31.12.2011

Rechtsextremismus: Uwe Mundlos und ich

Von Sabine Rennefanz
Jugendliche in Berlin-Kreuzberg, 1994
Jugendliche in Berlin-Kreuzberg, 1994
Foto: Lichtblick/Detlev Konnerth

Christa Wolf ist auch immer die Ostdeutsche geblieben. In einem Nachruf im Spiegel wird sie als „DDR-Repräsentantin“ beschrieben, um literarische oder gesellschaftliche Relevanz für das vereinte Deutschland geht es nicht, stattdessen wird ihr Tod genutzt, daran zu erinnern, wie das Blatt im Jahr 1993 Wolfs kurze Stasi-Tätigkeit Ende der Fünfzigerjahre dokumentierte. Die Stasi, das ist das, was bleibt.

Selbst wenn man deutsche Bundeskanzlerin wird, bleibt das Label. Wenn Angela Merkel was falsch macht, wenn sie zögert, Risiken scheut, dann ist sie ganz schnell wieder die angepasste Ostdeutsche.
Es ist immer der gleiche Reflex: Sobald ein Problem in Ostdeutschland auftritt, wird es zu einem „ostdeutschen“ Thema. Man stelle sich das umgekehrt vor: Die großen Kindesmissbrauchsskandale wurden in Hessen und in West-Berlin aufgedeckt Trotzdem gilt die Pädophilie nicht als westdeutsche Spezialität.

Der Ostdeutsche wird zum Fremden gemacht, genauso wie der Türke. Beide machen den Westdeutschen nur Ärger, stören die Idylle. Der Ostler verprügelt Türken, und der Türke verprügelt seine Frau und seine Töchter. Merkwürdigerweise gibt es keine Solidarität unter Migranten und Ostlern, nur Eifersucht. Im Maxim-Gorki-Theater schimpfte im vergangenen Jahr die Schauspielerin Pegah Ferydoni über die „Millionen schlecht integrierten Ossis“. Die Westdeutschen schauen amüsiert aus der Distanz zu. Sie müssen nicht über sich selbst nachdenken.

Treue auf die DDR geschworen

Uwe Mundlos war 16, als die Mauer fiel. Er war 18, als er seine Lehrstelle zum Datenverarbeitungskaufmann beim Optikunternehmen Carl Zeiss verlor. Das erzählt sein Vater im Spiegel. Danach hat Uwe Mundlos 21 Jahre im vereinigten Deutschland gelebt. Wie ist er zu dem Menschen geworden, der mutmaßlich an der Erschießung von zehn Menschen beteiligt war? Was machte ihn zum kaltblütigen Nazi? War es die DDR? War es die Nachwendezeit? Warum spricht niemand darüber?

Ich war 15, als die Mauer fiel, fast genauso alt wie Uwe Mundlos. Als Mundlos seine Lehrstelle verliert, sich die langen Haare abschneidet und Springerstiefel anzieht, gehe ich zur Schule in Eisenhüttenstadt. Wir sind die Generation, die mitten in der Pubertät zwischen zwei Staaten hängt.

Ein Jahr zuvor bei der Jugendweihe hatte ich noch Treue auf die DDR geschworen, halbherzig. Es hatte Ärger mit der SED-Kreisleitung gegeben, weil ich in meiner Rede ein Zitat von Erich Kästner verwendet hatte. „Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist Mensch.“

Jetzt war die DDR weg. Es war kein perfektes Land, aber es war das einzige, das ich kannte. Wir hatten nun alle Freiheiten, doch was war das, Freiheit?
Ich habe bis zu meinem 18. Lebensjahr fast nur in Büchern gelebt, die meistens im 19. Jahrhundert spielten, im Lübeck der Buddenbrooks, im Paris von Maupassants Bel Ami, im London von Oliver Twist. Mann, Maupassant, Dickens, das waren meine Helden. Nicht unbedingt eine gute Vorbereitung auf das Deutschland von Helmut Kohl.

Immobilienmakler und amerikanische Mormonen

Im Supermarkt gab es Zott-Joghurt und Coca Cola, auf den Straßen fuhren Opels und BMWs zwischen den Trabis und Wartburgs. Sonst blieb alles beim Alten. Es gab eine große Leere. Im Frühjahr 1990 war der Staatsbürgerkundelehrer von einem Tag auf den anderen verschwunden. Ohne Erklärung. Staatsbürgerkunde hieß nun Politische Bildung, der neue Lehrer war der alte Deutschlehrer. Die Westler, die nach Eisenhüttenstadt kamen, waren Versicherungsvertreter, Immobilienmakler und amerikanische Mormonen, die durch die Straßen liefen und fremde Menschen ansprachen. Sonst kam niemand.

Die Familie war keine große Hilfe. Meine Eltern verloren ihre Arbeit, sie hatten mit sich zu tun. Sie waren keine SED-Mitglieder, aber auch keine Dissidenten gewesen. Sie hatten versucht, ein anständiges Leben zu leben. Sie wussten auch nicht, wie es weitergeht. Sie hatten keine Freunde bei einflussreichen Stellen. Sie hatten auch kein Geld, um mir mein Studium zu finanzieren. Bafög kannten sie nicht. Die Anträge mit den vielen Seiten machten ihnen Angst.

1994 ist das Jahr, als Uwe Mundlos sich langsam von der Familie löst. Mit Kameraden organisiert er in Chemnitz ein Treffen zum Todestag von Rudolf Hess, dem Stellvertreter von Hitler. Die Stadt hatte ein Veranstaltungsverbot erlassen, Uwe Mundlos wird festgenommen. Die Kriminalpolizei klingelt bei seinen Eltern. Sein Vater sucht ihm eine Wohnung im Dorf. Er habe gehofft, dass sein Sohn dort zur Besinnung käme, sagt er im Spiegel.

Kein Sex vor der Ehe

Im selben Jahr driftete ich ab. Ich war nach Hamburg zum Studieren gezogen. Ich kannte niemanden. Ich zog in eine WG mit einer Frau. Sie war ein paar Jahre älter, eloquent, selbstbewusst, eine Modedesignerin. Ihr Freund war Polizist, sie hatten sich in Südafrika auf einem Missionseinsatz kennengelernt, sie wollten im Sommer heiraten. Sie waren ein schönes Paar, sie sahen aus wie Schauspieler.

Sie nahm mich mit in eine Kirchengemeinde, die so ganz anders war als das, was ich aus der DDR kannte. Es gab viele junge Leute, die Musik wurde mit Gitarre und Bass gespielt, zum Singen hoben alle die Hände, von der Predigt waren einige so gerührt, dass sie umfielen. Es war Action, große Emotionen. Ich blieb. Und kam wieder. Ich ließ mich taufen, ich organisierte Jugendgottesdienste.

Und auf einmal hatte ich eine Heimat. Ich lehnte Sex vor der Ehe ab, fand praktizierte Homosexualität Sünde und hatte fast nur Freunde, die auch so dachten. Mit einem Mann zusammen zu sein, der kein bibeltreuer Christ war, das war nicht erlaubt. Manchmal zweifelte ich. Aber dann sah ich meine Mitbewohnerin und ihren Freund, die beiden waren so stark und erfolgreich, Westler noch dazu, es konnte gar nicht falsch sein.

Was hat das alles mit Uwe Mundlos zu tun? Nichts, auf den ersten Blick. Aber wir hatten die Sehnsucht nach Radikalität gemeinsam, nach einem klaren Weltbild. Wer sich als Jugendlicher in der Nachwendezeit abgrenzen wollte, hatte es nicht so leicht, eine Protestkultur zu finden. Links wie die Westkinder konnte man nicht werden. Die sozialistischen Floskeln, das große Pathos hatten mich schon in der DDR gestört.

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