18.02.2012

Vor Gericht: Flucht ohne Ausweg

Von Renate Rauch
Zwei Insassinnen des Lichtenberger Frauengefängnisses wurden nach einem Fluchtversuch verurteilt, bei einer Dritten steht das Verfahren noch aus.
Zwei Insassinnen des Lichtenberger Frauengefängnisses wurden nach einem Fluchtversuch verurteilt, bei einer Dritten steht das Verfahren noch aus.
Foto: dapd

Drei Häftlinge des Frauengefängnisses Lichtenberg hatten genug. Bei einer Kulturveranstaltung erbeuten sie von einer Pädagogin den Schlüssel und machen sie auf den Weg. Doch ihr Fluchtversuch endet schon im Treppenhaus.

Neun Frauen machen Discoabend, das stell ich mir unheimlich witzig vor, sagt der Richter. Immer noch besser als in der Zelle rumsitzen, kontert Tina. Disco im Frauengefängnis, das ist Abwechslung, ist Musik, das erinnert an das Leben draußen. Man denkt immer an draußen im Gefängnis, vor allem wenn man zwanzig oder zweiundzwanzig ist wie Tina und Kübra und sich noch nicht eingerichtet hat auf ein Leben hinter Gittern.

Am Tag des Discoabends haben sie schon früh am Morgen davon geredet. Was man machen könnte, um rauszukommen. Zwei Frauen sind über die Mülltonnen abgehauen, eine hat es über ein Gerüst geschafft. Geschichten, die man sich so erzählt. Wir haben von Amanda geredet, die damals den Anstaltsleiter als Geisel genommen hat, sagt Kübra. Es war nicht wirklich eine Idee.

Kurzschlussreaktion beim Discoabend

Kein konkreter Fluchtplan, aber im Unterbewusstsein saß der Gedanke fest. Und dann, bei der Disco, das war wie eine Kurzschlussreaktion. Komm, das machen wir jetzt.

Die Medienpädagogin Nadine K. organisierte im Frauengefängnis Lichtenberg einmal im Monat eine Kulturveranstaltung, mal Breakdance, mal Schminken mit Maskenbildner, und alle Vierteljahre eine Disco. Sie wurde eingelassen und eingeschlossen, sie hatte einen Schlüssel. Kübra, Tina und Franziska machten ihr Zeichen, dass sie sie sprechen wollten.

Sie haben mich in den Vorraum gelockt, sagt Nadine K., sie dachte, es sei etwas Persönliches. Tina pflanzte sich vor die Tür, einen Besen in der Hand. Kübra nannte sich selber eine gefährliche Frau und verlangte den Schlüssel. Nadine K. mit dem weichen Gesicht hatte Angst: Ich hab mehr oder weniger signalisiert, dass ich mich nicht wehren würde. Tina griff ihr in die Hosentasche.

Wo ist der Ausgang?

Kübra und Tina gingen los, Franziska blieb als Wache zurück. Es war ein Schlüssel zum Durchschließen, alle Türen lassen sich damit öffnen, dachten sie. Sie öffneten und schlossen, sie kamen bis ins Treppenhaus, aber sie fanden den Ausgang nicht. Wo wir dann gemerkt haben, dass kein Weg rausführt, haben wir geweint, berichtet Tina. Auch ein zweiter Fluchtversuch blieb erfolglos, diesmal war Kübra die Bewacherin. Sie war nur noch verzweifelt.

Nach zwanzig Minuten war alles vorbei. Sie gaben auf. Frau K. sagte, es ist ja noch nichts passiert, sie sollen ihr den Schlüssel wiedergeben. Das taten sie unter Entschuldigungen. Erst zwei Tage später informierte Frau K. die Gefängnisleitung.

Entschuldigungen vor Gericht

Die Mädchen entschuldigen sich auch jetzt, vor Gericht: Ich möchte sagen, dass es nicht persönlich mit Ihnen zu tun hatte und dass es mir leid tut, sagt Kübra.

Ich möchte mich auch entschuldigen, war eben Scheiße. Wir haben nicht nachgedacht, sagt Tina.

Die Jüngste, Franziska sitzt nicht mit auf der Anklagebank, ihr Verfahren wurde abgetrennt.

Bei der polizeilichen Vernehmung hatte Franziska ausgesagt, Kübra hätte sie gezwungen mitzumachen. Sonst werde Kübra sie zusammenschlagen. Kübra streitet ab: die wollte mitmachen.

Der Richter hat öfter im Frauengefängnis zu tun, er kennt Kübras Ruf. Die haben dort ganz schön Respekt vor Ihnen, sagt er.

Zäh und zierlich

Kübra ist Intensivtäterin, mit 15 war sie das erste Mal im Gefängnis. Zäh und zierlich, hat sie eine verblüffende Ähnlichkeit mit Lisbeth Salander, der düsteren Heldin Stig Larssons in der schwedischen Thriller-Verfilmung. Der abweisende Blick, die harten Wangenknochen, der entschlossene Mund. Nur die schwarzen Haare trägt sie anders, hochgesteckt zum Nest. Ihr Verteidiger nennt sie willensstark und intelligent. Eine ausgeprägte Person in viele Richtungen.

Tina ist kräftig, sie trägt Prinz-Eisenherz-Schnitt. Nur sieht es aus, als ob über das dunkle Haar noch eine zippelige blonde Perücke gestülpt wäre. Erstaunlich, was im Gefängnis friseurtechnisch möglich ist. Beide Mädchen haben eine Drogenkarriere hinter sich mit der ganzen Palette von Beschaffungskriminalität, die an Schwachsinn nicht zu überbieten ist, wie der Richter formuliert, Diebstahl, Raub und Körperverletzung.

Wegen Nötigung verurteilt

Die Sucht muss auch in diesem Prozess herhalten als Entschuldigung für die Idee der Flucht, zu ihrem Glück werden die Mädchen nicht wegen Geiselnahme, sondern nur wegen Nötigung verurteilt. Ihre Haft verlängert sich um sechs und acht Monate.

Ich wollte einfach raus, sagt Tina. Drogen beschaffen. Der Entzug sei zu schmerzhaft gewesen. Dabei ist der Entzug, die Therapie, das große Ziel, das beide aus dem Teufelskreis herausbringen soll. Die Zustimmung kriegen Sie hier, sagt der Richter, und es gibt keinen Tag zu verlieren. Fangen Sie an, die Alternative ist nicht rosig.

Aber das wissen die Mädchen ja schon.

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