Stubendienste, Heimweh und immer wieder Bach. Wie war es, Mitglied des weltberühmten Thomanerchors zu sein? Ein Gespräch mit Georg Christoph Biller, heute Kantor des Chors, und Tobias Künzel, Sänger und Komponist der "Prinzen".
Ein heller Förster-Flügel ragt in den großen, lichten Raum. In den Wandregalen stehen meterweise Partituren von Bach-Kantaten in unterschiedlichen Ausgaben. Wir sind im Studierzimmer der Villa Thomana im Leipziger Bachviertel. Tobias Künzel, Sänger und Komponist der Band "Die Prinzen", einst selbst Thomaner, lässt sich auf dem Sofa nieder. Georg Christoph Biller, der amtierende Thomaskantor, der 16. nach Johann Sebastian Bach, nimmt auf einem Sessel Platz. Dieses Jahr ist ein besonderes: Die Thomaner feiern im März ihr 800-jähriges Jubiläum. Am 16. Februar kommt passend dazu der Dokumentarfilm "Die Thomaner" ins Kino.
Herr Professor Biller, Herr Künzel, Sie waren beide Thomaner, wenn auch nicht zur selben Zeit. Kennen Sie einander?
Tobias Künzel: Flüchtig. (lacht)
Georg Christoph Biller: Nein, wir kennen uns bestens. Ich kenne seine Anfänge im Thomanerchor aus eigener Anschauung. Da war ich in der 12. und er in der 4. Klasse.
Tobias Künzel wurde 1964 in Leipzig geboren und 1973 in den Thomanerchor aufgenommen. Nach dem Abitur an der Thomasschule studierte er an der Musikhochschule Leipzig Schlagzeug und Gesang.
Seit Anfang der 90er-Jahre ist er Komponist, Sänger und Frontmann der Popgruppe "Die Prinzen". Sechzig Prozent des Repertoires stammen aus seiner Feder – Songs wie "Es war nicht alles schlecht" oder "Mann im Mond".
Ein eigenes Tonstudio und einen Musikverlag hat Künzel seit 1993, seit 2002 lehrt er als Dozent für Popmusik an Musikhochschulen.
Er lebt in Leipzig und zeitweise in London, wo er als Schlagzeuger in zwei Club-Bands spielt.
Zwei Kinder hat der "Prinz" und ist verheiratet.
Georg Christoph Biller wurde 1955 in Nebra an der Unstruth (Sachsen-Anhalt) geboren. Mit zehn Jahren trat er in den Thomanerchor ein. An der Leipziger Musikhochschule studierte er im Hauptfach Dirigieren bei Rolf Reuter und Kurt Masur. Masur holte ihn 1980 als Chordirigenten an das Leipziger Gewandhaus. Parallel dazu begann er eine Laufbahn als Lied-Sänger und gründete das "Leipziger Vocalensemble".
1992 wurde er zum Thomaskantorberufen, seit 1994 lehrt er Chor-Dirigieren an der Leipziger Musikhochschule, seit 2009 auch Orchester-Dirigieren. Er ist der 16. Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach.
Als Gastdirigent leitet er immer wieder Weltrang-Orchester wie das New York Philharmonic Orchestra oder das Sydney Symphony Orchestra.
Die Schauspielerin Ute Loeck ist Georg Christoph Billers Frau.
Künzel: Das war eine tolle 12. Klasse damals, fast legendär zu nennen.
Biller: Wir haben uns ergänzt. Wir waren acht Leute – vier Tenöre, vier Bässe – und konnten schön Doppelquartett singen. Und später sind vier von uns Theologen geworden und vier Musiker.
Künzel: Es waren keine Ärzte dabei? Das ist ja auch ein typischer Ex-Thomaner-Beruf.
Biller: Nein. Theologen gibt es auch nicht mehr so viele. Aber dafür wieder mehr Musiker. Das hat mit dem Markt zu tun. Heute orientiert man sich wieder mehr an praktischen Zwängen. Früher dachte man: Gut, man hat auf der Thomasschule alte Sprachen gelernt, das ist nützlich für Theologie und Medizin, und mit beiden Fächern war man nicht am Bändel des Staates.
Gehen wir ins Jahr 1973 zurück, als Sie aufeinandertrafen. Was war das für eine Zeit für den Thomanerchor?
Biller: Es war eine Zeitenwende in der DDR, die Ära Ulbricht war zu Ende, Honecker hatte das Sagen. Er hat es geschafft, auch die letzten Betriebe zu enteignen, die ideologische Bevormundung zu vollenden. Die Thomaner waren nur 1970 einmal ins westliche Ausland gereist, nach Finnland. Finnland war das erste Land aus dem westlichen Block, das die DDR anerkannte. Der Thomanerchor spielte in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Er war ein Export-Artikel, mit dem man vorzeigte, was die DDR als Erbe pflegt. Innen wurde alles immer gleicher gemacht. Bei der Außendarstellung ging es auch um Devisen.
"Wir fühlen uns in den Kirchen wie zuhause"
Herr Künzel, wie wurden Sie Thomaner? Sie kamen nicht wie Herr Biller und viele andere Thomaner aus einem evangelischen Pfarrhaus.
Künzel: Bei mir kam eine Delegation in die Schule und suchte nach begabten Jungs. Man wollte nicht mehr nur Kinder aus bürgerlichen Häusern im Chor haben, sondern auch Kinder aus der Arbeiterklasse. Das stimmt bei mir zwar auch nicht – mein Vater war Musiker und gehörte damit der Intelligenz an –, aber auf diese Weise sollte sich der Thomanerchor mit der Arbeiterklasse vermischen. Ich bin dann zur Eignungsprüfung eingeladen worden und später noch mal zur Aufnahmeprüfung. Die beiden Prüfungen waren ein ganz normales Prozedere, aber meine Eltern haben das nicht verstanden, die dachten, ich sei nicht gut genug, weil man sich nach der ersten Prüfung noch nicht sicher war. Ich hatte aber inzwischen "Das fliegende Klassenzimmer" gelesen und wollte unbedingt ins Internat. Bei den Thomanern war es dann aber ganz anders als in diesem Buch. Ich hatte extrem viel Heimweh und wollte nur weg. Von einem Tag auf den anderen hat mir die Mama nicht mehr die Schnitten geschmiert und das Bett gemacht, einen Besen hatte ich auch noch nie in der Hand gehabt, und nun musste ich plötzlich Stubendienst machen.
Wie haben Sie Georg Christoph Biller damals erlebt?
Künzel: Ich kann mich erinnern, dass alle aus dieser 12. Klasse damals sehr einfühlsam und verständnisvoll waren, gerade weil ich Heimweh hatte. Sie waren sehr fürsorglich. Das war die große Tradition des Chores und wurde auch in der Übergangszeit der 70er-Jahre, in dieser Vermischung von Sozialismus und den Traditionen des Thomanerchors, aufrechterhalten. Die Älteren haben immer Verantwortung für die Jüngeren übernommen. In Tokio zum Beispiel waren wir ohne Begleitung von Erwachsenen unterwegs – es musste aber jemand aus der 11. oder 12. Klasse dabei sein.
Im Jahr 1212 wurde der Thomaskirche in Leipzig eine Knabenschule für Musik angegliedert, die auch Bürgerkindern zugänglich war und somit als Deutschlands älteste öffentliche Schule gilt. Die Thomaner sangen praktisch als Gegenleistung für Schulbildung und Unterkunft während Gottesdiensten, bei Taufen, Hochzeiten und Begräbnissen sowie Veranstaltungen der Ratsmitglieder.
Berühmt geworden ist der Thomanerchor durch Musiker und Komponisten wie Johann Sebastian Bach, der den Chor ab 1723 leitete. Zu Bachs Lebzeiten bestand der Chor aus rund 55 Schülern, die auf vier Chöre verteilt gemeinsam mit den Stadtpfeifern und einigen Kunstgeigern die Kirchenmusik in der Nikolaikirche, Thomaskirche, Neuen Kirche sowie der Petri- und Johanniskirche versehen mussten.
Aus etwa 100 Jungen zwischen 9 und 18 Jahren besteht der Chor heute. Sie wohnen im Internat und besuchen die Thomasschule, ein Gymnasium mit sprachlichem Profil und vertiefter musischer Ausbildung. Der Thomanerchor singt immer freitags 18 Uhr und sonnabends 15 Uhr Motetten in der Thomaskirche. Sonntags musiziert er um 9.30 Uhr im Gottesdienst.
War es die Musik, die diese Verbundenheit zwischen den Älteren und Jüngeren hergestellt hat?
Biller: Die Erziehung hier ist ursächlich mit der Musik verbunden. Die Musik ist zentral, und alles, was für die Musik notwendig ist, müssen wir aufbringen. Das wird jedem deutlich gemacht. Wir haben einen Gegenstand, an dem wir arbeiten.
Manche Jungen werden durch die Musik sogar gläubig. Können Sie das nachvollziehen, Herr Künzel?
Künzel: Ich habe mich damals automatisch mit den Texten befasst und mich gefragt, was ich da singe. Wir sind freiwillig zur Christenlehre gegangen, das wurde geduldet – normalerweise ging man ja zum Pioniernachmittag. Ich habe dort alles aufgesogen. Kirche gehörte zum Alltag, und das kommt uns übrigens auch jetzt wieder zugute. "Die Prinzen" gehen seit zwei Jahren auf Kirchentourneen, und wir fühlen uns in den Kirchen wie zu Hause. Für uns ist es ein geweihter, heiliger Raum, aber einer, in dem man sich bewegen darf, in dem man sich wie ein Mensch fühlen kann. Die Spiritualität entsteht durch die Erfahrungen im Thomanerchor, das habe ich aber erst später begriffen. In den ersten zehn bis 15 Jahren nach den Thomanern musste ich erst mal die Sau rauslassen, aber heute sehe ich, dass es schon etwas ganz Besonderes ist, Thomaner zu sein.
Von Ihnen, Herr Biller stammt der Satz: "Wir sind nichts Besonderes, aber wir tun etwas Bedeutendes." Sollen sich die Jungs nicht als Stars fühlen?
Biller: Es ist immer schwierig, dadurch nicht eitel oder arrogant zu werden. Für mich heißt dieser Satz auch: Wir müssen jeden Tag hinterfragen, was wir tun. Die Texte muss ich den Kindern übersetzen, auch wenn sie auf Deutsch geschrieben sind. Die barocke Sprache gibt uns Rätsel auf, den Erwachsenen auch, die tun dann so, als verstünden sie es. Das andere ist: In der Pädagogik geht es um das Spannungsverhältnis zwischen Gemeinschaft und Individuum. Wenn man nicht das Individuum im Auge behielte – und darum bemühe ich mich besonders, könnte es sein, dass nur die Gemeinschaft zählt und der Einzelne nicht – und so ist es nicht. Das würde ja den Einzelnen in seiner Entwicklung überhaupt nicht nach vorne bringen. Es muss immer wieder die Balance hergestellt werden, und das ist ja das ganze Leben lang so.
Herr Künzel, Sie galten als Rebell bei den Thomanern. Taten Sie sich schwer mit der Gemeinschaft?
Künzel: In den 70er-Jahren hat die Unterordnung eine große Rolle gespielt. Der Staat hat von Individualisten nicht viel gehalten, andererseits sollte der Thomanerchor so erhalten bleiben, wie er war. Der Chor fing dann an, in Kulturhäusern zu singen, wir sind auch vor Honecker aufgetreten, die Thomaner galten als Bestandteil der DDR. Auf der anderen Seite haben wir regelmäßig in der Thomaskirche gesungen. In diesem Spannungsverhältnis ist der Blick aufs Individuum verloren gegangen. Leute wie ich haben das zu spüren bekommen. Wir waren die Ausreißer, haben unsere Späße gemacht. Es gab Erzieher, die das erkannten und uns ein bisschen geleitet und geführt haben. Aber eigentlich galt der Spruch: Mach mit und ordne dich unter, wenn nicht, kannst du den Chor verlassen.
Wie wurde damals im Chor mit Popmusik umgegangen?
Künzel: Es wurde natürlich viel Popmusik gehört, wir waren ja Teenies. Aber ich war schon ein bisschen ein Außenseiter diesbezüglich. Nach einer ARD-Rockpalast-Nacht hat der damalige Kantor am Montag danach in der Probe gefragt, wer denn am Samstag lange ferngesehen habe. Und dann ging das Getuschel los: "Künzel, Künzel, Künzel …" Aha. Es wurde ein wenig von oben herab gelächelt und mit dem Kopf geschüttelt. Meine Familie kommt ja aus dem Entertainment – mein Vater und mein Bruder sind Swing- bzw- Rockmusiker, und das galt alles als Tanzmusik, egal ob es Roland Kaiser oder Deep Purple war, da kannte man keinen Unterschied. Der jetzige Thomaskantor ist dagegen bekennender Beatles-Fan und befasst sich mit aktuellen Musikströmungen. Wir unterhalten uns auch über Hip-Hop. Da gibt es eine ganz andere Toleranz. Am Ende ist alles nur Musik, man kann sie gut oder schlecht machen.
Biller: In der Popmusik gibt es Gesetze, die mit der sogenannten E-Musik auch etwas zu tun haben. Und das ist die Kommunikation. Die Popmusik scheint immer wieder die Menschen anzureden, aber sie ist auf Kurzlebigkeit angelegt. Bei den Beatles ist das anders: Sie haben diese Schiene bedient, aber mit der größtmöglichen Vielfalt.
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