18.02.2012

Literatur: Ich war eben die kleine Schwester

Marion Brasch erzählt aus ihrer bewegten Familiengeschichte.
Marion Brasch erzählt aus ihrer bewegten Familiengeschichte.
Foto: Markus Wächter

Musische Mutter, strenger Vater, rebellische Brüder. Marion Brasch hat sich zu Hause oft unwichtig gefühlt. Nun erzählt sie in einem Roman ihre eigene Sicht auf ihre Familie. Darüber sprach sie mit Thomas Leinkauf und Rudolf Novotny.

Marion Brasch hat das Café Anita Wronski am Wasserturm in Prenzlauer Berg für das Gespräch ausgesucht. Wir sind etwas früher da und schauen dem Wirt zu, der die Sicherungsseile draußen an den Tischen entfernt und Wolldecken auf die Stühle legt. Es ist kalt, aber die Sonne scheint, und die Leute wollen draußen sitzen, heißen Tee trinken und auf den Turm schauen.

Wronski? Das sei eine der Geliebten des russischen Schriftstellers Boris Pasternak gewesen, sagt der Wirt. Wronski, Pasternak, Doktor Schiwago – kein schlechter Ort für unser Interview über eine bewegende Familiengeschichte. Leider soll der Name reine Erfindung sein. Marion Brasch kommt, wir gehen hinein ins Warme.

Frau Brasch, Sie haben ein Buch über Ihre Familie geschrieben und es „Ab jetzt ist Ruhe“ genannt. Wie kam’s zu dem Titel?

Wenn meine Mutter ins Kinderzimmer kam, um uns gute Nacht zu sagen, haben wir diese Worte immer abwechselnd gesagt. Das war ein Ritual.

Klingt nach einer glücklichen Kindheit.

Ja, ich hatte eine gute Kindheit und eine tolle Familie.

Sie nennen Sie im Untertitel des Buches fabelhaft.

Das Wort ist doppeldeutig, da liegt auch Ironie drin. Ich wollte Leichtigkeit in die Erzählung über meine Familie bringen.

Einer Familie, in der einer nach dem anderen tragisch starb.

Das war natürlich sehr schmerzhaft. Aber es gab ja auch Normalität, Alltag und Spaß, so, wie in vielen anderen Familien auch. Für mich hatte es nichts Tragisches, in dieser Familie groß zu werden. Es war meine Familie. Ich habe sie geliebt.

Es geht selten heiter zu in Ihrem Buch.

Finden Sie? Es gibt doch auch durchaus komische Szenen, oder? Wir haben uns als Familie nicht so ernst genommen, wie man vielleicht vermuten könnte. Mein mittlerer Bruder Klaus zum Beispiel war sehr lustig, ein Komödiant. Und auch meine Mutter hatte ihren, mitunter sehr schwarzen Humor, wahrscheinlich war er sehr wienerisch, sie kam ja von da. Sie hat oft gelitten, aber sie hat selbst diese Momente immer mit Sarkasmus begleitet. Als sie krank wurde, hat sie sogar ihren Krebs auf bizarre Weise kommentiert.

Was hat sie gesagt?

Guckt mich an, ich kann bald am Schönheitswettbewerb derer im Endstadium teilnehmen – das war der Galgenhumor meiner Mutter.

Hatte sie dunkle Seiten?

Ich vermute es. Sie ist ja nicht freiwillig in den Osten Deutschlands gekommen. In England, wohin sie als Jüdin geflüchtet war, lernte sie meinen Vater kennen. Nach dem Krieg ging er zurück nach Deutschland, um dort den Sozialismus aufzubauen, aber sie hat sich ein Jahr gesträubt, erst dann kam sie mit ihrem ersten Sohn Thomas nach. Ich glaube, sie hat viel Bitterkeit mit sich rumgeschleppt.

Die Brasch-Familie
Marion Braschs Eltern

Sie lernten sich im Londoner Exil kennen. Die Mutter, Gerda Brasch (1921–1975), floh als Jüdin aus Wien, der Vater, Horst Brasch, (1922–1989), ebenfalls Jude, gelangte als Betreuer eines Kindertransports nach England. Dort wurde 1945 Thomas, ihr erstes Kind geboren. 1946 zog die Familie nach Ost-Berlin. Gerda Brasch arbeitete als Journalistin, Horst Brasch wurde stellvertretender Kulturminister. Im Abstand von jeweils fünf Jahren kamen die Kinder Klaus, Peter und Marion zur Welt.

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