„Die ersten Seiten, dieser Geruch, das kann man kaum beschreiben.“ Thorsten Wiedau war jahrelang Deutschlands renommiertester Literaturkritiker – bei Amazon. Foto: BLZ/Paulus Ponizak
„Die ersten Seiten, dieser Geruch, das kann man kaum beschreiben.“ Thorsten Wiedau war jahrelang Deutschlands renommiertester Literaturkritiker – bei Amazon. Foto: BLZ/Paulus Ponizak
Lesefreunde, Schnorrer, Selbstdarsteller. Bei Amazon rezensieren Heerscharen von Hobbykritikern Literatur. Es geht nicht immer fein und fair zu in dieser Branche. Die Geschichte von einem, der ganz oben war - und ausstieg.
An einem Tag in diesem Januar trägt Thorsten Wiedau seine halbe Bibliothek auf einen Hamburger Flohmarkt. Romane, Krimis, Kochbücher, Reiseliteratur. Tausend Bücher verkauft er an diesem Tag. Es sind Rezensionsexemplare, die er von Verlagen bekommen hat. Wiedau war zehn Jahre lang Rezensent bei Amazon, hat in dieser Zeit 10.000 Bücher gelesen und 3468 Buchkritiken geschrieben.
Er hat sich zu einem der renommiertesten Rezensenten der Plattform hochgearbeitet, lag in der Klickliste auf Platz 2. Aber jetzt hat er genug. Genug von „persönlichen Beleidigungen“ und „Drohbriefen“, von „bösen Kommentaren“ und „Zänkereien“. Genug vom „Hauen und Stechen“ unter den Amazon-Konkurrenten. „Jetzt gibt es mich nicht mehr“, sagt Wiedau. „Sie führen ein Interview mit einem Toten.“
Abschied aus der Schlangengrube. Thorsten Wiedau vor seinem Haus in Nindorf, Schleswig-Holstein. Vor Kurzem hat er aufgehört, Internet-Rezensionen zu schreiben. Foto: BLZ/Paulus Ponizak
Abschied aus der Schlangengrube. Thorsten Wiedau vor seinem Haus in Nindorf, Schleswig-Holstein. Vor Kurzem hat er aufgehört, Internet-Rezensionen zu schreiben. Foto: BLZ/Paulus Ponizak
Thorsten Wiedau sitzt in einem Caféhaus in der Hamburger Innenstadt. An den dunklen Holzwänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos, die alle etwas mit Kaffee zu tun haben. Die Kellner tragen bestickte Schürzen. Man fühlt sich wie in einem Literatencafé des vorigen Jahrhunderts. Wiedau kommt oft hierher.
Er trägt ein schwarzes Cordjackett, Ziegenbart und eine blaue Krawatte, deren Muster mit dem seines weißen Hemdes harmoniert. Thorsten Wiedau winkt einen Kellner heran und bittet um eine Empfehlung. „Kenia Blue Mountain“, sagt der Mann mit der Schürze. Thorsten Wiedau nickt zufrieden. Dann fängt er an zu reden.
Wolfsfreunden zu empfehlen
Wiedau erzählt von der ersten Rezension, die er vor zehn Jahren, da war er 34, bei Amazon veröffentlichte. Das Buch hieß „Faszination Wolf“. Wiedau schrieb: „Das mir vorliegende Buch hat sich bereits beim ersten Aufschlagen als eine wunderbare Quelle von Geschichten, Fabeln und Sagen über den Wolf herausgestellt. Das Buch ist sehr ausgiebig mit gutem Bildmaterial und Zeichnungen versehen und besticht auch dadurch ...“ Sein Fazit: „Wolfsfreunden“ sei das Buch „sehr zu empfehlen“. Wiedau war einer der ersten dieser neuen Hobbykritiker, ein Pionier, einer, der rezensierte, was ihm gefiel. Die Gecko- Kinderzeitschrift („Die Geschichte warum es glatte oder gelockte Haare gibt ... anhand von glatten und gedrehten Nudeln zu erklären – sehr italienisch, sehr kreativ“), genauso wie ein Buch über Respekt am Arbeitsplatz („Ein gutes Buch zum Thema Respekt, welches ohne den erhobenen Zeigefinger auskommt ...“).
Ziemlich bald stellte sich heraus: Wiedau ist auch einer der fleißigsten Hobbykritiker. An manchen Tagen finden sich bei Amazon fast ein Dutzend Rezensionen die Thorsten Wiedau unter seinem Namen verfasst hat. Zum Beispiel am 23. März 2010: Eine Besprechung des Kinderbuchs „Die Burg“, eine Biografie des geschlechtsumgewandelten Sportlers Balian Buschbaum, eine Rezension zum Roman „Die japanische Verlobte“, eine zu einem Pasta-Kochbuch und noch sechs weitere. Zehn Rezensionen an einem Tag.
Und das, obwohl er noch „einen anderen Hochleistungsjob“ hat. Der Hobbykritiker ist im Hauptberuf Exportleiter für Nahrungsmittel. Bis zu 80 Stunden in der Woche arbeite er, sagt Wiedau. Das Lesen erledigt er im Flieger und in Hotels, wo immer sich Zeit findet. „In 45 Sekunden habe ich eine Seite durch, für die Rezension brauche ich noch einmal eine halbe Stunde.“ Er sei eben ein Büchernarr, sagt Wiedau. „Die ersten Seiten, dieser Geruch, das kann man kaum beschreiben.“ Wiedau lächelt. Es wird sein einziges Lächeln während des Gesprächs bleiben.
Hochamt der Hochkultur
„Bis vor drei, vier Jahren war es ein herzliches Miteinander unter uns Rezensenten“, sagt Wiedau. Ein neues Zeitalter schien angebrochen, in dem die professionelle Buchkritik von einem Heer fleißiger Internet-Hobbyrezensenten überflüssig gemacht wird. Literaturkritik war lange Zeit das Hochamt der Hochkultur, seit jeher Privileg einer gebildeten Elite. Anfangs diskutierten Wissenschaftler in entsprechenden Magazinen wissenschaftliche Texte.
Später, als Lessing die moderne Literaturkritik begründet hatte, unterschied man zwischen Trivialliteratur und hoher Literatur. Und sogar als Kritiker wie Alfred Kerr begannen, Bücher in den aufkommenden Massenmedien zu rezensieren, blieb der Leser Publikum. Ein Publikum, das in die Millionen ging und trotzdem nur zuschauen durfte: Wie der Universalgelehrte Joachim Kaiser ein Buch im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung sezierte oder der Wüterich Marcel Reich-Ranicki den neuen Grass-Roman auf dem Spiegel-Titel zerfetzte.
Nicht einmal die Ausweitung der Kritik in das Populärmedium Fernsehen mit Sendungen wie „Das Literarische Quartett“ oder „Lesen!“ konnte an dieser Rollenverteilung etwas ändern. Prominenz und literarische Bildung waren die Eintrittskarten in das Reich der Kritik, die strikte Trennung zwischen Kritiker und Publikum ihr Charakteristikum. Es war eine Trennung, die der Kritik den Zauber des Unerreichbaren verlieh. Über Jahrhunderte.
Dann kam das Internet nach Deutschland. Und 1999 auch der Internetbuchhändler Amazon. Und mit ihm begann eine kleine Kulturrevolution. Plötzlich konnte jeder ein Kritiker sein.
Sterne statt vieler Worte
Thorsten Wiedau ist ein guter Gesprächspartner, um etwas über diese Revolution, über die neue Literaturkritik zu erfahren. „Ich maße mir nicht an, ein Feuilletonist zu sein“, sagt er, „aber im Internet will niemand verwissenschaftlichte Texte lesen. Da erwartet der Leser eine knackige Rezension, die klar sagt, ob das Buch gut ist oder Mist.“ Wiedau meint damit Rezensionen wie seine für die Freunde des Wolfs: klar und mit dreißig Zeilen auch knackig.
Amazon hat die klassische Literaturkritik durch ein simples Prinzip ersetzt: Jeder Amazon-Kunde kann Produkte mit bis zu fünf Sternen bewerten und eine „Kurzkritik“ zu diesen Produkten schreiben. Diese Kritik können andere Kunden entweder als „hilfreich“ oder als „nicht hilfreich“ beurteilen. Je mehr „hilfreich“-Klicks der Rezensent erhält, desto höher steigt er in der Amazon-Rezensentenrangliste. Wer es unter die ersten tausend Rezensenten schafft, wird zum „Top Rezensent“ ernannt. Wer unter den ersten zehn landet, wird in die „Hall of Fame“ aufgenommen.
#Umbr Rezensiert werden kann alles, von der Bohrmaschine bis zum Babystrampler. Amazon macht keinen Unterschied zwischen Produkten. Und kaum Vorschriften: Keine Schimpfworte dürfen verwendet werden, steht in den Richtlinien, und dass die Stücke im Idealfall zwischen 100 und 500 Wörter haben sollen.
Das Prinzip passt perfekt zur demokratischen Mitmachkultur des Internets. Einfache Verständlichkeit und ein messbarer Anreiz, kombiniert mit einem niedrigschwelligen Angebot, das auf möglichst breite Beteiligung setzt, auf Schwarmintelligenz statt auf Autorität. Mittlerweile, so schätzt Wiedau, liegt die Zahl der Amazon-Rezensenten bei mehreren Hunderttausend. Millionen von Kurzkritiken nehmen sich heute jedem nur erdenklichen Werk an.
Loben Thommy Jauds vom Feuilleton als Trivialliteratur verschmähten Bestseller „Vollidiot“ als „atemlosen, schnörkellosen Spaßroman“ und kippen unter Pseudonym Häme über hochgelobte Werke aus. Zum Beispiel über Jeffrey Eugenides’ Buch „Middlesex“, zu dem der Kunde „zetjot“ schreibt: „Große Worte, nichts dahinter!“ Oder über Günter Grass, dessen „Blechtrommel“ der Kunde Polygraph nur zwei Sterne gibt, mit der Begründung: „Es ist die Beliebigkeit, die Zusammenhanglosigkeit, die das letzte Viertel des Romans so unerträglich macht.“
Großschriftsteller abwatschen
Die Rezensionen sind mal gut und mal schlecht geschrieben. Aus ihnen spricht die Freude an der Selbstdarstellung, an der Möglichkeit, Großschriftsteller abzuwatschen, oder einfach am Lesen. Gemeinsam bilden sie eine Art Meinungsrauschen: groß, diffus und häufig sinnentleert. Trotzdem kann es sich heute kein Verlag mehr leisten, Amazon zu ignorieren. Seit Bücher verkauft werden, weiß niemand, warum das eine Werk zum Bestseller wird und das andere Altpapier. Ebenso wenig messbar ist der Effekt von Buchbesprechungen.
Doch die Unsicherheit führt nicht zu Zurückhaltung, sondern zu erhöhtem Einsatz, sobald sich eine Möglichkeit bietet, Literatur prominent vor großem Publikum zu platzieren. Wie bei Amazon. So wächst mit der Popularität der Plattform auch das Gewicht der Amazonkritiker.
Vor allem jüngere Schriftsteller schätzen die Rezensionen auf der Plattform. Else Buschheuer, Autorin von „Ruf!Mich!An!“, sagt, sie ziehe sie sogar den klassischen Rezensionen vor: „Weil jeder Feuilletonist ein verhinderter Schriftsteller ist, der ein gewisses Frustpotenzial, eine Art von Snobismus mitbringt, während der Leser jemand ist, an dem das Buch direkt wirkt. Er hat Gefühle, die nicht totreflektiert sind, und er teilt seinen Eindruck frei heraus mit.“
Thorsten Wiedau hat seinen Eindruck immer frei heraus mitgeteilt, nie einen gehässigen Kommentar geschrieben, nie ein Pseudonym benutzt. Die meisten seiner Rezensionen haben fünf Sterne und enden mit: Sehr empfehlenswert! „Ich habe fassungslose Ehrfurcht vor der Arbeitsleistung des Autors. Wer bin ich mit meinen Rezensionen? Ein Nichts! Ein Niemand!“
Angefangen auf Rang 1891
Als er bei Amazon seine ersten Rezensionen schreibt, muss er die Verlage für Leseexemplare noch selbst anschreiben, sich vorstellen, mit Lebenslauf. „Ich habe auf Rang 1891 angefangen“, sagt Wiedau, „als ich auf Rang zwei war, standen mir alle Türen offen. Ich bekam jedes Buch, das ich wollte. Privat hätten mich die 10000 Rezensionsexemplare fast so viel gekostet wie ein Haus. Ich wurde behandelt wie ein vollwertiger Journalist.“
Wiedau ist Gast auf Buchmessen, trifft Feuilletonisten und Verlagsmitarbeiter und darf 2006 sogar im Börsenblatt, der auflagenstärksten Zeitschrift der deutschen Buchbranche, als Sprachrohr für die Amazonkritiker auftreten. „Sigrid Löffler schrieb damals im Börsenblatt, dass alle Rezensionen auf Amazon Mist sind. Ich schrieb ihr daraufhin zurück, dass ich bei ihren Rezensionen einschlafe.“
Thorsten Wiedau sagt das so unaufgeregt, als würde er sich auf Augenhöhe befinden mit der renommierten Literaturkritikerin. Petra Baumann scheint ihm da recht zu geben. „Ich sehe keinen Grund, wieso wir mit Thorsten Wiedau anders umgehen sollten als mit einem richtigen Journalisten“, sagt die Mitarbeiterin des S.Fischer-Verlags.
Petra Baumann sitzt an einem schwarzen Tisch in einem Altbau in Berlin-Mitte, dessen Wände mit ebenso schwarzen Regalen zugestellt sind. Die Regale sind voller Bücher. Die Wände sehr hoch. Baumann ist zuständig für „Pressearbeit Gegenwartsliteratur“. Und damit auch für eine Handvoll Amazon-Kritiker.
Es geht um Popularität
Telefonisch und per Mail hält Baumann den Kontakt zu ihnen, macht Rezensionsvorschläge, lässt ihnen Verlagskataloge und -vorschauen zukommen und die gewünschten Bücher. „Unseren Autoren ist es natürlich wichtiger, was die Feuilletonisten schreiben. Aber man kann die Amazon-Kritiker nicht mehr außen vor lassen. Wir brauchen beide.“
Seit anderthalb Jahren arbeitet der Verlag mit den Hobbykritikern. Zunächst sei man die Rezensentenliste bei Amazon durch gegangen, erzählt Baumann. All jene Kritiker, die sich mit Büchern beschäftigten, wurden in einer Datenbank gesammelt. Wer dazugehört, kriegt bei Anfrage das gewünschte Buch zugeschickt. Dann beginnt das, was Baumann „Testphase“ nennt.
„Wir schauen uns an, ob das Buch rezensiert wurde. Ob die Rezension mehr ist als ein umgeschriebener Klappentext. Ob sie gut ist.“ Bei manchen sind die Rezensionen so gut, dass S.Fischer sie behandelt wie echte Journalisten. Petra Baumann klingt jetzt weniger wie eine Verlagsmitarbeiterin, sondern mehr wie die Moderatorin einer Castingshow. Nicht unpassend. Schließlich geht es auch bei Amazon vor allem um Popularität, um die Jungen.
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