Im Juli 1931 auf der Sieben-Mächte-Konferenz in London war Deutschlands Zahlungsunfähigkeit offensichtlich geworden. Jetzt im August kam „Bomben auf Monte Carlo“ in die Kinos. Eine Komödie mit viel Musik, in der Hans Albers den von Schulden gebeutelten Deutschen vorführte, wie man mit Gläubigern umgehen kann.
Im Juli 1931 auf der Sieben-Mächte-Konferenz in London war Deutschlands Zahlungsunfähigkeit offensichtlich geworden. Jetzt im August kam „Bomben auf Monte Carlo“ in die Kinos. Eine Komödie mit viel Musik, in der Hans Albers den von Schulden gebeutelten Deutschen vorführte, wie man mit Gläubigern umgehen kann.
Berlin –
Ein Rückblick auf Heinrich Brünings (1885-1970) Versuch, die Weimarer Republik vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und vor den Nationalsozialisten zu retten.
Bei den Historikern gilt Heinrich Brüning als gescheiterter Politiker. Wenn sie wohlwollend sind, würdigen sie ihn als „letzten demokratischen Reichskanzler der Weimarer Republik“. Wenn sie ehrlich sind, wissen sie aber mit ihm nicht viel anzufangen. Sein Scheitern wird auf seine falsche antizyklische Wirtschaftspolitik zurück geführt. Er wollte die Deutschen, ihren Staat und ihre Wirtschaft zu Beginn der Weltwirtschaftskrise „gesund hungern“.
Der Vorwurf ist so richtig und so falsch wie das freundliche Prädikat „letzter Demokrat“. Als Brüning von Reichspräsident Paul von Hindenburg im März 1930 zum Reichskanzler ernannt wurde, war die Demokratie im Staate Weimar schon am Ende. Brüning konnte nur noch einem Präsidialregime von Hindenburgs Gnaden vorstehen. Das Land befand sich am Rande des Bürgerkriegs. Jeder andere hätte genauso scheitern müssen. So ist von Brünings Nachruhm nur das schlechte Beispiel geblieben, dass Sparen in der Krise in eine Katastrophe führen und radikalen politischen Kräften den Boden bereiten kann. Eine abschreckende Lehre, die gegenwärtig angesichts der Pumpwirtschaft zwischen Athen und Washington Konjunktur hat.
Als Anfang 1930 die „Große Koalition“ unter Führung des Sozialdemokraten Hermann Müller auseinander brach, war die parlamentarische Demokratie im Reich bankrott. Es konnte keine Mehrheitsregierung mehr gebildet werden, weil auch die Sozialdemokraten und die Parteien der Mitte wie Stresemanns Deutsche Volkspartei, die bis dahin unter wechselnder Führung die Regierungen gebildet hatten, miteinander und untereinander so zerstritten waren, dass sie sich auf eine gemeinsame Politik nicht mehr einigen konnten. Streitthemen waren der Bau des Panzerkreuzers A, eines Prestigeprojektes der Wiederaufrüstung, die hohen Staatsschulden infolge der beginnenden Wirtschaftskrise, der Verpflichtung zu Reparationszahlungen, die gerade von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges im Young-Plan für weitere Jahrzehnte beschlossen worden waren, und die Notwendigkeit, dem Volk weitere Opfer auf zu erlegen.
„Bolschewisten“ und „wehrfeindliche Giftmänner“
Es war die Stunde der politischen Scharlatane und Extremisten, die nun dem verhassten Weimarer Staat den Garaus machen wollten. Eine verhängnisvolle Rolle spielte dabei General Kurt von Schleicher, Chef des Ministeramts im Reichswehrministerium. Er witterte eine Chance, die SPD endgültig aus der Politik zu verdrängen, in der er „Bolschewisten“ und „wehrfeindliche Giftmänner“ am Werke sah. Im Einvernehmen mit seinen Freunden in den Rechtsparteien schlug er Hindenburg vor, den konservativen Fraktionsvorsitzenden des Zentrums, Heinrich Brüning, zum Chef eines Minderheitskabinetts zu berufen, das vom Vertrauen des Reichspräsidenten abhängig sein würde.
Brüning überschätzte seine Möglichkeiten und seine Macht. Er glaubte noch daran, die republikfeindliche Rechte und sogar Hitler einbinden und zähmen zu können. Dazu verleitete ihn auch die breite Zustimmung zu seiner Absicht dem Young-Plan nur zuzustimmen, wenn zugleich der Staatshaushalt saniert und die öffentlichen Ausgaben, auch für Sozialleistungen, beschnitten werden. Beides war notwendig, um die Kredit- und Vertrauenswürdigkeit des Reiches wieder herzustellen. Die Furcht, dass Deutschland die Reparationen nicht bezahlen könne oder wolle, hatte schon zu Beginn der Weltwirtschaftskrise ausländische Banken, vor allem amerikanische, dazu bewogen, dem hoch verschuldeten Staat Kredite zu verweigern.
Das Regieren mit Notverordnungen hatte jedoch einen Nachteil. Der Reichstag musste ihnen nicht zustimmen, er konnte sie aber einfach aufheben. Brünings Amtszeit begann deshalb mit einer Niederlage. Sein erstes Sanierungsprogramm für den Haushalt fiel im Reichstag durch, ebenso wie dessen Wiedervorlage als Notverordnung. Brüning, mehr Administrator als Politiker, beging nun einen strategischen Fehler. Er ließ von Hindenburg nach Artikel 25 der Verfassung den Reichstag auflösen und Neuwahlen ausschreiben.
Unaufhaltsam in die Katastrophe
Brüning hatte gehofft, bei den Wahlen Stimmen für die Parteien der Mitte zu gewinnen. Die Rechnung ging jedoch nicht auf. Mit weitem Abstand gewannen die Nationalsozialisten fast sechs Millionen neue Wähler und vergrößerten die Zahl ihrer Sitze von 12 auf 107. Auch die Kommunisten legten zu. Alle Parteien der Mitte und der gemäßigten Rechten verloren dagegen. Nur das Zentrum konnte seinen Wählerstamm von rund 12 Prozent halten. Die SPD blieb trotz eines Verlustes von fünf Prozent mit 24.5 Prozent die stärkste Partei.
Damit war auch Brünings Hoffnung gescheitert, die NSDAP für seine Politik gewinnen zu können. Brüning ging dennoch gestärkt aus den Wahlen hervor. Aus Furcht vor Neuwahlen und Wahlsiegen der Nazis entschlossen sich die Sozialdemokraten, Brünings Politik zu „tolerieren“, zumal auch sie der Meinung waren, dass die unsolide „Pumpwirtschaft“ nach 1924 durch Sparmaßnahmen überwunden werden musste. Außerdem war ihnen noch ein Rest von Vertrauen zu ihrem früheren Regierungspartner geblieben, der zu Beginn seiner politischen Laufbahn einmal Funktionär der christlichen Gewerkschaft gewesen war.
So konnte Brüning seine Spar- und Deflationspolitik mit weiteren Notverordnungen fortsetzen, die auf eine Senkung von staatlichen Leistungen für Rentner und Arbeitslose, von Löhnen und Gehältern abzielten. Er glaubte damit das Wirtschaftswachstum und den Export steigern zu können. In der Weltwirtschaftskrise blieb ihm damit aber der Erfolg versagt. Er verschärfte nur die Krise und trieb die Arbeitslosenzahlen in die Höhe. Um Proteste wie Hungermärsche gegen unsoziale Sparmaßnahmen einzudämmen und der nationalen Agitation der Rechten den Wind aus den Segeln zu nehmen, verstieg er sich zu rechtsradikalen Parolen und bezeichnete Reparationen als Tributzahlungen an die Siegermächte, die Deutschland wohl nicht mehr lange werde leisten können. Damit beschädigte er selbst das Vertrauen der internationalen Finanzwelt, die sich nun noch stärker mit Investitionen und Krediten zurück hielt oder diese sogar panikartig zurück zog.
Die deutsche Wirtschaft schlitterte in eine Katastrophe. Im Sommer 1931 gab es bereits sechs Millionen Arbeitslose. As Retter in der Not schlug der amerikanische Präsident Herbert Hoover im Juni 1930 ein Moratorium für die deutschen Reparationen vor. Brüning war das nicht genug. Er wollte nun die Streichung aller Reparationen. Es dauerte ein weiteres Jahr bis sich die Siegermächte gegen französischen Widerstand auf der Konferenz von Lausanne dazu durch-rangen. Übrig blieb eine Restzahlung von drei Milliarden Goldmark, die aber nie gezahlt wurde.
Das Ende der Weimarer Republik
Es war ein teuer erkaufter Erfolg für Brüning. Ob er ihn durch seine Deflationspolitik ertrotzen wollte, ist umstritten. Er selber erweckte den Eindruck, als er kurz vor dem Beschluss von Lausanne sagte, „er stehe hundert Meter vor dem Ziel“. Die Bemerkung hatte aber einen doppelten Sinn. Er richtete seinen Blick bereits auf die turnusmäßigen Wahlen von 1934. Mit dem Ende der Reparationen und dem Abflauen der Weltwirtschaftskrise hoffte er auf einen Erfolg seiner Wirtschaftspolitik und ein Ende von Hitlers Erfolgen.
Die in der Harzburger Front zusammen geschlossene republikfeindliche Rechte unter dem Hitler-Freund Alfred Hugenberg, der auch Schleicher nahe stand, fürchtete wie Golo Mann schreibt, „nichts so sehr wie den endlichen Erfolg Brünings“. Sie nahmen ihm auch übel, dass er Hindenburg überredet hatte, 1932 für eine zweite Amtszeit zu kandidieren und die demokratischen Parteien einschließlich Zentrum und Sozialdemokraten dafür gewann, Hindenburg bei der Wahl als das kleinere Übel zu unterstützen, um seinen Gegenkandidaten Hitler zu verhindern.
Auch der geistig bereits hinfällige Hindenburg verübeltem Brüning, dass er seine Wiederwahl den verhassten Sozialdemokraten verdankte. Es fiel Schleicher nicht schwer, den alten Herrn zu überreden, sich von Brüning zu trennen. Einige seiner Argumente fanden nur allzu williges Gehör. Auch Hindenburg stieß sich daran, dass es Brüning nicht gelungen war, die Rechte einzubinden. Und als neu gebackener ostelbischer Großgrundbesitzer, für den Freunde das alte Familiengut Neudeck zurück gekauft und ihm geschenkt hatten, war er empört darüber, dass Brüning den hoch verschuldeten ostelbischen Junkern die staatlichen Subventionen streichen wollte. Eine entsprechende Notverordnung wollte Hindenburg nicht unterzeichnen. Er teilte Brüning kurz angebunden mit, dass er seinen Rücktritt erwarte.
Der Sturz Brünings war das Ende der Weimarer Republik. Seine beiden nur kurz amtierenden Nachfolger Papen und Schleicher halfen bereits bei der Machtübernahme Hitlers. Brüning emigrierte danach in die USA, wo er 1970 starb. Das Odium, Hitler mit seiner harten Sparpolitik den Griff nach der Macht erleichtert zu haben, ist er nie los geworden.
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