Magazin

Wohnen in Berlin: Grenzerfahrung Wohnungssuche

Von 
In Berlin, der Stadt der Wohnungssuchenden, verfehlt diese Werbung ihre Wirkung sicherlich nicht.
In Berlin, der Stadt der Wohnungssuchenden, verfehlt diese Werbung ihre Wirkung sicherlich nicht.
Foto: dpa

Unser Autor Malte Welding sucht eine Wohnung, merkt, dass dies eine Vollzeitbeschäftigung ist, er den falschen Beruf ergriffen hat - und Klaus Wowereit ein Genie ist.

Ich habe den Beruf gewechselt. Ich bin jetzt Wohnungssuchender in Berlin. Der Startschuss für meine neue Tätigkeit fiel, als meine Vermieterin mir durch ihren Anwalt mitteilte, sie wolle in meiner Wohnung von nun an Bilder malen. Meine Frau und ich suchen also nach Wohnungen, die unserer bisherigen gleichen, und machen einige Termine in Berliner Innenstadtvierteln aus.

Bei den ersten Besichtigungen sind wir noch naive Amateure, wir glauben, es werde reichen, die Selbstauskunft auszufüllen und seinen Personalausweis vorzulegen. „Haben Sie denn keine personalisierte Bewerbung?“, fragt die Maklerin.

„Wo ich dann schreibe, warum ich besonders gut zu der Wohnung passe?“, frage ich zurück.

„Ja, was denn sonst?“, antwortet sie.

Sie deutet auf den unübersehbar schwangeren Bauch meiner Frau und verdreht die Augen. „Für Familien ist die Wohnung doch ausdrücklich nicht geeignet.“

Schmerzhafte Selbsterkenntnis

„Konzipiert wurde das Maklerrecht als einseitiges sogenanntes Glücksgeschäft“, weiß Wikipedia. Der Makler wird nur im Erfolgsfall bezahlt, nicht für seine Leistung. Er wird aber auch bezahlt, wenn er gar nicht für die Vermittlung verantwortlich ist. „Nach dem Gesetz muss ein mit der Verkaufsvermittlung einer Immobilie beauftragter Makler nichts tun.“ Schmerzlich wird mir bewusst, dass ich den falschen Beruf ergriffen habe.

In der nächsten Wohnung zeige ich auf den Holzboden, der einmal feuerwehrautorot gewesen sein könnte zu einer Zeit, als es noch keine Feuerwehrautos gab. Jetzt ist er bräunlich und voller weißer Farbflecken. „Was passiert noch mit dem Boden?“, frage ich. „Mit dem Boden passiert nichts“, sagt der Makler erstaunlich bestimmt. Wir könnten das ja renovieren, allerdings sei der Vertrag auf zwei Jahre befristet.

Wenige Termine später stehen wir in einer recht hübschen, recht kleinen Wohnung. Irgendetwas fehlt. Mir ist es nicht gleich klar, ich frage meine Frau, ob sie auch so eine Verstimmung bemerke, aber meine Frau merkt seit vier Wohnungen nichts mehr. Sie ist für Krisensituationen nicht gemacht, denke ich.

Tiefschürfende Fragen

Endlich erlöst mich die Maklerin. „Man muss vielleicht darauf hinweisen, dass die Wohnung immer dunkel bleibt“, sagt sie und weist auf das gegenüberliegende Hochhaus. Nun gut, ich bin schließlich keine Pflanze, ohne Licht könnte ich wohl leben.

Die Maklerin blättert in meinen Dokumenten: „Woher sollen wir denn wissen, ob Sie im nächsten Jahr noch genug verdienen?“, fragt sie. Ehrlich gesagt, weiß ich das auch nicht.

Auf einer Party zieht mich ein Bekannter, der ein Haus besitzt, leider alles vermietet, zu sich. „Gib auf. Verlass das Land, oder binde dich in deiner alten Wohnung an den Heizkörper“, sagt er. „Es ist ein Anbietermarkt. Alles leer gekauft von reichen Europäern und Amerikanern, gebaut werden nur noch Luxusobjekte, erschwingliche Wohnungen werden nicht mal mehr unter der Hand weitergereicht.“ Die ausländischen Investoren hätten eine ganz andere Renditeerwartung als die alten Eigentümer.

„Ist Wowereit schuld?“, frage ich.

Hinkender Vergleich

So einfach sei das nicht, antwortet er. „Der hat den sozialen Wohnungsbau gekillt, aber Wowereit ist nur einer der vielen Namen eines Problems.“

Es gebe keine einfache Lösung. „Sind die Mieten zu niedrig, können die Eigentümer nicht investieren, alles verfällt; so wie es jetzt ist, wird allerdings die Innenstadt bald entwohnt sein und nachts alles aussehen wie die Friedrichstraße.“

Nur eine Minderheit der Berliner könne heute noch Wohnungen in dem Haus bekommen, in das sie vor zehn Jahren eingezogen ist. Und diese Minderheit wohne nicht zur Miete. „Tatsächlich ist Berlin immer noch günstig – aus Sicht eines New Yorkers“, sagt er. „Aber in New York kann man Geld verdienen. Dort gibt es die Wall Street, hier nur den Länderfinanzausgleich.“

Für die schöneren Wohnungen, also die mit Licht, muss man sich bewerben, damit man sie überhaupt sehen darf. Ich verbringe meine Tage mit dem Verfassen von Lobeshymnen auf meine Frau, ihre Leibesfrucht, mich und Wohnungen. „Nie sahen meine Augen eine schönere Klospülung, einen glänzenderen Badezimmerspiegel, nie berührten meine Füße solch gleißend Parkett.“

Crashkurs in Maklerdeutsch

Na ja, von Parkett kann natürlich keine Rede sein. Sondern von „PVC-Fußbodenbelag in ansprechender Holzoptik“. Bald lernen wir Maklerdeutsch: „Die Wohnung hat viel Potenzial“ heißt: Ein Handwerkertrupp kann hier in kaum zwei Jahren Arbeit etwas annähernd Bewohnbares draus machen. „Fußwarmes Linoleum“: arschkaltes Linoleum. „Wohnung im typischen Berliner Charme“: Diese Wohnung hat seit dem letzten Krieg keine Sanierung gesehen.

Nach der dutzendsten Wohnung im „Szenekiez“ (im Souterrain besaufen sich bis morgens um sieben Kegelclubs aus Kopenhagen) bewerben wir uns erschöpft um eine verfallene Mansarde in einem Spitzgiebelhaus. Dort passt bequem ein Doppelbett und vielleicht eine Wiege hin.

Nachdenken über den Begriff Prekariat

Danach sitze ich in meinem Wagen und denke über den Begriff Prekariat nach. Ein Drittel der Erwerbstätigen unter 35 ist prekär beschäftigt. Dabei können wir uns so viele Dinge leisten, dass wir gar nicht merken, wie arm wir eigentlich sind. Ist Obdachlosigkeit sexy? Ich denke an Menschen aus meiner Generation, die den sozialen Aufstieg geschafft haben. Philipp Lahm wohnt vermutlich nicht zur Miete. Was ist mit Richard David Precht? Ich rücke den Rückspiegel zurecht und versuche, telegen zu schauen. Ich habe das auf Facebook gelernt, aber mein Blick flackert. Statt eines Philosophen starrt mich ein urbaner Penner an.

Auf den Massenbesichtigungen schaut man in den Spiegel. Hier tummeln sich 150 Exemplare von einem selbst. 150 Menschen, die ähnlich viel verdienen, in einer ähnlichen Lebensphase stecken und ähnlich orientierungslos die Hand ihres schwangeren Partners ergreifen. Wenn ich meine Frau bei den Maklern um Gnade betteln höre, schäme ich mich. Früher hatte sie mal eine ganz schöne Stimme, glaube ich mich zu erinnern. Vielleicht sollte ich sie zurücklassen, allein mit dem Kind wird sich schon irgendein Amt um sie kümmern, ich könnte am Meer eine Sandburg besetzen.

Gefühle wie beim Marathon

Das Telefon klingelt, meine mir fremd gewordene Frau geht ran. Die Mansarde.

Zwei Kandidaten gäbe es noch, uns und jemand anderen.

„Sie haben alle Unterlagen und schauen da jetzt drei Tage drauf, ehe sie sich entscheiden“, teilt meine Frau mir mit.

„Nur drei Tage.“ Ich schließe die Augen.

Von Marathonläufern heißt es, dass der tote Punkt etwa bei Kilometer 35 eintrete. 35 Kilometer ist man gerannt, aber die letzten sieben Kilometer zerfallen auf einmal im Bewusstsein des Läufers in einzelne Schritte, siebentausend Schritte, einer schwerer als der andere, immer weiter bergauf, ein sehr großer Mann legt einem einen sehr großen Stein auf den Rücken, man rennt und rennt und rennt, und es sind noch sechstausendneunhundertundneunzig Schritte, der Körper fleht einen an, ihn in Ruhe zu lassen, sich hinzusetzen, vielleicht zu weinen, oder etwas zu trinken, eine kleine Badewanne wenn möglich.

In der letzten Phase gilt: Wer zuckt, verliert, der zahlt zu viel oder verliert die Wohnungsoption.

Kochnische als Wohnung

Ein Tag nur noch, bis die Mansarde vergeben wird, aber nun haben wir eine Zusage für eine Kochnische in Prenzlauer Berg, ich hätte mein Leben kaum zu ändern, nicht einmal aufhören mit dem Essen müsste ich, nur Duschen wird vielleicht nicht mehr drin sein, aber etwas außerhalb, in Warschau, soll eine Gartenlaube frei geworden sein, doppelt so groß wie die Kochnische und etwa zum selben Preis. Wir haben gute Aussichten, weil der Besitzer kein Deutsch kann.

Die Lage spitzt sich zu, als der Kochnischenbesitzer uns bedrängt, er habe eine sichere Zusage vom Sprössling einer bekannten deutschen Hoch- und Tiefbausippe. Hoch- und Tiefbau? Mir kommt die Erleuchtung: Ich packe meine rundliche Frau, und wir machen uns auf zur Willy-Brandt-Baustelle in Schönefeld. Die Gepäckbänder sind noch auf Jahre lauschige Plätzchen, fußwarmer Filz, unverstellter Blick, originelle Chromoptik, wir teilen sie mit einer Designerin aus Stuttgart und einem Waiblinger Geburtshelfer. Klaus Wowereit ist ein Genie.

comments powered by Disqus
Service

Was bringt der Abend, was bewegt Berlin am Wochenende? Unser Veranstaltungsservice führt Sie durch die Hauptstadt.

Termine heute, morgen und am Wochenende.
Kolumne

Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch schreiben über ihr Leben als Mann. Zum Beispiel darüber, warum Erwachsenwerden völlig sinnlos ist. Wie man Frauen mit selbst angebauten Kartoffeln verführt. Und warum das alles irgendwie zusammenhängt.

Ratgeber

Malte Welding beantwortet jede Woche eine Beziehungsfrage. Ein ausgebildeter Experte ist er nicht, aber mit der Liebe ist es wie mit Fußball: Da können auch nur die richtig tippen, die keine Ahnung haben.

Neueste Bildergalerien
Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Unsere Bilder des Tages