sich nebeneinander auf die Matte unter dem einzigen Moskitonetz legen. Die Matte ist vielleicht zweieinhalb Meter lang, nicht gepolstert, geflochten aus Kunststofffasern, made in Thailand. Für jeden gibt es ein kleines Kissen, eine Decke gibt es nicht. Umgezogen haben sich Tob und ihre Familie gleich nach dem Abendessen, nachdem sie sich an der Wasserpumpe vor dem Haus gewaschen haben. Nur Da, Tobs Bruder, hat seine zerrissene Hose anbehalten und ist in die Felder gegangen, um Fallen für Frösche aufzustellen. Tob, Makara und ihre Mutter unterhalten sich noch. Makara sagt, dass jemand sie heiraten wolle, aber dass er kein Geld habe, die Hochzeit auszurichten. Tob und Makara kichern. Es ist nur ein Witz, der Traum eines jungen Mädchens. Dann sind nur noch die Grillen zu hören und das Rauschen der Palmblätter, durch die der Wind fährt. Mitten in der Nacht fängt die Mutter an, leise mit Tob zu sprechen. Tob macht die Taschenlampe an. Am Morgen sagt sie, dass ihre Mutter Bauchschmerzen hatte. Sie habe diese Schmerzen seit Jahren. Die Medizin kostet zehn Dollar im Monat. Die Tabletten hängen in einem Plastiksäckchen an einem buddhistischen Heiligenbild an der Hüttenwand.

In der Trockenzeit gibt es zum Reis nur Gemüse und Eier

Der Bruder kommt morgens mit einem Bambusbehälter voller brauner Frösche wieder. Normalerweise verkauft er sie, Frösche werden gern gegessen in Kambodscha. Aber heute isst die Familie sie selbst. Da hackt ihnen die Füße ab und häutet sie. Ein Schnitt, und er holt die Innereien heraus. Das Herz pocht noch eine Zeitlang. Die Mutter stampft Gewürze für das Curry in einem hölzernen Mörser. In der gelbgrünen Paste werden die Frösche gekocht. Die Mutter sagt, dass die Magenschmerzen nicht so stark sind, wenn sie Fleisch isst. Am Vormittag gehen die Geschwister Fische in den Kanälen zwischen den Reisfeldern fangen. Tob und ihr Bruder schlagen mit Stöcken auf das Wasser, um die Fische ins Netz zu treiben. Das Wasser spritzt, Tob lacht. Im Netz sind viele Fische, die größten einen Finger lang. Da sagt, dass es in der Trockenzeit, die im Dezember beginnt, keine Fische gebe. Die Kanäle trocknen dann allmählich aus. Dann kommt die Zeit, in der sie zum Reis nur Gemüse und Eier essen.

Seit Generationen lebt Tobs Familie im Dorf. Sie haben Felder hier. Doch der Reis, den sie ernten, reicht nur für fünf oder sechs Monate. Sie brauchen Geld für Bratöl, Seife, ab und zu ein Kleidungsstück, sie müssen die Batterie aufladen, die das Licht gibt. Manchmal gehen Makara und Da in den Wald und holen Holz, das sie verkaufen. Die Mutter trägt ihr ganzes Geld in einem Beutel, den sie unter ihrem Rock verwahrt. Aber auch mit dem, was Tob verdient, ist oft nicht genug da.

Tob hat der Mutter ihre Ohnmachten verschwiegen. Doch eine Frau aus dem Dorf, die auch bei M & V arbeitet, hat es ihr erzählt. Tobs Mutter sagt, dass sie nicht essen konnte, als sie von Tobs Ohnmacht erfahren hat. "Meine Tochter ist schwach und ängstigt sich leicht." Auch ihr kommt es nicht in den Sinn, die Fabrik verantwortlich zu machen und Tob von dort wegzuholen. Die Mutter sagt, dass sie hier morgens nur an den Morgen denken und Nachmittags an den Nachmittag.

Kampong Chhnang, das ist dünn besiedeltes, flaches Land. Es gibt nur eine Stadt, die auch Kampong Chhnang heißt, und Provinzhauptstadt ist. Die meisten Menschen leben in den Dörfern, zwischen Reisfeldern und Zuckerpalmen. Die Felder werden mithilfe von Wasserbüffeln bestellt. Kaum ein Bauer hat eine Pflügemaschine oder einen Traktor. In den meisten Dörfern gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser.

Vor zwei Jahren ist am nächsten Marktflecken, einer Ansammlung von flachen Häusern um einen überdachten Markt, im Auftrag der Provinzregierung eine Schule gebaut worden. Damals haben die Geschwister hier Steine geschleppt und fast zwei Dollar am Tag verdient. Aber die Schule ist längst fertig. Bezahlte regelmäßige Arbeit für Menschen, die nichts gelernt haben, ist schwer zu finden. Makara und Da sagen, dass sie am liebsten später auch bei M & V arbeiten würden. Sie sagen, dass sie keine Angst vor den Ohnmachten haben. "Ich bin stark", sagt Makara. "Und wenn ich meine Mutter vermisse, kann ich sie besuchen." Es ist nicht die Stadt, die sie lockt, die Unabhängigkeit. Sie würden gerne im Dorf bleiben, aber sie verdienen hier einfach nicht genug. Da sagt, dass es nicht genug Frösche zum Fangen gibt. Mindestens einmal in der Woche komme er mit leerem Behälter zurück. Wie sie sich ihr Leben vorstellen? Ob sie eine Familie haben wollen? Makara nickt heftig. Da sagt nur: "Wir sind arm." Und: "Ich werde bei M & V glücklich sein."

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