31.12.2011

Rechtsextremismus: Uwe Mundlos und ich

Von Sabine Rennefanz
Jugendliche in Hoyerswerda, 1993
Jugendliche in Hoyerswerda, 1993
Foto: Zenit/Dietmar Gust
Berlin –  

Der Thüringer Neonazi war 16, als die DDR unterging. Genauso alt wie unsere Autorin. Eine Betrachtung über die Generation der Nachwendekinder und die neue Mauer in der Gesellschaft.

Es war an einem Abend im Dezember, ein paar Kollegen saßen zusammen in einem Lokal in Berlin-Kreuzberg, es gab Gänsebraten, Rotwein. Wir kamen auf die Mordserie der Neonazis aus Jena zu sprechen. Doch es ging nicht nur um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, die zehn Menschen getötet haben. Es ging sofort um viel mehr.

„Tja“, sagte ein Kollege, der beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet, „der Osten ist halt braun.“ Eine Kollegin von einer überregionalen Zeitung stimmte ihm zu. Sie hatte auch gleich eine Erklärung. Das liege an den Familien in der DDR, an dem staatsverordneten Antifaschismus, der mangelnden Kommunikation. „Die Menschen in der DDR haben sich doch nie mit der Nazizeit auseinandergesetzt, da wurde doch in den Familien nicht drüber geredet.“

Es fiel mir schwer, ruhig zuzuhören, mir war auf einmal heiß, mein Gesicht brannte. Ich kannte die Kollegen nicht so gut. Doch ich wusste, dass sie im Westen groß geworden sind. Ich fragte mich, woher sie wissen wollen, was in Familien in der DDR beredet wurde.

Mir fiel Günter Grass ein, der Nobelpreisträger, der als junger Mann in der Waffen-SS gewesen war. Darüber hat er doch auch erst vor wenigen Jahren gesprochen. Ich erwähnte das, aber die Kollegen wollten nicht über Grass reden. Sie tauschten Anekdoten über Ausflüge in die Umgebung von Berlin aus, die ja sehr schön sei, wenn nur nicht die Menschen wären.

Ich fühlte mich so wie Anfang der Neunzigerjahre, als ich in Hamburg lebte und nur ungern sagte, woher ich kam. Aus dem Osten zu sein, das bedeutete, das falsche Leben gelebt zu haben. Manchmal sagte ich es. „Du siehst gar nicht so aus“, hörte ich dann. Es war anerkennend gemeint, das machte den Satz noch schlimmer.

Die Mauer stand wieder

Ich saß in dieser Kneipe in Kreuzberg, und die Mauer stand wieder, als wäre die Einheit nicht passiert, als würde der Osten nicht dazugehören. Jetzt kommen sie wieder, die Artikel über die rote Diktatur, den Töpfchen-Terror in den Krippen, über die Berufstätigkeit der Mütter, die autoritäre Erziehung. Je länger die DDR zurückliegt, desto holzschnittartiger wird die Wahrnehmung.

Drei Wochen, nachdem Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 in einem Wohnwagen in Eisenach tot aufgefunden wurden, lese ich in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel unter der Überschrift „Das Gift der Diktatur“. Darin wird behauptet, die Terrorserie sei ein Rachefeldzug der postsozialistisch erzogenen Jugendlichen gegen die pluralistische Gesellschaft im Westen.

Der Terror der Zwickauer Zelle

Bildergalerie ( 31 Bilder )

Schon nach den ersten Sätzen fällt es mir schwer, weiterzulesen. Schuld seien die Eltern, so die These, weil sie den Kindern kein Mitgefühl und keine Emotionen vermittelt haben. „Wer diese Welt im Rückblick betrachtet, stößt bisweilen auf eine erstaunlich niedrige Betriebstemperatur bei der Aufzucht des Nachwuchses.“ Wieder so ein vernichtender Satz. Er klingt so eisig.

Ähnlich klingt das bei Klaus Schroeder, einem Historiker und Politikwissenschaftler, der an der FU Berlin lehrt. „Verwahrlosung, höhere Gewaltbereitschaft und fremdenfeindliche Einstellungen waren schon im Kern vor 1989 in der DDR stärker ausgeprägt als in der Bundesrepublik“, schreibt er in einem Beitrag für den Tagesspiegel. Er führt das Neonazi-Potenzial auf die Vollerwerbstätigkeit der Mütter und die Einbindung in „staatliche Institutionen“ zurück. Staatliche Institutionen, das klingt, als wären Kinderkrippen Gefängnisse gewesen. Ausbildungslager für kleine Neonazis. Das Tora-Bora des Ostens.

Als kürzlich die Bilder aus Nordkorea nach dem Tod von Kim Jong Il gesendet wurden und die Menschen dort demonstrativ weinten, stellte ich mir vor, dass die Westdeutschen wahrscheinlich denken, dass die DDR auch so war, dass wir auf Befehl weinen mussten, als Walter Ulbricht starb.

Aufgewärmte Klischees

Es wird selten genau hingeschaut, lieber werden Klischees aufgewärmt. In einem ZDF-Fernsehbericht fährt der Schriftsteller Steven Uhly mit dem Zug von München nach Jena. Nach fünf Stunden verlässt er die „Angstzone Ost“, so der Text aus dem Off. In einem Artikel der taz, in dem darüber geschrieben wurde, dass das Jenaer Trio auch im Westen Unterstützer hatte, ist von westdeutschen und ostdeutschen Nazis die Rede, als ob es einen großen Unterschied gäbe.

Eine Zeit lang gab es die neuen Länder, jetzt gibt es nur noch Ostdeutschland, und dieses Land ist für viele Westdeutsche ein fremder Planet. Was ist dieses Ostdeutschland? Was ist seine Sprache? Hat es eine eigene Nationalhymne, ein eigenes Fußballteam? Ist es ein Krisengebiet, wie Spiegel Online kürzlich titelte?

Ostdeutscher zu sein ist ein Label, das an einem klebt, das man nicht los wird, selbst wenn man sich bemüht. Man ist immer Ostdeutscher, auch wenn man nach Hannover zieht, wie einer der Unterstützer der Nationalsozialistischen Union von Uwe Mundlos. Er ist vor vielen Jahren aus Jena in den Westen gezogen, bleibt in den Medien aber der „ostdeutsche Neonazi“.

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