18.02.2012

Rechtsextremismus: "Sein Land lieben, das darf man ja wohl"

Von Anne Lena Mösken
Iris Niemeyer in Rheine, wo sie in die CDU eintrat und später in die NPD.
Iris Niemeyer in Rheine, wo sie in die CDU eintrat und später in die NPD.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Ihr Großvater hat gegen die Nazis gekämpft, sie selbst war einmal links. Heute sucht Iris Niemeyer ihre politische Heimat bei der NPD und den Holocaustleugnern wie Horst Mahler. Die Geschichte einer Frau, die sich von der Gesellschaft missverstanden fühlt.

An einem Nachmittag im Januar, genau siebenundsechzig Jahre, nachdem die sowjetischen Truppen das Vernichtungslager Auschwitz befreiten, richtet sich Iris Niemeyer in einem schweren Polstersessel auf und sagt: „Warum darf nicht infrage gestellt werden, ob in Auschwitz überhaupt Juden umgekommen sind?“ Den ganzen Tag lang hat sie im Radio Ausschnitte von Marcel Reich-Ranickis Rede im Bundestag gehört und dabei ihr Baby gestillt. Der berühmte Literaturkritiker, der seine Jugend im Warschauer Ghetto verbrachte, dessen Eltern in den Gaskammern von Treblinka umgebracht wurden, ist die Spitzenmeldung in allen Nachrichten. Mit belegter Stimme spricht der alte Mann über seine Erlebnisse, zum Schluss sagt er: „Damals gab es nur ein Ziel, nur einen Zweck: den Tod.“

Iris Niemeyer ist eine kleine, schmale Frau, mit einem Gesicht, das alterslos wirkt, mädchenhaft und hart zugleich. Der Polstersessel verschluckt sie fast. Sie schaut aus dem Fenster ihres Wohnzimmers, auf die Klinkerbauten, die die leere Straße am Stadtrand von Rheine säumen, schaut auf heruntergelassene Rollläden und penibel gestutzte Hecken. Sie sagt, es gebe doch Beweise, dass in Auschwitz keine Juden vergast worden seien, eine wissenschaftliche Arbeit des Chemikers Germar Rudolf.

„Es lähmt unser Volk, dass wir nicht offen über den Holocaust reden dürfen"

Rudolf hat die Arbeit 1991 für einen alten Wehrmachtsgeneral verfasst, der sie, angeklagt wegen Volksverhetzung, in einem Gerichtsprozess zu seiner Entlastung verwenden wollte. Zwei amerikanische Wissenschaftler haben Rudolfs Thesen bis ins Detail widerlegt. Doch Iris Niemeyer scheint es gar nicht um historische Wahrheit zu gehen. Sie sagt: „Es lähmt unser Volk, dass wir nicht offen über den Holocaust reden dürfen. Warum gibt es in einer Demokratie Paragrafen, die das verbieten?“

Iris Niemeyer ist 37 Jahre alt, Sozialarbeiterin, Mutter eines vier Monate alten Sohnes. Ihr Großvater hat gegen die Nazis gekämpft. Als Schülerin hat sie begeistert die Manifeste der RAF gelesen, gegen Atomkraft protestiert und Geld für die Dritte Welt gesammelt. Nun, zwanzig Jahre später, hat sie einen Brief von der Staatsanwaltschaft in Münster bekommen: Ihr wird vorgeworfen, Symbole einer ehemaligen nationalsozialistischen Vereinigung verwendet zu haben. Sie soll zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufgestachelt haben. Sie soll den Holocaust geleugnet haben. Ihr Gesicht ist ungeschminkt, die Haut eher fahl als winterlich blass. Die schlaflosen Nächte mit ihrem Baby haben tiefe Ringe unter ihre Augen gezeichnet.

Eine nationale Sozialistin

„Früher habe ich immer gesagt, ich bin eine nationale Sozialistin“, sagt Iris Niemeyer. Nationale Sozialistin klingt fast wie Nationalsozialistin, aber dann doch ganz anders, findet sie. Sie mag das Wortspiel. Aber man müsse derzeit, da die Zeitungen täglich von den Morden eines Nationalsozialistischen Untergrunds berichten, vorsichtig sein. Deshalb sagt sie jetzt lieber: „Ich bin Patriotin. Sein Land lieben, das darf man ja wohl.“ Sie weiß, dass sie gerade eigentlich besser gar nichts sagen sollte, weil dieses Verfahren gegen sie läuft. Aber sie kann nicht anders. „Ich lasse mir keinen Maulkorb verpassen. Ich bin ein rebellischer Mensch, und konform gegangen mit der Gesellschaft und der Welt, das bin ich noch nie.“

In so einem Moment scheint noch immer das siebzehnjährige Mädchen im Sessel zu sitzen, das sich einst die Haare zu langen Dreadlocks filzte, weil es anders sein wollte. Und anders heißt im Norden Nordrhein-Westfalens, wo die Menschen seit Jahrzehnten treu die CDU wählen, links sein. Mit der Katholisch Studierenden Jugend, einer Gruppe linker Gymnasiasten, fährt sie zu Demos nach Lingen, wo auf einer Anhöhe die Kühltürme eines Atomkraftwerks in den Himmel ragen.

Apfelsinen-Verkauf für die Dritte Welt

Im Winter steht sie auf dem Weihnachtsmarkt und verkauft Apfelsinen für eine Mark das Stück. Das Geld spendet sie an die Dritte Welt. Sie kommt gut an bei ihren neuen Freunden. Manchmal erzählt sie von ihrem Großvater. „Opa war ein überzeugter Antifaschist.“ Im Krieg hatte er sich gegen die Nazis gewehrt, er verlor seine Zulassung als Arzt, wurde verhaftet. Viel mehr weiß sie nicht über ihn. Die Eltern werden einsilbig, wenn es um diese Vergangenheit geht. Der Großvater saß in der Justizvollzugsanstalt Münster in Haft, erzählt Iris Niemeyer, und ihr Vater musste mit fünfzehn die Schule abbrechen, musste arbeiten gehen, die Familie versorgen. Mühselig habe er sich erst nach Ende des Krieges ein eigenes Leben aufgebaut, studiert, als Verkaufsleiter einer Baumwollspinnerei gearbeitet, um nun Frau und Kinder zu ernähren.

Besser man behält seine Ansichten für sich, das sei die Lehre gewesen, die ihre Eltern aus dem Kampf des Großvaters zogen und ihrer Tochter mitgaben. Sie sind es, die Iris Niemeyer später warnen, als sie in die NPD eintritt: „Iris, pass auf, du bringst dich in große Schwierigkeiten.“ Seit der Brief von der Staatsanwaltschaft da ist, hoffen sie nur noch, dass sie ruhig bleibt, nicht mehr mit Journalisten spricht, nichts mehr im Internet schreibt.

Morphiumsüchtiger Großvater

Der Großvater starb, als sie elf Jahre alt war. Sie erinnert sich an sein Bücherzimmer mit den schweren Sesseln, in denen sie saß und zuhörte, wenn er vorlas. Schwierig war er zum Schluss, auch das weiß sie noch, morphiumsüchtig, weil er das Leben nicht mehr ertrug, ungehalten dann, als sie ihm die Medikamente wegnahmen. Iris Niemeyer macht eine Ausbildung zur Krankenschwester, arbeitet in einer Drogenberatungsstelle, ehe sie schließlich ein Studium an der Fachhochschule in Münster beginnt, soziale Arbeit und Pädagogik, ein Doppeldiplom. In einem Seminar geht es um die Bildungspolitik der Nachkriegszeit. Iris Niemeyer hört hier zum ersten Mal von der „Reeducation“, mit der die Alliierten die Deutschen, die zwei Weltkriege angefangen hatten, zu Demokraten machen wollten. „Mission civilatrice“ hieß es in der französischen Besatzungszone, „antifaschistisch-demokratische Umgestaltung“ in der sowjetischen.

Bei Iris Niemeyer bleibt hängen: Die haben uns umerzogen. Ich bin umerzogen. Und wenn ich umerzogen bin, wer bin ich dann eigentlich? Der Professor sagt, die Reeducation sei abgeschlossen. Iris Niemeyer glaubt ihm nicht, glaubt stattdessen, dass die Amerikaner noch immer Macht ausüben, durch die Medien, durch den Konsum. Die Deutschen sollen noch immer ruhiggestellt werden.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, wie aus Iris Niemeyer eine nationale Sozialistin wurde

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