11.02.2012

Steuerbetrugsskandal: Heinrich Kieber hat die Welt verändert

Von Andreas Förster
Heinrich Kieber 1991 auf großer Tour. Das Foto ist aus dem vergnüglichen Film Heinrich Kieber - Datendieb von Sebastian Frommelt und Sigvard Wohlwend. Er ist zu haben bei amazon.de.
Heinrich Kieber 1991 auf großer Tour. Das Foto ist aus dem vergnüglichen Film "Heinrich Kieber - Datendieb" von Sebastian Frommelt und Sigvard Wohlwend. Er ist zu haben bei amazon.de.
Foto: autoren.tv

Ein notorischer Kleinkrimineller verkauft Liechtensteiner Bankdaten an den BND und kassiert dafür Millionen. Er beschert Deutschland den größten Steuerbetrugsskandal der Nachkriegsgeschichte und bringt ein ganzes System zum Einsturz.

Es ist Valentinstag. Heinrich Kieber, 42 Jahre alt, sitzt am 14. Februar 2008 zur Mittagsstunde in einem gut klimatisierten Café irgendwo in Australien. Mittags gegen ein Uhr geht hier bei mehr als 30 Grad im Schatten nur auf die Straße, wer es unbedingt muss. Von solchen Temperaturen kann das ZDF-Reporterteam nur träumen, das zur selben Zeit in einem Auto im Kölner Nobelviertel Marienburg hockt. In Deutschland ist es fünf Uhr morgens. Was keiner der Reporter ahnt: Heinrich Kieber, der auf der anderen Seite der Welt gerade der Hitze flieht, ist der Grund dafür, dass sie sich diesen neblig-kalten Morgen um die Ohren schlagen müssen.

Zwei Stunden später, in Köln ist es inzwischen kurz nach sieben Uhr, hat die Warterei ein Ende. Mehrere Fahrzeuge fahren plötzlich in Marienburg vor. Etwa ein Dutzend Personen gehen zu einer Villa in der Mehlemer Straße und klingeln dort. Eilig holen die Reporter ihre Kamera heraus und filmen die Szene, die schon bald als Endlosschleife über die Fernsehschirme laufen und die Republik erbeben lassen wird. Denn der Mann, der auf das Klingeln hin öffnet, ist Klaus Zumwinkel. Dem verdutzten Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post AG präsentiert die kleine Delegation einen Durchsuchungsbeschluss für sein Privathaus. Der Grund: Verdacht auf Steuerhinterziehung in Millionenhöhe über seine Stiftung Devotion Family Foundation in Liechtenstein.

Heinrich Kieber im fernen Australien kann kaum wissen, was sich da gerade in Köln abspielt. Aber geahnt haben dürfte er schon, dass in diesen Februartagen die Bombe platzen wird, deren Zündschnur er gelegt hatte. Denn Kieber war es gewesen, der digitalisierte Unterlagen aus einer Treuhandfirma der Liechtensteiner LGT-Bank angefertigt und an den deutschen Bundesnachrichtendienst verkauft hatte.

1.400 Steuerbetrüger fliegen auf

Das bescherte Deutschland im Februar 2008 den größten Steuerbetrugsfall der Nachkriegsgeschichte. Allein durch Kiebers Daten-DVDs fliegen 1.400 Steuerbetrüger auf, von denen der deutsche Fiskus in der Folgezeit rund 200 Millionen Euro an Nach- und Strafzahlungen kassieren wird. Mehr als zehntausend weitere wohlhabende Steuerflüchtlinge erstatten in den kommenden Monaten Selbstanzeigen, weil sie einer Enttarnung durch die Kieber-Daten und weitere, von Nachahmern aus anderen Banken verkaufte Unterlagen über Geheimkonten fürchten. Insgesamt erzielt die Bundesrepublik dadurch bis heute mehr als zwei Milliarden Euro Steuereinnahmen.

Und auch in anderen Ländern kommen die Steuerfahnder dank Kieber Betrügern auf die Spur, so in den USA, Dänemark, Spanien, Italien und Großbritannien. Der Skandal hat auch politische Folgen: Liechtenstein und die Schweiz müssen dem Ausland gegenüber Zugeständnisse in ihrer Steuerpolitik machen, was zu einer Aufweichung ihres bis dato als ehern geltenden Bankgeheimnisses führt und beiden Staaten erhebliche Verluste in der Finanzwirtschaft beschert.

Heinrich Kieber, von den einen als Whistleblower verehrt, von den anderen als Verräter und Krimineller geächtet, hat die Welt verändert. Er ist dabei aber auch – dank großzügiger Belohnungen aus den USA und Deutschland – zum mehrfachen Millionär geworden. Ein Millionär, der heute unter neuer Identität an einem geheimen Ort irgendwo zwischen Australien und den USA lebt.

Es mag Kieber schwerfallen, mit dem Coup seines Lebens nicht prahlen zu können. Denn von Kindesbeinen an war er jemand, der im Mittelpunkt stehen wollte und nach Selbstbestätigung suchte. Der am 30. März 1965 geborene Heinrich wächst mit seinen beiden Schwestern, einem zwei Jahre älteren Zwillingspaar, in Mauren auf, einem Liechtensteiner Dorf an der Grenze zu Österreich. Er ist noch keine zehn Jahre alt, da bricht die Familie auseinander. Die Mutter, eine Spanierin, geht in die Schweiz und lässt die Familie zurück. Der Vater findet eine neue Frau. Die Kinder leben fortan in Gamander, dem einzigen Kinderheim des Fürstentums.

Mit 16 schließt er die Schule ab und soll nun bei einer Pflegefamilie aufwachsen. Aber Kieber hat keine Lust darauf, er schnappt sich sein Mofa und tuckert damit über die Alpen nach Spanien. Dort erwischt ihn die Polizei beim Autoklau und übergibt den Jugendlichen an seine in Barcelona lebende Tante. Die ist Schwester Oberin in einem katholischen Frauenorden. Sie steckt Heinrich auf die teure Privatschule Escuela Suiza de Barcelona. Dort gibt er sich als Hilti Kieber aus, angeblicher Spross der milliardenschweren Liechtensteiner Industriellenfamilie Hilti.

Nach dem Unterricht kurvt er schon mal mit einem Rolls Royce durch die Stadt und gibt für seine Mitschüler Partys im Fünf-Sterne-Hotel Ritz. Anderthalb Jahre lebt er so in Barcelona, wohnt mal hier, mal dort, zieht mitunter wochenlang bei den wohlhabenden Familien seiner Mitschüler ein. Der Name Hilti öffnet ihm offensichtlich die Türen und wohl auch das eine oder andere Portemonnaie. Denn wer die Privatschule und seine Eskapaden in Barcelona finanziert hat, bleibt bis heute ein Rätsel. Der Schweizer Journalist Sigvard Wohlwend, der 2011 im Rotbuch Verlag eine akribisch recherchierte Biografie Kiebers ("Der Datendieb – Wie Heinrich Kieber den größten Steuerskandal aller Zeiten auslöste", 256 Seiten, 19,95 Euro) veröffentlichte, konnte darauf auch keine Antwort finden.

Kurz vor seinem 18. Geburtstag kehrt Heinrich Kieber nach Liechtenstein zurück. In Schaan absolviert er eine kaufmännische Lehre und fängt drei Jahre später bei Swissair am Flughafen Zürich an. Fünf Jahre lang bleibt er dort, dank der billigen Mitarbeiter-Tickets fliegt er viel in der Welt umher. Seine Kollegen, besonders die Frauen, sind fasziniert und irritiert zugleich von dem fröhlichen, intelligenten und charmanten jungen Mann, der vor Energie und Einfällen strotzt, aber auch aufbrausend und hinterlistig sein kann.

1 von 2
Nächste Seite »
Anzeige
Ratgeber

Malte Welding beantwortet jede Woche eine Beziehungsfrage. Ein ausgebildeter Experte ist er nicht, aber mit der Liebe ist es wie mit Fußball: Da können auch nur die richtig tippen, die keine Ahnung haben. mehr...

Neueste Bildergalerien
Anzeige
Anzeige
Kolumne
Regine Sylvester

Die Krähe  im Berufsverkehr, Spätsommertomaten auf dem Balkon, ein altes Liebespaar beim Arzt – unsere Autoren Regine Sylvester, Harald Jähner und Detlef Kuhlbrodt entdecken die Stadt und ihre komischen Bewohner.  mehr...

Kolumne

Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch schreiben über ihr Leben als Mann. Zum Beispiel darüber, warum Erwachsenwerden völlig sinnlos ist. Wie man Frauen mit selbst angebauten Kartoffeln verführt. Und warum das alles irgendwie zusammenhängt. Lesen Sie, staunen Sie, schreiben Sie uns. mehr...

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Berliner Clubs
Anzeige