04.02.2012

Sie werden platziert: Im Renger-Patzsch

Von Renate Rauch
Die Adresse des Restaurants: Wartburgstr. 54, Schöneberg, Telefon: 784 20. Die Öffnungszeiten: täglich ab 18 Uhr, Kreditkarten: EC
Die Adresse des Restaurants: Wartburgstr. 54, Schöneberg, Telefon: 784 20. Die Öffnungszeiten: täglich ab 18 Uhr, Kreditkarten: EC
Foto: Markus Wächter
Berlin –  

Elsässische Nationalspeisen wie Flammkuchen und Sauerkraut gibt es im Renger-Patzsch. Außer einiger französischer Produkte wird vor allem auf Zutaten aus der Region zurückgegriffen.

Als wenn die Mauer nie gefallen wäre, als wenn die Zeit stillgestanden hätte, so sieht das aus. Hier sitzt im trauten Einvernehmen das alte West-Berlin. Natürlich ist das ein ganz oberflächlicher Eindruck. Natürlich stellt sich das nur jemand vor, der nicht dabei war damals. Natürlich stimmt es nicht.

Der "Storch" war eine Legende in West-Berlin, aber 2007 segnete er das Zeitliche, nach 22 Jahren musste er in die Insolvenz. Das Ende war der Anfang von noch mehr Legende, die sich nun in diesem Gasthaus ballt. Der Name des neuen Wirts vom alten Storch, Oliver Schupp, ist verbunden mit dem legendären Kreuzberger Würgeengel, der seines Mitstreiters Hannes Behrmann mit dem legendären Cochon Bourgeois. Dazu kommt der legendäre Albert Renger-Patzsch, dessen Name für die Neue Sachlichkeit in der Fotografie steht. Landschaftsfotos hängen an den Wänden des Gasthauses. Schupps Großvater, Freund des Fotografen, hatte sie dem Enkel vererbt. So viel Legende war nie. Ansonsten blieb das meiste beim Alten, angeblich.

Es blieben die elsässischen Nationalspeisen aus dem alten Storch, der ja der Wappenvogel des Elsass ist, die Flammkuchen und das Sauerkraut. Das Kraut gibt es mit Blutwurst als Vorspeise (8,50 Euro) oder mit Geräuchertem und Geselchtem vom Schwein zum Sattessen (16 Euro). Die Blutwurst und das Sauerkraut sind französisch, ansonsten wird verstärkt auf Produkte der Region zurückgegriffen. Schäufele (fränkisch für Schweineschulter), Kassler und Eisbein waren jedenfalls sehr saftig. Was das legendäre elsässische Sauerkraut betrifft, so muss hier aber endlich einmal eine lokalpatriotische Lanze für das Sauerkraut aus der Lausitz gebrochen werden, das im Wettbewerb mühelos mithalten könnte, nur ist es leider nie berühmt geworden.

Kürbissalat in exakten Würfelchen

Man sitzt eng beieinander an quadratischen Zweiertischen mit hellen weichen Ahornholzplatten, und es war ganz schön, als am Nachbartisch endlich die zweite Hälfte des Männerduos auftauchte und sich in tiefenpsychologischen Gesprächsstoff versenkte, denn ein stummer Nachbar wird unweigerlich zum Zuhörer gemacht. Der größere, vordere Teil des Gasthauses wird stark von den Flammkuchenessern frequentiert, es gibt die dünnen Teigplatten mit Speck und Zwiebeln, mit Lauch, Walnüssen und verschiedenen Käsen, mit Kartoffeln, Kümmel, Kapern und sogar süß, mit Äpfeln, Calvados, Zimt und Zucker. Sie kosten zwischen 7,80 und 9,50 Euro.

Ausführlich gespeist wurde im Nebenraum an weiß gedeckten Tischen. Wir erfreuten uns dennoch steif gestärkter Stoffservietten auf unserem nackten Holztisch und wählten passend dazu ein Menü. Man hat die Wahl zwischen vegetarisch und fleischlich, auf der Karte überwiegt eindeutig das Fleisch, Ochsenbacken, Kaninchen, Lammkeule, gerne mit einer schönen Sauce, von der Stammkunden schwärmen.

Der kalte Kalbstafelspitz aus dem Menü war mit Kürbissalat und Kürbiskernmayo angerichtet, das Fleisch zerging auf der Zunge, der Kürbissalat kam in exakten Würfelchen, weder halbroh noch das kleinste bisschen zu weich. Das so hinzukriegen, bedarf äußerst präziser Arbeit in der Küche. Auch die Entenbrust war auf den Punkt gebraten, dunkelrosa, gekrönt von einer Scheibe krossen Speck, derer es nicht unbedingt bedurft hätte. In die sanfte Milde von Linsen und Spätzle waren ein, zwei Pfefferkörner geraten, die sich als Linsen getarnt hatten. Zufall oder Absicht, ihre plötzliche Schärfe war eine echte Überraschung auf der Zunge.

Das dreigängige Menü – als Dessert gab es geeistes Griesflammerie mit Pflaumen, ist mit 28 Euro ohne Wein (36 Euro mit zweimal 0,1 l Wein) nicht überbezahlt, gemessen an der Qualität und Sorgfalt, mit der hier gekocht wird. Nichts schmeckt warmgehalten oder aufgewärmt, nicht einmal die Selleriesuppe. Vielleicht ist das eine Besonderheit, die das alte West-Berlin bewahrt hat, gerade wenn man in den Osten der Stadt blickt, wo sich mancherorts die Ambitionen vor allem in den Preisen ausdrücken. Vor Kurzem wurde das Renger-Patzsch vom Michelin mit dem "Bib Gourmand" ausgezeichnet. Den gibt es genau für diese Eigenschaften: Bezahlbar und gut.

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